Gerhard Polt – Physiognomiker des Menschlichen

Der Kabarettist und Philosoph Gerhard Polt wird am 7. Mai 80 Jahre alt. Studienleiter Jochen Wagner würdigt den Humoristen und Menschenfreund mit einem sehr persönlichen Porträt.

“Die Zuversicht ist nicht gesichert, gell!” begann Gerhard Polt letztes Frühjahr mitten im Corona-Hype sein Zoom-Gespräch zur digitalen Tagung der Evangelischen Akademie Tutzing “Von der Zuversicht”.

“Schaumer doch den Grashupf an, gey – der springt ja alleweil durchs Gras; dabei weiß er ja nicht, wo und wie er landet, gey. Wär‘ er quasi nicht zuversichtlich, könnt er kaum so übermütig springen. Und weil ja alle Grashupf‘ so durchs Gras hupfen, muss ihnen diese Zuversicht quasi erblich in Fleisch und Blut übergegangen sein.” Mit diesem Gleichnis ist vielleicht nicht alles, aber Wesentliches gesagt. Philosophisch könnte man hier von Diskurs und Kontingenz, von radikaler Offenheit des Daseins sowie einem Geworfensein in die Welt, oder gar dem Verlust einer schlussendlich Heil verheißenen Vorsehung zugunsten einer entzauberten Gesellschaft ohne Gewissheit und Sicherheit sprechen. Dass Zufall unser Schicksal ist, dazu braucht “der Polt” kein finales Herrschaftswissen, so einleuchtend fallen Sensation und Reflexion in eins. Es ist wie in der griechischen Theoria: Polt beschert uns eine Schau. “Schau! Ich zeig’s Dir!”, so könnte man seine heiteren wie groben, oberflächlichen wie tiefsinnigen Impulse übersetzen. Deixis hieß diese Kunst bei den Alten. Ja, vom Zeigen versteht er was: verbum et signum, Wort und Zeichen sind beieinander, das und bildet er, nahezu im Affekt, oder mit einer Mimik, einer Geste, einem Lacher oder einem derben Ausreißer. Da bleibt einem schon Mal das Lachen im Halse stecken, eh man sich versieht, geht das Über-Ich k.o., dieweil einem Tränen mit Schweiß vor lauter Scherz und Schmerz herunterlaufen. Freilich gibt es für ihn auch Themen, die keine Gaudi oder sublime Hinterfotzigkeit vertragen: die Zuversicht etwa, so Polt, sei gar nicht rationalisier- oder operationalisierbar; vielmehr gleiche sie einem Charisma. Nun wurde er ernst, leise, feierlich: Es gebe Lehrer, die schreien, fuchteln um Disziplin, die Klasse schert sich nix. Es gebe aber auch Lehrer, die bräuchten bloß in der Tür erscheinen und die Rabauken säßen augenblicklich still in ihrem Klassenzimmer. Ähnlich dieser natürlichen Autorität eigne auch der Zuversicht wesentlich die Aura des Geheimnisses.

Immer radikal, niemals konsequent

So macht immer der Ton die Musik, der Form und Inhalt adäquat aufeinander einstimmt. Ist “Aufmerksamkeit das natürliche Gebet der Seele” (Malebranche), dann ist das Derblecken des alltäglich Allzumenschlichen das Gebot des Humors. “Man sollte vital resignieren”, meinte Polt und prompt kehrt sein paradoxes Bonmot als Titel eines Interviews dieser Tage wieder (SZ Magazin Nr. 17, 29. April 2022).

Aber ist Polts Genie wirklich ein Derblecken? Was ist sein Vermögen, sein Können, seine Kunst, sein Charisma, sein Alleinstellungsmerkmal, singulär seine selbstreferentielle Autopoiesis, sein Talent, durch seine selbstbezügliche Selbermache eben gerade nicht sich als nimmersatter Narziss aufzuspielen, sondern 1001 Szenen des Menschlichen die Ehre zu erweisen? Gab es eigentlich eine Zeit vor Polt, ohne ihn? Wenn ja, eigentlich unvorstellbar, so präsent ist er seit Jahrzehnten. Andersrum: Durch ihn sind all die abwesenden Anderen anwesend, die wir alle sind und erleben, die er in Hunderten Gschichteln und Tausenden Auftritten mit und ohne Biermösl Blasn, in Wort Bild Ton mit und ohne Gisela Schneeberger, in Theater, Wirtshaus, Radio, Fernsehen, Film, Buch, CD und DVD, inzwischen auf ewig auf Youtube zum Weltkulturerbe kanonisiert hat. Man könnte sein Leben mit Polt auf Youtube verbringen, so unlöschbar erkennt unser Innerstes im Auswendigsten sich wieder: von Oliver, longline bis Osterhasi, net Nikolausi, von Mai Ling bis zum Saupreiß japanischer, versammelt das Polt’sche Universum eine nimmer endende Typologie des kreatürlichen Humanums – ostentativ inklusive von Kippfiguren und Vexierbildern, wo das Barbarische Kultur zeigt und die Kultur Barbarisches zeugt. Es ist nichts im Lachen, was nicht zuvor im Verbrechen, und es ist nichts im Bösen, was nicht zuvor im Harmlosen war. “Herr Richter, excuse me, I‘ bin net der Typ, der mitzählt, wie oft einer um Hilfe schreit, bis er dersäuft”, zumal es, “wenn ein Nichtschwimmer dersauft, konsequent iss; wenn aber ein Schwimmer dersauft, tragisch”. Man muss halt wief sein, mit allen Wassern gewaschen, ein Hallodri, ein Lauser, mal ein Lump, eine Ratschkartl oder Bissgurn, auch Beißzange, ein Viech halt, und voller Augenblickskompetenz sollte man sein.

Ein Sisyphos im Schlendern

Traum und Albtraum sind so immer beisammen. Kein Schaum, der nicht am Abschaum vorbeischrammt, im Unschuldigen das Abgründige, im Absurden das Arglose interpoliert. Gerhard Polt agiert wie ein Lumpensammler im Morgengrauen des Frühschoppens wie im Dämmerschoppen der nächtlichen Sperrstunde. Was Anstand und Benimm verheucheln wollen, zerrt Polt ans Licht. Wie verlogen ist doch barockes Lachen, wie heimtückisch jenes Griäbig Subbär Grieäs Di, wie ausgschamt sind die Scheinheiligen. Polts Hirn gleicht einem Rechen, mit dem er den Alltag durchkämmt und aus dessen Zacken er Fundstücke sammelt: Man muss auf manche Szene, manches objet ambigu nur drauf spucken und mit dem Ellbogen reiben, bis eine Episode hervor glänzt aus dem Kruscht und dem Traumkitsch (Ludwig Giesz). Solange noch Kirmes, solange noch Kirche, solange noch Friedhof, solange noch Wirtshaus, solange noch a scheena Leich‘, solange noch Leichenschmaus, solange noch der Kiosk (Kairos des Augenblicks) am Hintern der Basilika (Chronik des gnädigen Gottes) solange noch das Ewige Leben in kleiner Münze zu 1001 Gazetten. Das mag nun das Katholische am Polt sein, dieser Riecher, wo Klerus und Vergebungsstand auseinanderklaffen.

Andersrum: Polt verhört den Menschen als Insassen einer Welt außerhalb des Paradieses nicht im grellen Licht inquisitorischer Scheinheiligkeit. Dem vermeintlich unterreflektierten Spießer – “so isser halt, der Ade!!” – attestiert er ein Kompendium an gefühltem Wissen aus Gassenweisheiten, den promovierten Akademiker – “ein Arschloch, der Dr. Brezner” – bezichtigt er der praktischen Hilflosigkeit zweier linker Hände. Polt ergänzt die Havarie des Menschlichen mit mildernden Umständen: Der Witz ist nicht einfach nur wie bei Nietzsche ein Epigramm auf eine Wahrheit oder bei Freud ein Versprecher des Unbewussten. Der Witz diesseits einer zynischen Schadenfreude raubt dem tödlichen Wahnsinn den totalitären Schrecken. Gleich dem Humus braucht es den Humor für das Keimen der Zuversicht inmitten apokalyptischen Blitzens am Horizont.

Solist mit Publikum

Ob Polt fromm ist? Vielleicht im Sinne eines Wortes von Paul Valery: “Zwei Dinge bedrohen das Leben: Ordnung und Unordnung.” Und so steht er meist da, auf der Bühne, ordentlich unordentlich, net zu gepflegt, net ein bissle verwahrlost. Ein Sakko, das heißt eine Jopp’n, Cordhose oder ähnliches, nix Gschnacklertes, Mephisto Gesundheitsschuhe, eine Faust in der Hosentasche, seinen Faust im Kopf und dieses Grinsen, besser schelmische Greinen im Gsicht. Und dann kommt ein Proömium, das zündet, sich heranpirscht ins Gedärm und Gemächt, bis die Bosheit im Kopf aufquillt wie ein Blumenkohl und es aufblitzt, wenn er kurz brüllt, und die Pointe im Stirnlappen einen Break reinhaut. Es hat was Erlösendes, wenn der Polt das Abgfeimte beim Namen nennt, in Rage kommt, wenn dieser Hundsgribbl vom Böhm, den er grüßt, obwohl er sein Nachbar ist, dieser kleine Saukerl ihm den Moik in den Sechzehner mit der Fernbedienung in den Strafraum beamt. Dann will “ja mei, der Ade, so isser halt” die Gratler, die ausländischen, dieses Gschwerl an der Grenze mit dem Ochsenfiesl allesamt naushaun, was, sagt der Polt, seine Meinung nicht ist, die vom Ade, “aber ich tolerier sie!”.

Der Zoom sei nicht seins, bemerkte er vor der Tagung “Von der Zuversicht”. Er brauche den fühlbaren Kontakt mit dem Publikum. Er schwört auf das life is live, die materiale Kommunikation, jene analoge Resonanz im Raum. In geselliger Gegenwart ist Polt der Gegen-Wart, lebt unberufen sein Mandat für Gegen-Welt, Gegen-Wut, Gegen-Lust aus: Sein jüngstes Gerücht nimmt es locker mit dem jüngsten Gericht auf. Zur Not gehorcht er sowas von servil seinem Chef, wenn der ihn anblafft, “machen Sie sich bis Montag einen Gedanken”, und der Polt sich quält, sich mit Wein dopt, mit Schnaps den Gedanken ködert, “aber der Gedanke kommt nicht”. Dafür hat er eine Unmenge an Preisen bekommen.

Dank Demut Humor, so der Schweizer Theologe Karl Barth, seien die Gestaltmodi des christlichen Glaubens. Gerhard Polt ist, out of Posing, mit sich halbwegs im Reinen. Dass eine gscheite junge Dame über ihn promoviert, das hätte er gern verhindert. Wie überhaupt ihm jedwedes Gebläh‘ abgeht, er Lautem abhold gegenüber, Gewalt ihm zuwider, auf Plärriges er allergisch ist, aber der Allegria, jener besonders in der Musik notierten Lebensfreude er sehr aufgeschlossen gegenüber tritt. Schon, ja, man könnte ihn schon in die Reihe der legendären Kabarettisten stellen, zum Karl Valentin, dem Werner Fink, Heinz Erhard, Dieter Hildebrand, Siggi Zimmerschied…, der Jüngeren eingedenk. Aber der Polt ist der Polt, authentisch, was vom griechischen authentes kommt: was man mit eigener Hand vollbringt. Weil das so viel ist an eigener Handschrift, versuchen wir erst gar nicht, es zusammenzufassen. Finitum non capax infinitum – das Endliche kann das Unendliche nicht fassen. Immer ist es fast wie im richtigen Leben. Freilich nicht so elaboriert wie Loriot im Bürgerlichen, mit spitzer Stimme für das sterile, urkomisch Perfekte im Verzweifeln. Eher für das Imperfekte im Kläglichen. Auszuhalten ist das nur mit einer mordsgeduldigen Liebe zu all den Insassen des gemeinen Alltags. Bar jeder Schadenfreude ist es fast eine zärtliche Treue zu all den Verwundeten, über die er kein Nihil obstat spricht. Viel fehlt nicht, und man entdeckt im Bloßstellen des Menschen als homo homini lupus (der Mensch ist dem Menschen ein Wolf) eine Barmherzigkeit: Polt lenkt den Blick auf ein Nichtentstelltes im Entstellten, ein Intaktes im Kaputten, Dezentes im Brutalen. Das ist europäische Metaerzählung alla Mimesis: So wie Jesus von Nazareth an der Narbe vom Speer durch den sog. ungläubigen Thomas als echter Messias wieder erkannt wird, ähnlich Odysseus von seiner Amme an der Narbe an der Achillesverse identifiziert wird, so extrapoliert der Gerhard inmitten noch so großer anormaler Unähnlichkeit im Menschen immer noch größere Ähnlichkeit zum lebbaren Normalen. Kein Misanthrop, entlockt er dem Menschen als lachendes Tier die besagte vitale Resignation. Das geht ohne ein trunkenes, blödes Prosit der Gemütlichkeit. Oktoberfest ganzjährig? Um Gottes willen, bloß net. Aber ein Lob der Muse: Dem Polt ist nix lieber als beim Weißbier die Zeit zu vertreiben. Besser nicht zu verscheuchen, zu vertrödeln durch Müßiggang, den baudelair’schen Ennui: än Guadn!

Doppelte Heimat im Dialekt    

Was anderen ein Trip nach Bali ist, erlebt der Polt als Ausflug nach Agatharied. Ohne Dialekt, leggsdmiamOasch, keine Heimat. Einzig der Dialekt vertont die Nuancen, verschwistert die Stände zum Kollektivkörper, differenziert die gemeinsame Sprache und – Gräuel Heimatsound – zieht eine gewisse Grenze zum Saupreiß. Fremd muss fremd bleiben, ä Minimum wenigstens. Mag eine Dissertation über Fremdheit bei Polt darin ihre Wahrheit haben: Ein Mensch ist (auch sich) so fremd wie jeder andere auch. Er freilich kennt seine Pappenheimer er ist zuversichtlich, dass die nächste Katastrophe kommt. Sagt er doch, wart, war’s der Ha-bakuk oder der Amos, scheißegal, aber war’s der Luther mit dem Apfelbaum oder war’s was mit dem Apfelhäutchen dünnen Firnis der Zivilisation? Jedenfalls sagt der Polt: “I bin Optimist, war immer einer, wird immer einer sein, das hab ich in den Genen; und drum sag ich, pass auf – wenn morgen die Welt untergeht, kauf ich mir heute noch ein neues Auto, gey – da schaugst. Denn ich war immer ein Autofahrer, bin ein Autofahrer, jawoy brummbrum und werd‘ immer einer sein. Mei, sagt der Luggi, er hätt mich ich in der Fußgängerzone gsehn – mi, in der Fußgängerzone, der is ja schizo, Pfiff – die Fußgängerzone iss für mich quasi – geh-laufen.” Doch, diese Challenge – sprich: Dschällenz – hat er auch drauf, obwohl er privat grad gar keine Rampensau nicht ist und auch einen EssYuuuWiiee, sondern lieber einen Suff hat, einen Siri, und schon gar nicht rast oder krachehlt, sondern mit seiner Tini seit über 50 Jahr verheiratet am liebsten daheim ist, in Neuhaus oder gern in Bella Italia, im Schatten der Berge wie Im Schatten der Gans oder auch der Mafia. Und jetzärd als Opa und Oma mit seinem Buam und Schwiegertochter mit’m Enkel am Boden spielt. Der Polt ist ein sensibler Hund, derhamm. Und es könnte sein, dass er, viel Gstudierter (Politologie, Geschichte, Skandinavistik) den Prediger Salomo liest, den Kohelet, weil der auch bei den Leuten war, mitten im Leben, und dem halt grad das weltliche Alltägliche heilig genug war. “Geh hin und iss dein Brot mit Freuden, trink deinen Wein mit gutem Mut, denn dies dein Tun hat Gott schon immer längst gefallen. Lass deine Kleider immer weiß sein und deinem Haupte Salbe nicht mangeln: genieße vielmehr das Leben mit dem Menschen, den du lieb hast. Denn das ist der Lohn bei deiner Mühe mit der du dich mühst unter der Sonne: alles, was dir vor die Hände kommt, zu tun mit deiner Kraft, das tu. Sei also nicht allzu fromm und nicht allzu gottlos, auf dass du dich nicht zugrunde richtest”: Das sei ferne!

So wünschen wir dem Jubilar nach Schliersee wie Terracina und ins von der Stadt München installierte Haus des Humors alles Gute zum 80. Geburtstag, viel Glück und viel Segen auf all seinen Wegen, Gesundheit und Frohsinn sei auch mit dabei – und Zeit für alle Lieben. Herr Ober, für unsern verehrten Gerhard und seiner lieben Tini ann Boooscholläää bitte!

 

Dr. Jochen Wagner

Der Autor ist Studienleiter für Theologie und Gesellschaft, Religion, Philosophie und Recht an der Evangelischen Akademie Tutzing.

Videos ansehen:

Gerhard Polt im Gespräch mit Jochen Wagner auf dem YouTube-Kanal der Evangelischen Akademie Tutzing:

“Gerhard Polt über Zuversicht” (Frühjahr 2021)

“Gerhard Polt im Rotunde-Talk” (Sommer 2020)

Bild: Studienleiter Jochen Wagner und Gerhard Polt im Sommer 2020 an der Evangelischen Akademie Tutzing (Foto: dgr/eat archiv)

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