Jahresempfang 2020: Azza Karam plädiert für Demut

Vor etwa 350 Gästen hat die Generalsekretärin der internationalen Nichtregierungsorganisation „Religions For Peace“ Azza Karam über die „friedenstiftende Kraft der Religionen“ gesprochen – und dabei eine genaue Analyse von Potenzial und Risiken geliefert. Sie bezeichnete Religionen als „das zweischneidige Schwert schlechthin“.

Azza Karam war der Ehrengast des diesjährigen Jahresempfangs. In ihrer Festrede konzentrierte sie sich auf das Kernanliegen ihrer Organisation „Religions For Peace“: den Dialog zwischen Religionen als Beitrag zur internationalen Friedensarbeit.

Dabei ging es ihr um die zwiespältige Rolle der Religionen in Konflikten, eigene Machtdynamiken, Macht und Missbrauch, aber auch die Verteidigung der Menschenwürde, die Suche nach Halt und Orientierung und das Ringen um Verständigung. Karam bezeichnete Religionen als das „zweischneidige Schwert schlechthin – der Gewalt und der Macht“.

Die Religionswissenschaftlerin Karam betonte, dass Religion sich zu allen Aspekten des Lebens äußere: Umgang mit Geld, materiellem Reichtum, Sexualität, politischem Einfluss oder sozialer Gerechtigkeit. Religion habe so das Potenzial, Orientierung für das tägliche Leben, sozialen Zusammenhalt, Gerechtigkeit, Frieden und gewaltlosen Widerstand zu geben.

Forderung nach selbstkritischer Reflexion

Sie warnte vor Missbrauch. Einige religiöse Organisationen hätten eine eigene interne Machtdynamik, beanspruchten absolute Wahrheit oder instrumentalisierten Religion, um Kriegshandlungen und Gräueltaten zu rechtfertigen, kritisierte Karam. Der Staat müsse sich unter anderem fragen, mit welchen Vertretern von Religionsgemeinschaften er spreche, wer von Dialogen ausgeschlossen werde und wer nicht mit am Verhandlungstisch sitze. Fragen zur Rolle der Repräsentanten religiöser Gemeinschaften und ihrem Verhalten hinsichtlich der Menschenrechte, ob sie etwa zur Stärkung von diktatorischen Regimen beitrügen, seien essenziell.

„Um erfolgreich mit religiösen Akteuren zusammenzuarbeiten, ist eine sorgfältige Analyse ihres jeweiligen Profils und ihrer Erfolgsbilanz – einschließlich ihrer eigenen selbstkritischen Reflexion – unerlässlich“, betonte die Religionswissenschaftlerin.

Der bayerische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm sagte, dass Religion immer auch benutzt werde, „um eine Form von Identität zu stiften, die sich vor allem durch Abgrenzung definiert und dann allzu schnell zu Abwertung der anderen, zu Hass oder sogar zu Gewalt und Mord führt“.

Bedford-Strohm: „Dem Rad der Gewalt in die Speichen fallen“

Als Beispiel für die Instrumentalisierung des Christentums für die religiöse Befeuerung von Nationalismus und Kriegsbegeisterung in Deutschland nannte Bedford-Strohm die beiden Weltkriege. Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) betonte aber auch die Lernfähigkeit der Kirchen, deren „Früchte“ etwa bei der gewaltfreien Revolution in der DDR vor 30 Jahren zum Ausdruck gekommen seien. „Wer Gott die Ehre gibt, der muss auch dem Menschen die Ehre geben“, forderte Bedford-Strohm weiter. „Der Glaube an den, der in seiner menschlichen Gestalt als Folteropfer am Kreuz gestorben ist, stellt uns an die Seite all derer, die heute Opfer von Krieg und Gewalt sind.“ Er verpflichte die Kirchen, „dem Rad der Gewalt in die Speichen zu fallen“.

Menschenfeindlichkeit wie Rassismus oder Antisemitismus hingegen sind für Bedford-Strohm „Gotteslästerung“. Für Christen, die an einen Gott glauben, der sich in dem Juden Jesus von Nazareth in menschlicher Gestalt gezeigt hat, sei der Antisemitismus eine besonders offensichtliche Form der Gott lästernden Menschenfeindlichkeit. Der evangelische Theologe mahnte daher zu mehr Selbstkritik. Den über viele Jahrhunderte gewachsenen christlichen Antijudaismus bezeichnete er als „beschämendes Beispiel“. Dieser sei legitimatorische Kraft gewesen für einen Antisemitismus, „der im 20. Jahrhundert einen nach wie vor unfassbar mörderischen Ausdruck fand“. Es habe viel zu lange gedauert, „bis wir verstanden haben, dass wir genau selbst Teil des Problems waren und manchmal noch sind“, sagte Bedford-Strohm.

Demut statt Arroganz

Festrednerin Azza Karam betonte, dass Arroganz überwunden werden müsse, um Frieden stiften zu können. „Die Arbeit mit den Religionen im Interesse des Friedens erfordert, ja fordert die Demut der Macht und die Macht der Demut.“, so Karam weiter. Für jeden politischen Entscheidungsträger in jeder Institution oder in jedem Büro sollte die Arbeit mit Religionen „die ultimative Erfahrung der Demut“ sein.

„Jetzt haben die 20er Jahre begonnen“, sagte Udo Hahn, Direktor der Evangelischen Akademie Tutzing in seiner Begrüßung der Gäste zum jährlich stattfindenden Jahresempfang. Zum Blick zurück und zur Frage, wie es vor hundert Jahren war, geselle sich schnell der Vergleich und die bange Frage: Kann sich Geschichte wiederholen? Nein, ist Hahn der Auffassung, denn „jeder Vergleich hinkt“. Jedoch: Ein Vergleich könne auch zur Orientierung beitragen, denn Demokratie sei nicht einfach etwas, „das wir haben und ein für alle Mal behalten“. „Sie ist ein zerbrechliches Konstrukt. Daraus entsteht die Verantwortung, die jede Bürgerin und jeder Bürger dieses Landes hat.“

Joachim Herrmann, Bayerischer Staatsminister des Innern, lobte in seinem Grußwort die Arbeit der Evangelischen Akademie Tutzing. Er sei „dankbar und froh“, dass die Akademie mit der Veranstaltung „einmal mehr ein klares Zeichen setzt“. Dieses Zeichen stünde „für Dialog statt Abschottung, für Verstehen statt Intoleranz, für Brücken bauen statt Aggression und damit für Frieden statt Hass und Gewalt.“

Dorothea Grass / unter Verwendung von Material des EPD (Evangelischer Pressedienst)

Bild: Ehrengast Azza Karam neben Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm (ganz links), dem bayerischen Innenminister Joachim Herrmann (2.v.l.) und Akademiedirektor Udo Hahn.
(alle Fotos: Haist/eat archiv)

Zum Nachlesen:

Die Rede von Azza Karam können Sie im Manuskript (in englischer Sprache) unter diesem Link nachlesen.

Das Redemanuskript von Akademiedirektor Udo Hahn können Sie hier nachlesen.

Die Rede des Bayerischen Staatsministers des Innern, für Sport und Integration, Joachim Herrmann, können Sie hier im Manuskript lesen.

Zum Manuskript des Grußworts von Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm gelangen Sie hier.

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