Beethoven – Tutzinger Ode an die Freude der Begegnung

Die Evangelische Akademie Tutzing hat nach gut drei Monaten wieder ihre Tore zu einer Veranstaltung im analogen Raum geöffnet. Die Nachfrage zum Tutzinger Salon-Abend „Engel meines Herzens“ war so groß, dass sich die Akademie dazu entschied, ihn gleich an zwei aufeinanderfolgenden Abenden anzubieten.

„Engel meines Herzens – Ludwig van Beethoven und die unsterbliche, ferne, unbekannte Geliebte“ hieß der Abend, für dessen Programm die Schauspielerin Jovita Dermota und der Pianist Wolfgang Leibnitz verantwortlich zeichneten. Im Beethovenjahr war es beiden wichtig, sich einen Aspekt herauszugreifen, der ihnen bislang zu wenig in Erscheinung getreten ist: Beethoven und die Frauen, genauer: die unbekannte Geliebte.

Ludwig van Beethoven, der große Komponist, war zeit seines Lebens unverheiratet. Seine Anziehungskraft für das weibliche Geschlecht soll groß gewesen sein, was vermutlich nicht an seiner äußeren Erscheinung gelegen hat. Er war klein, soll oft ungepflegt ausgesehen und keine guten Manieren an den Tag gelegt haben. Sein Gesicht war nicht ebenmäßig und trug oft einen grimmigen Ausdruck. Sein Jugendfreund Franz Gerhard Wegeler schrieb jedoch, er sei “immer in Liebesverhältnissen” gewesen und soll Eroberungen gemacht haben, “die manchem Adonis doch sehr schwer geworden wären”.  Was war es, das die Frauen an ihm anzog? Für den Pianisten Leibnitz liegt das auf der Hand: sein Intellekt war es, der alles und alle in den Schatten stellte.

Viele Affären werden ihm nachgesagt. Unter anderem mit Maria Anna Wilhelmine von und zu Westerholt-Gysenberg, Therese Malfatti, Gräfin Giulietta Guicciardi, Marie Bigot, Elisabeth Röckel und Antonie Brentano. Eine Frauengestalt tritt in der Biografie Beethovens jedoch ganz besonders hervor: Gräfin Josephine Brunsvik.

Sie ist es auch, deren Verhältnis zu Beethoven sich Dermota und Leibnitz in ihrem etwa 100-minütigen Abendprogramm zum Thema gemacht hatten. Die Begegnungen der beiden verliefen unter den Augen der Gesellschaft zuerst regelkonform, später heimlich, dramatisch, verzweifelt und voller Chiffren. Nach Josephines frühem Tod gab es von Seiten der Familie Brunsvik zwar penible Versuche, sämtliche Briefe und Tagebücher, die in vermutetem Zusammenhang mit der Beziehung zu Beethoven standen, zu vernichten. Dennoch erschienen immer wieder und immer genauere Arbeiten zu diesem Thema. Den letzten Schleier der Vermutungen vermögen sie jedoch nicht zu zerreißen.

Packend las Jovita Dermona aus Texten mit originalen Zitaten und Briefstellen, die in unmittelbarem Zusammenhang mit den biografischen Episoden der geheimnisvollen Liebesgeschichte entstanden. Wolfgang Leibnitz interpretierte dazu passend Werke im Klavierschaffen Beethovens wie etwa die Waldsteinsonate, Für Elise, das Andante favori WoO57 sowie mehrere Bagatellen.

Die Freude über diesen besonderen Kunstgenuss an beiden Abenden wurde von dem Tutzinger Publikum mit anhaltendem Applaus bedacht. Und nicht nur die Gäste verließen das Akademiegelände mit einem Lächeln – auch den beiden Künstlern war die Freude und Erleichterung über ihren ersten öffentlichen Auftritt nach Wochen anzusehen.

dgr

Beide sind mit ihrem Programm an folgenden Terminen zu sehen:
Schloß Nymphenburg, Johannessaal,  30.10.20
Kulturstadel Gempfing, 7.11.20

Sololesungen von Jovita Dermota:
Alfried Krupp Wissenschaftskolleg Greifswald, 16.10.2020
Herbst 2020, noch ohne Termin: Theater am Zoo, Frankfurt und Kunsthistorisches Museum Wien (im Rahmen der Beethoven-Ausstellung).

Weitere Informationen unter:
http://www.jovitadermota.com
http://www.wolfgangleibnitz.de

In der nächsten Folge des Seefunken-Podcasts, der Ende Juni/Anfang Juli erscheint, berichten beide Künstler von ihrer Arbeit an ihrem Programm.

Bild: Jovita Dermota und Wolfgang Leibnitz im Musiksaal von Schloss Tutzing. (Foto: dgr/eat archiv)

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