70 Jahre Anregung zum Selberdenken

Mit einem Festakt und einem Vortrag des Architekturhistorikers Winfried Nerdinger hat der Münchner Freundeskreis der Evangelischen Akademie Tutzing sein 70-jähriges Bestehen gefeiert. Der Tag stand unter dem Motto „Erinnern hat Zukunft!“.

„Foren schaffen für Meinungsbildung, Multiplikatoren einer Diskussionskultur zu sein, in der das Argument und das sorgfältige Abwägen gilt, Wissen in Orientierung zu verwandeln, Begegnungen ermöglichen, Freundschaften pflegen, Netzwerke knüpfen, zum Engagement ermutigen, einen Beitrag zur Demokratie leisten!“ – so beschrieb Brigitte Grande, die Vorsitzende des Gesamtfreundeskreises der Evangelischen Akademie Tutzing in ihren Glückwunschworten die vielen Funktionen einer der zivilgesellschaftlichen Player in der Bayerischen Landeshauptstadt.

1949 wurde der Münchner Freundeskreis der Akademie gegründet, in einer Zeit der „Neukonstruktion der Zivilgesellschaft in Deutschland“, wie es auf der Einladung zum 70. Geburtstag hieß. Dr. Karin Bergmann, die Leiterin des Freundeskreises in München, Brigitte Grande und Udo Hahn, Direktor der Evangelischen Akademie Tutzing hatten zum Auftakt in den festlichen Universitätsgottesdienst in die Kirche St. Markus in der Gabelsbergerstraße geladen. Am Nachmittag hielt Prof. Dr. Winfried Nerdinger, Gründungsdirektor des NS-Dokumentationszentrums München und Präsident der Bayerischen Akademie der Schönen Künste im Amerikahaus den Festvortrag mit dem Titel: „Erinnerung basiert auf Wissen“.

Nerdinger zeichnete in seinem Vortrag die Zusammenhänge von Erinnerung, Orten und Symbolen nach und berichtete von der Entstehung des NS-Dokumentationszentrums München, das im Mai 2015 als „zentraler Lern- und Erinnerungsort“ eröffnet wurde. 70 Jahre oder drei Generationen hatte es gedauert, um nach Kriegsende einen solchen Ort einzuweihen. Er wurde bewusst gewählt: Früher stand an der Stelle am Königsplatz das „Braune Haus“. Das so genannte Palais Barlow wurde 1930 von der NSDAP gekauft, die hier alsbald ihre „Reichsleitung“ unterbrachte. „In seiner Nachbarschaft entstand ein weitläufiges Verwaltungsviertel mit Zentralbehörden und Nebenstellen der Partei.“, heißt es auf der Homepage des Dokumentationszentrums über diesen Ort in der einstigen „Hauptstadt der Bewegung“.

Nerdinger zitierte in seinem Vortrag den Philosophen und Soziologen Theodor W. Adorno: „Die Forderung, dass Auschwitz nicht noch einmal sei, ist die allererste an Erziehung. […] Man muss die Mechanismen erkennen, die die Menschen so machen, dass sie solcher Taten fähig werden, muss ihnen selbst diese Mechanismen aufzeigen und zu verhindern trachten, dass sie abermals so werden […] Die einzig wahrhafte Kraft gegen das Prinzip von Auschwitz wäre Autonomie […] die Kraft zur Reflexion, zur Selbstbestimmung, zum Nicht-Mitmachen.“ Diese Aussage sei zentral für die pädagogische Arbeit des Münchner NS-Dokumentationszentrums. Nerdinger sagte, die Aufgabe des Zentrums bestünde darin, diese Kraft zur Reflexion und damit zum „Nie-wieder“-Mitmachen durch Wissen zu stärken.

Dass das Erinnern vom Erzählen lebt, darauf wies Stadtdekanin Barbara Kittelberger in ihrem Grußwort hin, das von Pfarrer Frank Kittelberger verlesen wurde. Angesichts der vielen politischen Grenzüberschreitungen, dem offen zur Schau gestellten Antisemitismus oder den Morddrohungen gegen Politiker sei das Erinnern zur Bürgerpflicht geworden. Dem Freundeskreis dankte Kittelberger für sein stetiges Weiterdenken sowie dafür, dass er ein „festes Band der Gemeinschaft“ knüpfe.

Komplexität aushalten, Orientierung gewinnen

„Erinnern hat Zukunft!“ hatte der Münchner Freundeskreis seinen Festtag überschrieben. In seinem Grußwort lobte Akademiedirektor Udo Hahn dieses Motto – auch, weil es eine Verbindung mit der Geschichte der Evangelischen Akademien in Deutschland schaffe. Unter der Überschrift „Nie wieder“ seien nach dem Zweiten Weltkrieg viele Überlegungen und Konzepte entstanden, die dazu beitragen sollten, dass sich nie wieder das wiederholen kann, was zum größten Zivilisationsbruch in der deutschen Geschichte geführt habe. Selber denken und Meinungsbildung möglich machen – das sei das Ziel von Bildungseinrichtungen wie der Evangelischen Akademie Tutzing und ihren Freundeskreisen.

Hahn weiter: „Orientierung gewinnt nur, wer der uns umgebenden Komplexität mit der Bereitschaft begegnet, diese Komplexität auch auszuhalten. Wer bereit ist, den Dingen auf den Grund zu gehen – und bereit ist, nicht die erste Schlagzeile schon für die einzige Antwort zu halten. Selber denken, sich ein eigenes Urteil bilden – das ist anstrengend und kostet Zeit. Wer zu dieser Investition nicht bereit ist, wird am Ende alles verlieren, was unsere Zivilgesellschaft lebenswert macht.“ Sein Lob und seine Anerkennung für die Arbeit des Freundeskreises verband er mit der Bitte an die ehrenamtlich tätigen Mitarbeiter, in ihrem Engagement nicht nachzulassen.

Deutlich wurde die engagierte Haltung des Münchner Freundeskreises in den Worten seiner Leiterin Karin Bergmann. Sie begrüßte die Gäste im Amerikahaus und erweiterte den Leitsatz der Veranstaltung, „Erinnern hat Zukunft!“, um eine Momentaufnahme der Gegenwart und ihre Folgen für die Zukunft. Sie fragte: „Wie werden sich Menschen später an diese Zeit – in der wir heute feiern – erinnern?“ Mitnichten könne die Rede von einem Zeitalter der Menschlichkeit und des gesellschaftlichen Zusammenhaltes die Rede sein. Bergmann sprach von einem „Zeitalter der Beliebigkeit“, das für jede und jeden sowohl Praktisches als auch Absurdes beinhalte. Das Problem der Gegenwart: Beliebigkeit schlägt in Häme, Hetze und Hassgewalt um. Das zeige sich aktuell auch an den antisemitischen Straftaten, die auch in München verübt wurden. Im Münchner Freundeskreis habe man dafür ein besonderes Gespür entwickelt. Vor allem eines sei ihr vor diesem Hintergrund wichtig: die Erkenntnis, dass man Erinnerung nicht delegieren könne, sondern dass man es selbst tun muss – am besten in der Gemeinschaft.

An dieser Stelle lud Karin Bergmann ein, Mitglied im Münchner Freundeskreis zu werden. Der Verein sei nach wie vor auf der Suche nach neuen Mitstreitern, damit der Freundeskreis seine zivilgesellschaftliche Zukunftsaufgabe des Erinnerns und Lernens in dieser Stadt noch lange erfüllen kann.

Dorothea Grass

Zum Weiterlesen:
Das Grußwort des Direktors der Evangelischen Akademie Tutzing, Udo Hahn, können Sie hier nachlesen.
Die Rede der Vorsitzenden des Freundeskreises der Evangelischen Akademie Tutzing, Brigitte Grande, finden Sie hier.
Die Begrüßungsrede von Dr. Karin Bergmann, Leiterin des Freundeskreises in München, können Sie hier lesen.

Nützliche Informationen:
Unter diesem Link erfahren Sie mehr über unseren Freundeskreis.
Zur Homepage des Freundeskreises der Evangelischen Akademie Tutzing gelangen Sie hier.

Bild: 70 Jahre Freundeskreis in München: (v.l.n.r.) Lisa Schwendemann (Ludwig Maximilians-Universität München, Projekt “Holocaust Education revisited”), Prof. Dr. Winfried Nerdinger, Brigitte Grande, Dr. Karin Bergmann, Dr. Jeanne Rubner (Mitglied im Kuratorium des Freundeskreises der Evangelischen Akademie Tutzing und Redaktionsleiterin “Wissen und Bildung aktuell” des Bayerischen Rundfunks), Udo Hahn, und Max von Blanckenburg (Freundeskreis München). Foto: Laußer

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