Die Revolution des langen Atems

Was vor 30 Jahren in der DDR passiert ist, war unberechenbar, unvorhersehbar und in der Konsequenz abrupt. Erstaunlich ist: So schnell wie der Umbruch und schließlich der Untergang der DDR vor sich gingen, so komplex, langwierig und nicht immer eindeutig ist die Vorgeschichte.

Die Wegbereiter der Revolution 1989 in der DDR hatten schon Jahre zuvor die Saat gesetzt, vielerlei Umstände wirkten wie Katalysatoren und fälschlicherweise wird heute im öffentlichen Diskurs Einheit und Mauerfall oft gleichgesetzt – in diesen Punkten waren sich die Teilnehmenden und Referierenden der Herbsttagung des Politischen Clubs nahezu einig. Stoff für Diskussionen gab es trotzdem, etwa über die Frage, ob ein „dritter Weg“ im späteren Einigungsprozess eine Chance gehabt hätte – und wenn, unter welchen Umständen? Und kann man eigentlich von einer „protestantischen Revolution“ sprechen? Unter dem Titel „30 Jahre friedliche Revolution … in Erinnerung, in Kritik und Debatte heute“  begab sich der Politische Club am Wochenende vom 15. bis 17. November auf Spurensuche und lud zur Debatte mit Wissenschaftlern und Zeitzeugen.

Auf diese Tagung habe er sich ganz besonders gefreut, sagte Akademiedirektor Udo Hahn in seiner Begrüßung, sowohl weil er viele persönliche Erinnerungen und Verbindungen zu Menschen aus dieser Zeit habe, aber auch des Ur-Themas an sich wegen. „Es geht um Freiheit“, sagte Hahn. Das Thema habe an Aktualität nichts eingebüßt. Heute gehe es darum, sich ihrer bewusst zu sein und sie zu verteidigen.

„Als die Ostdeutschen ihre Sprache wiederfanden“

Die Freiheit damals, so sagte es der Leiter des Politischen Clubs, der frühere Bundestagspräsident Wolfgang Thierse, sei „hart errungen“ gewesen. Er erinnerte an die Revolutionen, die es in den Jahrzehnten zuvor im Ostblock gegeben hatte und die blutig niedergeschlagen wurden: den Arbeiteraufstand am 17. Juni 1953 in der DDR, die Aufstände  in Polen und Ungarn 1956, den Prager Frühling im Jahr 1968, die Solidarnosc-Bewegung in Polen 1980. Hinzu kam der Bau der Berliner Mauer am 13. August 1961, der eine Zäsur darstellte. Die Geschichte der DDR sei auch eine Geschichte der Niederlagen gewesen, so Thierse. Unter den DDR-Bürgern sei schließlich ein „Mut der Verzweiflung“ entstanden, der durch Michail Gorbatschows Reformpolitik beflügelt wurde. Thierse beschrieb die Geschehnisse vor dreißig Jahren in der DDR als den Moment, als „Ostdeutsche ihre Sprache wiederfanden“.

Dass die Öffnung der Mauer am späten Abend des 9. November 1989 so schnell, nämlich ein knappes Jahr später, am 3. Oktober 1990 zur deutschen Einheit führte, war zum Zeitpunkt des Mauerfalls nicht abzusehen. Zu überrumpelt waren sowohl Staat als auch Volk und Nachbar. Bald jedoch zeigten veränderte Spruchbänder auch den Diskurswechsel: aus „Wir sind das Volk“ wurde die Forderung „Wir sind ein Volk“. Der Mauerfall eröffnete die Debatte über die Einheit, manch Referenten der Tagung zum Erstaunen, mancher wunderte sich keineswegs darüber.

Und immer stand der Elefant im Raum

Auch nicht Jens Reich. Der Mediziner und Molekularbiologe, der zur Wendezeit als Bürgerrechtler in Erscheinung trat und das Neue Forum mitgründete, sprach auf der Tagung davon, dass es schon immer diesen „Elefanten im Raum“ gegeben hatte, über den in der DDR niemand gesprochen habe, weil das Thema ein Tabu war: die ungelöste deutsche Frage. Diese Frage hätte völlig losgelöst von Wirtschaft und Konsummöglichkeiten im Raum gestanden.

An dieser Stelle widersprach der Politikwissenschaftler Dieter Segert, der SED-Mitglied war und 1989 einer Reformgruppe innerhalb der Partei angehörte. Er sieht unter den DDR-Bürgern eine Motivation für den schnellen Einheitsprozess im direkten Vergleich der Konsumgesellschaften – sowie Helmut Kohl als treibende Kraft. Siegert glaubt: „Die politische-naive Ungeduld der DDR-Bürger wäre formbar gewesen.“ Die Menschen in der DDR hätten die Tragweite der Einigung nicht erfassen können, sie hätten geschult werden müssen, ist Siegert überzeugt. Mit dieser These trat Siegert am Auftaktabend der Tagung eine rege Diskussion mit dem Publikum los. Auch glaubt er, dass ein langsamerer Einheitsprozess möglich gewesen wäre und zeigt sich als Verfechter eines dritten Wegs: neben Angliederung an die BRD und Aufrechterhalten der DDR.

Ein weitere zentrale Frage der Tagung war: Kann man von einer „protestantischen Revolution“ sprechen, wenn von der friedliche Revolution 1989 die Rede ist? Podiumsgäste Harald Bretschneider, Frank Richter und Hans-Jürgen Misselwitz waren sich einig: „Vom Himmel gefallen ist sie nicht.“ Sie gaben der Kirche eine tragende Rolle bei dem Umbruchsprozess, der die DDR zum politischen Einsturz brachte.

Tragende Rolle der Kirchen – oder gar „protestantische Revolution“?

Allein auf den kirchlichen Kontext bezogen ist die Vorgeschichte der Oppositionsgruppen vielschichtig. Mehrere Faktoren kamen zusammen: die ideologische Unterdrückung des Glaubens im sozialistischen System, die große Benachteiligung von Kirchenmitgliedern, vor allem, was berufliche Perspektiven betraf, pazifistische Überzeugungen und die persönlichen Folgen für Kriegsdienstverweigerer, die Friedensbewegung im Angesicht atomarer Bedrohungen sowie auch die großen Umweltprobleme des Landes, auf die die kirchlichen Gruppen aufmerksam machten.

Eine große Welle trat etwa der damalige Landesjugendpfarrer Harald Bretschneider los, als er 1980 die „Friedensdekade der Kirchen“ in Sachsen ins Leben rief. Er ließ Lesezeichen aus Stoff fertigen und druckte darauf ein Bibelzitat des Propheten Micha: „Schwerter zu Pflugscharen“.  Dieses Lesezeichen verteilte er in den Jungen Gemeinden, über deren Mitglieder die Lesezeichen in die Schulen gerieten. Aus den Lesezeichen wurden alsbald Aufnäher – und diese wurden zum Symbol einer Friedensbewegung. Das Logo: die Abbildung des Denkmals des sowjetischen Bildhauers Jewgenij Wutschetitsch, das einen Mann zeigt, der ein Schwert zu einer Pflugschar umschmiedet.

Bretschneider sagte auf der Tagung, diese Initiative hätte „den Bürgermut wachsen“ lassen, weil sie bald im ganzen Land bekannt war. Der Minister für Staatsicherheit Erich Mielcke reagierte darauf mit Härte: ab 1982 begann eine Hetzjagd auf Jugendliche. Es sei dem „wunderbaren Zusammentreffen geschichtlicher Ereignisse“ zu verdanken, dass es einige Jahre später zum Umbruch  in der DDR kam, so Bretschneider. Die wesentliche Rolle der Kirchen sei hierbei gewesen, dass sie einen Schutzraum für all diejenigen bot, die in Bedrängnis geraten waren.

Hans-Jürgen Misselwitz, der als Theologe den Friedenskreis Pankow gründete und die DDR-Delegation bei den 2+4-Gesprächen leitete, sieht die Revolution 1989 klar als „Teil eines christlichen Auftrags“. Für den Zusatz „protestantisch“ gebe es durchaus Begründungen. Eine liegt darin, dass der größte Teil der Kirche in der DDR protestantisch war – ganz im Gegensatz  zu den restlichen Ländern des Ostblocks, in denen die Kirchen katholisch bzw. orthodox geprägt waren.

Der Theologe Frank Richter, der in Dresden die „Gruppe der 20“ gründete, betonte dagegen, dass er mit dem Begriff der protestantischen Revolution „nicht glücklich“ sei. Der Protest, der von den Kirchen ausging, sei immer „ökumenisch getragen“ gewesen, auch wenn die katholische Gemeinde in der DDR viel kleiner gewesen sei. Er forderte dazu auf, von den Kirchen im Plural zu sprechen.

Dass den Kirchen aber eine Schlüsselrolle zugekommen sei, darüber besteht Einigkeit. Vor und während des Umbruchs und der Demonstrationen füllte sie 1989 gleich mehrere Funktionen aus: sie bot sowohl Schutzraum für Bedürftige als auch Freiraum für nicht-staatssystemkonforme Ideen und Bewegungen, sah sich darüber hinaus als Vermittler. Misselwitz sagte, die Kirche sei als „Katalysator des Machtwechsels“ zu sehen, weil sie den ideologischen Gegenpol zum Alleinvertreteranspruch der Partei darstellte. Der West-Journalist Gerhard Rein, der Ende der 1980er Jahre aus der DDR für den Südwestrundfunk berichtete, ist sich sicher: „Ohne die Kirchen wäre so etwas nicht entstanden.“ Für Thierse wird dieses Engagement in der Geschichtsschreibung heute zu wenig gewürdigt und beachtet.

Forderung nach einer aktuellen Friedensdebatte

Hinsichtlich der Gemeindemitglieder hatte die tragende Rolle der Kirchen im Übrigen keine nachhaltige Wirkung. Die protestantische als auch katholische Kirche leiden auch nach dem Mauerfall und der Wiedervereinigung unaufhaltsam unter sinkenden Mitgliederzahlen.

Für Frank Richter ist es heute an der Zeit, dass sich die Kirchen wieder mehr auf ihren Auftrag und den Bezug zur Aktualität besinnen. Er fordert, dass die Kirchen beginnen, wieder eine Friedensdebatte zu führen – ähnlich der „Schwerter zu Pflugscharen“-Bewegung. In Zeiten von Hate-Speech und Verschwörungstheorien stünde der Humanismus zur Disposition. Es sei die Rolle der Kirchen, solche Dinge genau zu benennen und zu moderieren. An den Werten selbst – Friede, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung – habe sich nichts geändert.  Misselwitz sprach gar von einer „neuen reformatorischen Bewegung“. Sei es vor 500 Jahren darum gegangen, der Bibel neu zu begegnen, so gehe es heute darum, der Welt neu zu begegnen.

Dorothea Grass

 

Ein ausführlicher Bericht zur Tagung folgt.

Bild: „Schwerter zu Pflugscharen“: Harald Bretschneider mit der Skulptur, die Vorbild für ein Motiv der Friedensbewegung wurde. (Foto: Haist/eat archiv)

Eindrücke von der Tagung in einer Bildergalerie (alle Fotos: Haist/eat archiv):

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