Verantwortung bedeutet: dranbleiben

„Wenn wir über Afrika sprechen, dann besteht die Gefahr, sich zu übernehmen“, sagte Akademiedirektor Udo Hahn gleich zu Beginn der Podiumsdiskussion im Café Luitpold. Die Situation der einzelnen Länder sei sehr unterschiedlich. Und doch braucht es den Blick fürs Ganze.

„Vor einer neuen Völkerwanderung?“ lautete die Frage, unter der die Evangelische Akademie Tutzing in Zusammenarbeit mit dem Münchner Salon Luitpold am 9. September 2020 zum Gesprächsabend eingeladen hatte. Akademiedirektor Udo Hahn hatte dazu zwei Experten gewonnen: Prinz Ludwig von Bayern, der in der Wüste Kenias junge Menschen zu Mediengestalterinnen und Web-Programmierern ausbildet und den äthiopisch-deutschen Unternehmensberater und Autor Dr. Prinz Asfa-Wossen Asserate.

Beide gaben Einblick in die Entwicklung in Äthiopien und Kenia, zeigten Parallelen zu anderen afrikanischen Ländern auf und sprachen Probleme an, vor denen die Entwicklungspolitik steht. Das größte davon sei nach wie vor die Korruption, so Asfa-Wossen Asserate. Seine Kritik: In den letzten 60 Jahren seien etwa fünf Billionen US-Dollar an Entwicklungshilfeleistungen nach Afrika geflossen. Davon seien 4,7 Billionen Dollar in Form von Immobilien und Konten wieder nach Europa und in die USA zurückgekommen. Nicht einmal ein Drittel der Mittel kam bei den Personen an, für die diese Hilfe bestimmt war.

Ein weiteres Problem sei die Vermischung von Außenpolitik und Entwicklungspolitik, die dazu führe, dass europäische Regierungen mit afrikanischen Diktatoren und Gewaltherrschern verhandeln. „Das ist das, was ich nie verstehen kann!“ wird Asfa-Wossen Asserate an dieser Stelle vehement. Prinz Ludwig von Bayern, der die meiste Zeit des Jahres im nordwestlichen Teil Kenias lebt, stimmt ihm zu. Die Vermengung von Außenpolitik und Entwicklungspolitik sei ein „Geburtsfehler“. Man habe es den afrikanischen Staaten „verdammt leicht gemacht, korrupt sein“. Aus den Fehlern habe man aber gelernt. Organisationen wie etwa die Deutsche Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ) würden mittlerweile nach strengeren Richtlinien verfahren. Doch neben der staatlichen Hilfe gebe es auch viele andere Ansätze, die stellvertretend für private Entwicklungshilfe stünden. Auch die Missions- und Entwicklungsarbeit der Kirchen sei hier beispielhaft. Missionare etwa seien oft diejenigen, die über viele Jahre in den afrikanischen Ländern blieben und Projekte betreuten, während Entwicklungshelfer oft schon nach wenigen Monaten wechselten.

„Die hohe Kunst des sich Selbst-Entbehrlichmachens“

Nachhaltige Entwicklungshilfe bedeute „keine halben Lösungen“, sagte Prinz Ludwig. Bildung steht dabei an erster Stelle. Doch hier kommt es mitunter zu absurden Folgen. Immer wieder habe er beobachtet, dass Mädchen, die in den abgelegenen Gebieten Kenias zur Schule gehen und diese auch beenden, von ihrer sozialen Gemeinschaft ausgegrenzt werden. Statt mit zwölf oder dreizehn Jahren verheiratet zu werden, verlieren sie den Kontakt zu ihrem Familienverbund. Schlimmer noch: Einmal die Schule beendet, fehlten die Anschlussmöglichkeiten. Für eine universitäre Bildung haben die Mädchen kein Geld, für Ausbildungsplätze bräuchte es Betriebe – die es aber nicht gibt, genauso wenig wie Straßen, Strom oder fließendes Wasser.

Was es aber in Kenia gebe: Internet. Ein 4G-Netz mitten in der Wüste sei hier die Normalität. Mithilfe von Solar-Stromversorgung hat der Wittelsbacher in der Turkana-Wüste das Trainingsprogramm „Learning Lions“ für junge Menschen ins Leben gerufen. Hier lernen sie Webdesign und Multimediadesign, das sie anschließend weltweit via Internet als Dienstleistung anbieten können – und wovon sie sich und ihre Familien ernähren können. Prinz Ludwig möchte mit seinen Projekten die Menschen dort befähigen, wo sie leben und zu Hause sind. Es sei „die hohe Kunst des sich Selbst-Entbehrlichmachens“, die für ihn im Vordergrund steht und die er als richtungsweisend ansieht, um den Menschen in Afrika eine Chance auf eine selbst gestaltete Zukunft zu geben.

Asfa Wossen-Asserate will den deutschen Mittelstand ermuntern, in Afrika zu investieren und dort auch Ausbildungsplätze für junge Menschen anzubieten. Seit 37 Jahren arbeitet er daran, Unternehmen nach Afrika zu bringen. Eine Aufgabe, die ihm viel Durchhaltevermögen abverlangt. 440 000 deutsche Unternehmen gebe es, die global operierten. Davon seien bislang nur 823 in Afrika vertreten.

In einem Kontinent, in dem 1,3 Milliarden Menschen leben und 85 Prozent davon jünger sind als 25 Jahre, verstärkt die fehlende wirtschaftliche Infrastruktur die derzeitigen Probleme. „Das Geburtenwachstum in Afrika steht diametral zum Wirtschaftswachstum“, bestätigt auch Ludwig von Bayern. Die Bevölkerung wächst, ihre Zukunftschancen sinken. Wer es schafft, dennoch zur Schule zur gehen und vielleicht sogar zu studieren, steht vor dem Problem, weder einen Praktikumsplatz geschweige denn einen Arbeitsplatz zu finden. In Äthiopien gebe es 45 Universitäten, berichtet Asfa Wossen-Asserate. 45.000 Absolventen verlassen sie jährlich, doch nur fünf Prozent von ihnen finden eine Arbeit.

Dem Entwurf einer neuen Afrika-Strategie der Europäischen Union bringt der Deutsch-Äthiopier eher Skepsis entgegen. Seiner Meinung nach heißt das Schlüsselwort „Good Governance“. Keine Strategie der Welt bringe etwas, wenn die Regierungen, mit denen verhandelt werde, diese Spielregeln ignorierten. Eine intensivere Zusammenarbeit auf Basis des Cotonou-Abkommens hält er für sinnvoll. Das Abkommen ist ein weiterer übergreifender Rahmen für die Beziehungen der EU zu den Staaten in Afrika, im Karibischen Raum und im Pazifischen Ozean (AKP). Es regelt die Beziehungen der EU zu 79 Ländern, zu denen 48 subsaharische Länder Afrikas gehören (mehr dazu hier)

Am Ende der Gesprächsrunde im Café Luitpold meldet sich ein westafrikanischer Gast aus dem Publikum zu Wort. Könnte man nicht mehr über „Brotherhood“ reden, Begegnungen auf menschlicher Ebene? Es ist der Schlusspunkt, der die politischen und strategischen Überlegungen auf eine alltägliche Basis zieht. Ja, meint Prinz Ludwig von Bayern. „Wir sollten weniger an Länder denken, sondern an Menschen.“

Hinweis: Auf dem YouTube-Kanal des Salon Luitpold wird ein Mitschnitt des Gesprächs in Kürze abrufbar sein.

Dorothea Grass

Bild: Salon Luitpold am 9. September 2020 mit den Gästen Dr. Prinz Asfa-Wossen Asserate und Prinz Ludwig von Bayern. Rechts im Bild der Moderator des Abends: Akademiedirektor Udo Hahn. (Foto: eat archiv)

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