Brücken bauen, Spaltungen abschwächen

“In der Zivilgesellschaft kommt die Pluralität einer Gesellschaft zum Ausdruck”, stellt der Politologe Edgar Grande fest. Gemeinsam mit der Freundeskreisvorsitzenden Brigitte Grande und Akademiedirektor Udo Hahn hat er gerade einen Band herausgegeben: “Zivilgesellschaft in der Bundesrepublik Deutschland”. Darin geht es um die Zivilgesellschaft und um das, was sie leisten kann, darf und muss – erst recht in Krisenzeiten.

Ob in Vereinen und Verbänden, Nachbarschaftsinitiativen, Non-Profit-Unternehmen oder Parteien: Welchen Stellenwert und welche Funktion hat gesellschaftliches Engagement von Bürgerinnen und Bürgern? Und welche Herausforderungen sind es, vor denen Menschen stehen, die sich (ehrenamtlich) engagieren? Diesen und weiteren Fragen stellt sich der Band “Zivilgesellschaft in der Bundesrepublik Deutschland” (hier über den Transcript-Verlag abrufen). Er entstand aus einer Tagungskooperation der Evangelischen Akademie Tutzing mit ihrem Freundeskreis sowie dem Zentrum für Zivilgesellschaftsforschung am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB).

Herausgegeben wurde das Buch von der Vorsitzenden des Freundeskreises der Akademie Brigitte Grande, dem Gründungsdirektor des Zentrums für Zivilgesellschaftsforschung, Prof. Dr. Edgar Grande sowie von Akademiedirektor Udo Hahn. In diesem Interview erläutern sie ihr gemeinsames Buchprojekt.

Frau Grande, wie entstand die Idee zu diesem Buch?

Brigitte Grande: Die Evangelische Akademie Tutzing und ihr Freundeskreis sind etablierte und anerkannte zivilgesellschaftliche Institutionen. Und das seit Bestehen der Bundesrepublik Deutschland, denn der Freundeskreis wurde im selben Jahr gegründet wie die Bunderepublik. Wir wollten daher wissen, welche Rolle die Zivilgesellschaft für die politische und gesellschaftliche Entwicklung der Bundesrepublik gespielt hat. Mit Politikerinnen, Wissenschaftlerinnen und zivilgesellschaftlichen Akteurinnen sind wir dieser Frage nachgegangen. Das daraus entstandene Buch lässt die Geschichte der Bundesrepublik Revue passieren und zeigt, wie bürgerschaftliches Engagement in den entscheidenden Phasen von Wiederaufbau und Wiedervereinigung, von Demokratisierung und Migrationsherausforderungen die Entwicklung beeinflusst und geprägt hat: die Zivilgesellschaft war also wichtig und notwendig für die Entwicklung unseres Landes war! Das ist eine wichtige Botschaft für die Zukunft. Und natürlich wagt das Buch auch Ausblicke darauf, was die Zivilgesellschaft zukünftig braucht, um das leisten zu können, was wir von erwarten.

Herr Grande, Sie leiten das Zentrum für Zivilgesellschaftsforschung WZB in Berlin. Was genau ist eigentlich Zivilgesellschaft? Wodurch zeichnet sie sich aus?

Edgar Grande: Die Zivilgesellschaft hat viele Gesichter. Sie zeichnet sich durch eine große Vielfalt von Organisations- und Handlungsformen und durch eine große Bandbreite von Handlungsbereichen aus. Das Spektrum reicht vom Non-profit-Sektor, also dem nicht-gewinnorientierten wirtschaftlichen Handeln, über die vielfältigen Formen des ehrenamtlichen Engagements in Verbänden, Vereinen und Initiativen bis hin zur politischen Beteiligung, zu politischem Protest und zu sozialen Bewegungen. Bei all diesen Fällen handelt es sich um die freiwilligen Zusammenschlüsse, das freiwillige Engagement der Bürger als Bürger jenseits von Staat, Markt und Privatsphäre.

In der Zivilgesellschaft kommt die Pluralität, das gesamte Spektrum von Werten, Zielen, Akteuren und Handlungsformen in einer Gesellschaft zum Ausdruck. Das schließt mit ein, dass auch die Zivilgesellschaft ihre Schattenseiten haben kann, ob das lokale Initiativgruppen sind, in denen die Eigeninteressen von Anwohnern dominieren, sei es gegen neue Straßen, gegen Mobilfunkmasten, gegen Windräder oder anderes mehr, oder ob das nationalistische und ausländerfeindliche Proteste sind.

Welchen Herausforderungen steht die Zivilgesellschaft in Deutschland im Jahr 2021 gegenüber?

Edgar Grande: Wir haben in Deutschland eine sehr aktive und vielfältige Zivilgesellschaft mit einem großen Aktivierungspotenzial. Das ist die gute Nachricht. Gleichzeitig ist aber auch erkennbar, dass Zivilgesellschaft bereits vor dem Jahr 2021 vor großen Herausforderungen stand. Eine dieser Herausforderungen betrifft den Wandel der Organisationsformen des bürgerschaftlichen Engagements. Das bürgerschaftliche Engagement hat in Deutschland zwar insgesamt zugenommen, gleichzeitig haben sich aber sein Tätigkeitsspektrum und seine Organisationsformen gewandelt. Feste, dauerhafte Bindungen an Vereine, Verbände und Parteien verlieren an Bedeutung, während sich neue, flexiblere Formen des Engagements herausbilden. Eine Folge dieses Wandels ist der Bedeutungs- und Mitgliederverlust von großen Organisationen. Das betrifft die Volksparteien, die Kirchen und die Gewerkschaften.

Die Corona-Pandemie ist eine besondere Herausforderung für die Zivilgesellschaft. Auf der einen Seite war das bürgerschaftliche Engagement in besonderer Weise gefordert, wie beispielsweise in der Nachbarschaftshilfe, andererseits litten gerade zivilgesellschaftliche Vereine, Initiativen und Projekte unter den Corona-Maßnahmen. Sie mussten ihre Aktivitäten Großteils einstellen und den Kontakt zu ihren Mitgliedern über digitale Formate aufrechterhalten. Es ist zu befürchten, dass einige Ehrenamtliche diese erzwungene Auszeit als Gelegenheit zum Ausstieg aus dem Engagement nutzen. Allein dieses Beispiel zeigt, dass die Zivilgesellschaft Unterstützung benötigt, um diese Herausforderungen bewältigen zu können.

Frau Grande, als Vorsitzende eines Freundeskreises, der mit seinen mehr als tausend Mitgliedern in jeden Winkel unseres Freistaats reicht: Welche Möglichkeiten sehen Sie für den Freundeskreis auf diese Herausforderungen zu reagieren?

Brigitte Grande: Unser Kerngeschäft ist, Diskurs und Meinungsbildung zu ermöglichen. Wir tun das, indem wir bayernweit zu Veranstaltungen einladen, die Wissensvermittlung mit Austausch und Diskussion verbinden. Und das zu Themen aus Politik, Wirtschaft, Kultur, Wissenschaft, Religion und Medien, die die Menschen bewegen, die konträr diskutiert werden, die polarisieren und vielleicht sogar die Gesellschaft spalten. Die Akademie und ihr Freundeskreis stehen für eine Diskussionskultur, in der Zuhören und das sorgfältige Abwägen gelten. Nur so können Brücken gebaut und Spaltungen abgeschwächt werden. Das alles konnte während der Pandemie nur in digitaler Form stattfinden. Die Coronapandemie hat uns damit deutlich gemacht, wie schützens- und erhaltenswert unsere Arbeit ist. Wir tun deshalb alles dafür, diese Arbeit fortzusetzen: wir werden uns wieder zu Austausch und Begegnung, zu Vorträgen und Diskussionen treffen. Die Veranstaltungen sind geplant, wir sind bereit.

Herr Hahn, im Vorwort zum Buch ist zu lesen: “Angesichts des schwächer werdenden gesellschaftlichen Zusammenhalts in unserem Land und der weltweiten Bedrohung freier demokratischer Gesellschaften bleibt es wichtig, dass Bürgerinnen und Bürger Debatten führen zur Zukunft unserer Gesellschaft und sich für eine stabile demokratische Gesellschaftsordnung engagieren.” Welche Rolle fällt hierbei der Bildungsarbeit der Kirchen zu?

Udo Hahn: Die Bildungsarbeit der Kirchen ist ein Dienst an der Gesellschaft. Der Spiegel-Gründer Rudolf Augstein hat in einer Tagung der Evangelischen Akademie Tutzing gesagt, die Kirchen konnten nach dem Zweiten Weltkrieg nichts Besseres tun, als Akademien zu gründen. Einer, der mit dem christlichen Glauben wenig anzufangen wusste und von den Kirchen nicht viel hielt, hat mit dieser Wertschätzung aber zum Ausdruck gebracht, wie wichtig solche Orte sind.

Die evangelische Kirche hat zuletzt in Positionspapieren und synodalen Beschlüssen Bildung als Thema aufgewertet und spricht explizit von einer Querschnittsaufgabe. In dieser Weise Bildungsverantwortung wahrzunehmen, kommt nicht nur der Kirche selbst, sondern der gesamten Gesellschaft zugute.

Wie sollten wir Debatten führen? Was sollten sie erreichen und wo gibt es auch Grenzen – thematisch, aber auch formal? Was können neuere Kanäle wie etwa Social Media zur Debattenkultur beitragen?

Udo Hahn: Debatten sorgen für Transparenz durch Beteiligung. Sie machen unterschiedliche Perspektiven sichtbar. Sie bieten ein Forum für die Suche nach Lösungen, mindestens nach Teillösungen oder nächsten Schritten in einem Prozess. Der Austausch eröffnet die Möglichkeit der Konsens- bzw. Kompromissbildung. Im Ringen um Lösungen wird immer wieder sichtbar, dass mit sprichwörtlich harten Bandagen gekämpft wird. Hart in der Sache, respektvoll im Umgang miteinander.

Thematische Grenzen gibt es aus meiner Sicht keine. Alles, was die Menschen bewegt, muss diskutiert werden. Formale Einschränkungen sehe ich dort, wo sich Rassismus und Antisemitismus breit machen. Und Hass – das ist keine Meinung, sondern die gezielte Verunglimpfung des Gegenübers. Ein Diskurs ist auf dieser Basis nicht möglich.

Social Media sind Instrumente, die die Meinungsbildung fördern können. Die Entwicklung zeigt aber, dass der Missbrauch in erheblichem Umfang zugenommen hat und durch die gezielte Verbreitung von Falschinformationen eigentlich nützliche Erfindungen den gesellschaftlichen Zusammenhalt nicht nur gefährden, sondern zerstören können. Dies sollte aber nicht dazu führen, diese Plattformen jenen zu überlassen, die nur Destruktives zu bieten haben.

Das Interview führte Dorothea Grass

 

 

Brigitte Grande / Edgar Grande / Udo Hahn (Hg.)
Zivilgesellschaft in der Bundesrepublik Deutschland –
Aufbrüche, Umbrüche, Ausblicke

Erschienen im Transcript-Verlag (04/2021)
bestellbar als Printfassung 29,50 EUR / ISBN 978-3-8376-5654-1
oder kostenlos abrufbar als E-Book (PDF), Open Access unter diesem Link

Hörtipp:
In der aktuellen Folge des “Seefunken”-Podcasts spricht Prof. Dr. Edgar Grande mit Dorothea Grass, Studienleiterin und Referentin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, über die Zivilgesellschaft in Zeiten von Corona. Hier anhören.

Bild: Die Herausgeber des Buches: Udo Hahn, Brigitte Grande und Edgar Grande (Foto: ma/ eat archiv)

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