„Das Friedensprojekt Europa hat absolut Zukunft!“

EKD-Ratsvorsitzender Heinrich Bedford-Strohm ist davon überzeugt, dass gerade in Zeiten der Krise die Grundidee der Europäischen Union wieder gestärkt werden kann. Mit dem luxemburgischen Außenminister Jean Asselborn sprach er über die Agenda der deutschen EU-Ratspräsidentschaft sowie die Auswirkungen der Corona-Pandemie.

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„Die EU unter der Ratspräsidentschaft Deutschlands: Erwartungen und Perspektiven“ – so lautete der Titel der Onlinediskussion, die gestern die Evangelische Akademie Tutzing veranstaltete. Akademiedirektor Udo Hahn hatte zwei Gesprächspartner eingeladen: Luxemburgs Außenminister Jean Asselborn und den Vorsitzenden des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Landesbischof Prof. Dr. Heinrich Bedford-Strohm.

Die knapp zweistündige Debatte war vollgepackt mit Themen: Erfahrungen aus dem Umgang mit der Coronakrise, die Grundidee der Europäischen Union, Bedrohungen der Demokratie, Erwartungen an Deutschland für die am 1. Juli beginnende Phase der EU-Ratspräsidentschaft, der Beitrag der Kirchen und christliche Grundorientierung.

Es seien die Krisen, die die Europäische Union wieder in ihrer Grundidee stärken könnten, so Landesbischof und EKD-Ratsvorsitzender Bedford-Strohm. Das Coronavirus habe dem Menschen wieder stärker ins Bewusstsein gebracht, dass er Dinge nicht kontrollieren kann – und somit aus inneren Ressourcen schöpfen muss, um Krisen zu überwinden. Hier spiele Religion eine große Rolle, denn sie biete Grundvertrauen und stehe für die Solidarität der Menschen untereinander. In einer immer komplexeren Welt würden somit die Grundorientierungen wieder sichtbar werden. Aus diesem Grund ist Bedford-Strohm überzeugt: „Das Friedensprojekt Europa hat absolut Zukunft!“

Die Erfahrung mit Corona sei für die meisten Menschen in Europa eine völlig neue gewesen, so Bedford-Strohm:„Das Coronavirus ist einfach über uns gekommen“. Keiner habe Schuld daran. Wichtig sei nun: Solidarität. Das sei nicht nur innerhalb Europas wichtig, sondern auch global. Bedford Strohm weiter: „Wir müssen nicht nur über Europa reden, sondern auch über das, was in der ganzen Welt passiert“.

Die Idee, eines Corona-Hilfspakets der EU um den wirtschaftlichen Wiederaufbau nach der Coronakrise zu fördern, hält der luxemburgische Außenminister für „notwendig“. Von einem solchen Pakete profitiere die ganze EU, so Asselborn und fügte hinzu: „Es ist eine Art Marshallplan“.

Dass die Grenzen innerhalb des Schengen-Raums während der Phase des Lockdowns geschlossen waren, habe „weh getan“, so Asselborn. Davor wären es die Luxemburger gewohnt gewesen, Brücken zu sehen, nicht Grenzen. Im Gegensatz dazu stellte er aber fest, dass sich die Menschen trotz der geschlossenen Grenzen europaweit näher gekommen seien: „Das Europa der Gefühle hat funktioniert“.

Jean Asselborn sagte in dem Gespräch mit dem EKD-Ratsvorsitzenden, er habe große Erwartungen an die deutsche EU-Ratspräsidentschaft. Kein anderes Land könne aufgrund seiner wirtschaftlichen Stärke so viel beeinflussen – auch im Hinblick auf die Stärkung der Menschenrechte.

Sorge äußerten sowohl Asselborn als auch Bedford-Strohm über die Lage der Justiz und der Medien in einigen Ländern wie Polen und Ungarn. Es gelte, diese Probleme klar zu benennen, so Asselborn und fügte hinzu: „Wenn in einem europäischen Land die Justiz und die Medien nicht mehr frei sind – dann ist etwas faul.“ Auch die Diskriminierung wie etwa von Menschen der LGBTQ-Community wurde angesprochen. Asselborn verknüpft auch hier große Erwartungen an Deutschland, um die Grundrechte zu stärken.

Bedford-Strohm sagte, er setze auf die Kraft der Zivilgesellschaft, um Nationalismus zu überwinden, Menschenrechte zu wahren und zu verhindern, dass andere Menschen abgewertet werden. Dass sei auch eine Aufgabe der Kirchen innerhalb Europas: „wenn wir uns hier bestärken, kann hier auch eine Botschaft der Verbindung von Europa ausgehen“, so Bedford-Strohm. Probleme sollten klar benannt werden, dabei sei es aber immer wichtig verbindlich zu bleiben.

Hinsichtlich der EU-Ratspräsidentschaft und der Aufgabe der Kirchen sehe er eine klare Agenda: wirtschaftliche Gerechtigkeit, Machtungleichheit zwischen den Ländern überwinden, der Kampf gegen den Klimawandel und die Wahrung der christlichen Werte. „Wir können nicht die christliche Grundorientierung vor uns hertragen und dann zuschauen, wie Menschen im Mittelmeer ertrinken“, so Bedford-Strohm.

Auch wirtschaftlich sei es wichtig, über den eigenen Tellerrand zu schauen und nachhaltig und fair zu agieren. Er nannte hier als Beispiel die Produktion von Hähnchenteilen, die in Massentierhaltung in der EU billig produziert werden und dann so billig nach Ghana geliefert werden, dass die dortigen einheimischen Kleinbauern nicht mithalten können und Bankrott gehen. Als weiteres Beispiel nannte er die Folgen des Klimawandels, die er in Tansania unmittelbar sehen konnte. Mit einem nachhaltigen und globalen Blick auf europäisches Handeln ließen sich Fluchtursachen bekämpfen.

Dorothea Grass

Die Aufzeichnung des Gesprächs finden Sie auf dem YouTube-Kanal der Evangelischen Akademie Tutzing unter diesem Link.

Bild: Jean Asselborn, Heinrich Bedford-Strohm und Udo Hahn im Online-Gespräch am 25. Juni 2020 (Collage: dgr/eat archiv)

Korrekturhinweis:
In einer früheren Version dieses Textes hieß es, Landesbischof Bedford-Strohm habe von Hähnchenteilen gesprochen, die aus Ghana nach Deutschland importiert werden. Das Gegenteil ist der Fall. Wir haben das nun im Text korrigiert und bitten diesen Fehler zu entschuldigen.

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