Junge VisionärInnen in Tutzing – ein Bericht

Anfang April haben junge VisionärInnen ein Wochenende in der Evangelischen Akademie Tutzing verbracht, um auf der Tagung „#Visionär: Junge Ideen in guter Gesellschaft“ ihre Zukunftswünsche und Projekte miteinander zu teilen und um zu diskutieren, wie sie als junge Generation in der Gesellschaft präsent sind und sie mitgestalten. Ein Bericht von Julia Wunderlich.

Mit einem Impuls um den „Bus der Begegnungen“ eröffnete Sozialunternehmer und Crowdfunding-Berater Shai Hoffmann die Workshoptagung. Hoffmann berichtete von verschiedenen Projekten, die Menschen zusammenbringen und bei denen „bedingungsloses Zuhören“ Werte wie Wertschätzung und Vertrauen hervorbringen sollen. Diese Zusammenschlüsse entstanden durch Vernetzung in sozialen Netzwerken und machen für ihn den positiven Charakter der digitalen Zusammenarbeit in Kombination mit der analogen Kooperation mit lokalen PartnerInnen deutlich.

Raul Krauthausen sprach sich auf der Tagung für technische Innovationen mit dem Ziel des Disability Mainstreamings aus.  „Inklusion ist keine Charity“, so Krauthausen. In seinem zweiten Zuhause, dem Netz, sind verschiedene Dienste zu finden, die er initiierte und die die Barrierefreiheit vorantreiben sollen, wie z.B. Wheelmap.org. Dank dieser weltweit größten Online-Karte ihrer Art können rollstuhlgerechte Orte wie Cafés oder Kinos für mobilitätseingeschränkte Menschen gefunden und markiert werden. Denn: „Auch Menschen ohne Behinderung haben das Recht darauf, mit behinderten Menschen zusammenzuleben.“, so Krauthausen. Sozialhelden e.V. will mit Krauthausen als Mitgründer einen neuen HeldInnenbegriff und neue HeldInnen-Bilder prägen. HeldInnen sind, laut Prof. Philip Zimbardo, Menschen, die sich freiwillig für andere einsetzen, dabei ein persönliches Risiko eingehen und nicht erwarten, dafür belohnt zu werden.

Kate Saslow von der Stiftung Neue Verantwortung zeigte das Spannungsfeld der Künstlichen Intelligenz in der Außenpolitik auf. Ihr Plädoyer zielte deutlich auf internationale Zusammenarbeit und Kooperation statt auf Abschottung, Wettbewerb und Konkurrenz ab. Laut Saslow zeige der Trend aktuell aber eher auf, dass es um einen maximalen Gewinn im KI-Business gehe sowie um maximalen globalen Einfluss im Wettbewerb um die Daten. Aus dem wirtschaftlichen Protektionismus leiten sich, so Saslow, nationale KI-Strategien ab, die zu einer Art „KI-Nationalismus“ führen könnten.

Silvia Hennig ist Gründerin des Think & Do Tanks Neuland 21 zur Neuerfindung des Landlebens im 21. Jahrhundert und war zuvor Referentin für Forschungs- und Innovationspolitik im EU-Parlament. In ihrem Impulsvortrag zeigte sie die Unterschiede im Lebensstil in Städten und auf dem Land auf. So seien Lebensmittelversände im urbanen Raum en vogue wohingegen diese Dienstleistungen in Dörfern nicht angeboten werden würden. Die Schließung von Dorfläden mache die Versorgungslage zudem unsicher. On-Demand Ridesharing-Dienste nähmen auf dem Land zu, so dass die Digitalisierung die Lebensqualität hier verbessere, so Hennig. Besonders die Mobilitätsfrage und das Zu-Ende-Denken von Mobilitätsketten beschäftigte das junge Publikum sehr und wurde als einer der Hauptfaktoren für die Landflucht beschrieben. In Workshops arbeiteten die jungen Tagungsgäste mit Silvia Hennig ihre Visionen aus. Die Frage war, wie das Landleben mithilfe der Digitalisierung attraktiver für alle Generationen, aber v.a. für junge Menschen werden könne, um technische Innovationen und Apps für das Gemeinwohl auch hier anwendbar zu machen.

Im Akademiepark machte Julian Zuber relevante Faktoren für ein erfolgreiches und erfüllendes ehrenamtliches Engagement erfahrbar. Die Reflektionen über Vertrauen, die eigene Motivation im Ehrenamt und Erwartungen in Kooperationen zeigten seine langjährigen Erfahrungen im Ehrenamt auf.

Adriana Groh stellte als Projektmanagerin der Open Knowledge Foundation deren Förderung im Bereich Public Interest Tech und Civic Tech vor, die dem Gemeinwohl dienen und digitale Werkzeuge für mehr Miteinander sein sollen. So wolle z.B. die App WePublic den Austausch zwischen PolitikerInnen und WählerInnen im Zeitraum zwischen den Wahlen erhalten und v.a. junge Stimmen auch in diesen Zeiten hörbar machen. Mit Apps dieser Art will die Stiftung technische Innovationen gesellschaftsverantwortlich denken und eine Kultur des Ausprobierens fördern. Ebenso soll das digitale Ehrenamt gestärkt werden, wie z.B. die Übernahme einer Moderation in einer Whats-App-Gruppe, das Schreiben eines Artikels bei Wikipedia, dem ehrenamtlichen Programmieren neuer Apps oder die Einstellung neuer Daten bei Apps wie der Wheelmap von Krauthausen. Denn „Datensammeln kann jede/r“, so Groh.

Prof. Dr. Gerald Beck stellte den aktuellen Forschungsstand im Bereich der sozialen Innovationen im Kontext der Demokratie vor. Fragen offener Innovationsprozesse beforscht er an der Fakultät für angewandte Sozialwissenschaften an der Hochschule München und ist zudem Mitglied im Forschungsverbund For Democracy. Die Moderne beschäftige sich vor allem mit den Risiken und Nebenfolgen der (technischen) Erfindungen, die nicht gewollt gewesen seien, so Prof. Beck. Die Nebenfolgen der Technologien seien aber nicht mit weiterer Technologie bekämpfbar. Mit Initiativen wie Repair Cafés zeige sich, dass sich neue Formen des Zusammenlebens aufbauen würden. Reale Utopien eines „guten Lebens“ würden in Experimentierräumen wie diesen im Praxistest geprüft werden.

Während zu Beginn der Tagung Parteipolitik eher noch mit bürokratischen Herausforderungen oder der Langatmigkeit von Gremiensitzungen assoziiert wurde, gaben die vier KandidatInnen für das Europaparlament Benjamin Adam (SPD), Isabella Ritter (CSU), Cécile Prinzbach (FDP) und Reinhard von Wittken (Bündnis90/Die Grünen) dem politischen Wirken und der europäischen Idee am letzten Tagungstag eine lebendige und persönliche Note. Die jungen Tagungsgäste stiegen sofort leidenschaftlich und engagiert in die interaktive Debatte ein und es gab viel Diskussionsraum. Erörtert wurden die jeweils eigenen Motivationen (partei-) politisch aktiv zu sein, die gerade erst verabschiedete und kontrovers diskutierte EU-Urheberrechtsreform und die Frage zum Mut, in der Politik als PolitikerIn und Partei Fehler zugeben zu können, um so den Blick auf (Partei-) Politik authentisch und konstruktiv zu gestalten.

Das Tagungswochenende der jungen VisionärInnen zeigte auf, dass sich besonders im Bereich des Civic Tech ein Wandel im Hinblick auf ein gutes Zusammenleben abbildet, der gleichzeitig ebenso in analogen Projekten, neu gegründeten Thinktanks und außerschulischen Bildungsideen zu sehen ist. Mein Dank gilt dem Kooperationspartner Julian Zuber (Mitgründer des Thinktanks Polis 180 für Europa und Außenpolitik) für die bereichernde Zusammenarbeit in dieser #JungenVisionärsTagung.

Julia Wunderlich
Studienleiterin Junges Forum

Bild: Visionärin Silvia Hennig (Gründerin Neuland 21, Bildmitte) für Dörfer der Zukunft mit digitalen Tools mit Julia Wunderlich (Studienleiterin Junges Forum, links im Bild) und Kooperationspartner Julian Zuber. (Foto: eat archiv)

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