Respekt-Lernräume im Klassenzimmer

Unsere neue Kollegin Beate Hartmann ist seit Mitte Juli mit an Bord der Evangelischen Akademie Tutzing und Leiterin des Projekts “Alles Glaubenssache? Prävention und politische Bildung in einer Gesellschaft der Diversität”. Die Diplomsozialpädagogin und Bildungswissenschaftlerin verstärkt das Team des Jungen Forums um Studienleiterin Julia Wunderlich in einer neu geschaffenen Stelle. Beate Hartmann wird zukünftig Workshops in Schulen “rund um das Zusammenleben in unserer diversen Gesellschaft” begleiten. Worum es dabei genau geht, erzählt sie im Interview.

Evangelische Akademie Tutzing: Frau Hartmann, worum genau geht es bei dem Projekt “Alles Glaubenssache?”

Beate Hartmann: Die Schwerpunkte liegen auf Fragen in Bezug auf das Zusammenleben in unserer diversen Gesellschaft. Themen darin sind beispielsweise Vielfalt, Rassismus, Respekt und das Zusammenleben von Menschen verschiedener Religionszugehörigkeiten. Die Jugendlichen werden mit entsprechenden Methoden eingeladen und inspiriert, in Workshops über die Rolle von Religion und Demokratie in unserer Gesellschaft nachzudenken. Wo stehe ich eigentlich? Wie finde ich meinen eigenen Standpunkt? Wie kann ich mich positionieren? Das sind mögliche Fragen, die wir gemeinsam erörtern wollen. Demokratie ist ein sehr fragiles  Konstrukt. Nicht alle empfinden Vielfalt als Bereicherung. Eine demokratische Gesellschaft mit der Teilhabe aller erfordert Fähigkeiten wie das Aushalten von Uneindeutigkeiten und Widersprüchlichkeiten. Es gehört dazu, andere Meinungen nicht nur tolerieren, sondern auch respektieren zu können. All das kann man lernen. Diese Kompetenzen können neben einer konkreten Wissensvermittlung, zum Beispiel über die Geschichte des Rassismus und dessen Wirkweise, in Workshops an Schulen eingeübt und erweitert werden. Ich werde auch mit Respekt Coaches an deren Schulstandorten zusammenarbeiten – und freue mich schon sehr darauf.

Wie werden diese Workshops aussehen?

Ganz unterschiedlich. Ein Workshop könnte zum Beispiel so aussehen: Ich beginne mit einer Methode, die an der Lebenswelt der Teilnehmerinnen und Teilnehmer anknüpft, wie beispielsweise eine Imaginationsübung zu Rassismen im Alltagserleben. Die Schülerinnen und Schüler werden bei dieser selbstreflexiven emotionalen Auseinandersetzung professionell begleitet und unterstützt. In einem weiteren Schritt können Freiwillige im Rollenspiel Ideen erarbeiten, wie sie sich positionieren können, wenn sie Zeugin und Zeuge von solchen Alltagsrassismen werden.

Sie haben eingangs die Respekt Coaches erwähnt. Um was handelt es sich dabei?

Respekt Coaches sind pädagogische Fachkräfte, die an die Jugendmigrationsdienste angegliedert sind. Sie organisieren an ihren jeweiligen Schulstandorten primärpräventive Maßnahmen für die Schülerinnen und Schüler. Als Leitung des Projektes “Alles Glaubenssache?” entwickle ich unter anderem auch Module der gesellschaftspolitischen Jugendbildung für Schulklassen und kann diese in Kooperation mit den Respekt Coaches an deren Schulen durchführen. In regelmäßigen Abständen möchte ich regionale Fachtage für die Respekt Coaches organisieren. Aufgrund der aktuellen Situation wird hier der Fokus derzeit beispielsweise auch auf die Erprobung von Online-Formaten und deren Möglichkeiten der Implementierung in den Schulen gelegt.

Gibt es das Projekt “Alles Glaubenssache?” auch an anderen Orten Deutschlands?

Ja, drei weitere Evangelische Akademien in Deutschland haben ebenfalls eine Projektstelle des Bundesprogramms und ich freue mich auf die bundesweite Vernetzung. Für den Akademiestandort Tutzing möchte ich ein eigen zugeschnittenes kohärentes Handlungskonzept erarbeiten und sukzessive umsetzen.

Das Projekt verstärkt die Arbeit des Jungen Forums der Akademie, in dem Julia Wunderlich die Studienleitung inne hat. Der bundesweite Projektträger ist die Evangelische Trägergruppe für gesellschaftspolitische Jugendbildung, der Dachverband der außerschulischen Jugendbildung der Evangelischen Akademien in Deutschland und der Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend Deutschland. Das Projekt “Alles Glaubenssache?” läuft bereits seit zweieinhalb Jahren. An den Erfahrungshintergrund der früheren regionalen Fachstelle bei der Evangelischen Jugendsozialarbeit Bayern e. V. (ejsa Bayern) möchte ich anknüpfen und beispielsweise die bereits erwähnten regelmäßigen Fachtreffen mit den Respekt Coaches fortführen – auch um Raum für neue gemeinsame Ideen und Kooperationen zu schaffen.

Was ist Ihnen wichtig?

Am wichtigsten ist mir, eine respektvolle vertrauensvolle Atmosphäre zu schaffen. Die Jugendlichen sollen spüren, dass sie ernst genommen werden und dass das, was sie zu sagen haben, bedeutsam ist. In unserer komplexen, pluralisierten Gesellschaft ist es meines Erachtens enorm wichtig, Jugendliche so früh und so oft wie möglich in Reflexionsprozessen zu schulen. Dazu ist ein geschützter bewertungsfreier Raum notwendig, in dem die Jugendlichen laut denken dürfen. So können sie sich ihrer eigenen Haltungen und Erfahrungen bewusst(er) werden. Junge Menschen in diesen Prozessen begleiten zu dürfen, demokratische Aushandlungsprozesse mit ihnen einzuüben und sie dafür zu begeistern, wie spannend und bereichernd Diversität sein kann – das ist für mich eine sehr sinnstiftende und erfüllende Aufgabe, die mir viel Freude macht.

Das Interview führte Dorothea Grass

Weitere Informationen:

“Alles Glaubenssache? Prävention und politische Bildung in einer Gesellschaft der Diversität” ist ein Projekt der Evangelischen Trägergruppe für gesellschaftspolitische Jugendbildung (et) und wird vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) gefördert. Am Projekt sind neben der Bundesgeschäftsstelle vier Standorte aus dem Netzwerk der et beteiligt: die Evangelische Akademie Frankfurt, die Evangelische Akademie Sachsen-Anhalt,  die Evangelische Akademie Loccum und die Evangelische Akademie Tutzing.

Mehr über das Projekt erfahren Sie hier.

Weitere Informationen zu den Respekt Coaches können Sie hier abrufen.

Bild: Beate Hartmann, Leiterin des Projekts “Alles Glaubenssache? Prävention und politische Bildung in einer Gesellschaft der Diversität” (Foto: dgr/eat archiv)

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