Worte, die die Seele streicheln

Er gilt neben Martin Luther als der bedeutendste evangelische Liederdichter: Paul Gerhardt (1607-1676). Am 27. Mai jährt sich sein Todestag zum 350. Mal. Mehr als 130 Texte stammen aus seiner Feder. Sie finden sich im Evangelischen Gesangbuch und im katholischen Gotteslob. Akademiedirektor Pfr. Udo Hahn hat die wichtigsten für ein Brevier interpretiert, das durchs Jahr führt.

Evangelische Akademie Tutzing: Am 27. Mai ist es 350 Jahre her, dass Paul Gerhardt gestorben ist. Was macht die Bedeutung Paul Gerhardts bis heute aus?

Udo Hahn: Die poetische Qualität seiner Texte. Eingängige Reime in einer Sprache, die jeder versteht. Paul Gerhardt findet Worte, die die Seele streicheln. Mit ihm kann man in den Tag starten und ihn beenden. Er begleitet einen durchs Kirchenjahr. Seine Lieder trösten in tiefster Verzweiflung und Glücksgefühle lassen sich mit seinen Texten noch steigern. Er ist Naturbeobachter, Theologe, Philosoph und Psychologe. Johann Crüger und Johann Ebeling, aber auch Johann Sebastian Bach komponierten eingängige Melodien zu seinen Liedern.

Paul Gerhardts Leben war vom 30-jährigen Krieg geprägt und den daraus resultierenden Erfahrungen von Leid und Entbehrung. Viele seiner Lieder sind von Trost und Zuversicht geprägt. Woher kommt das?

Wenn ich seine Lieder singe oder bete, frage ich mich das auch immer wieder. Wie ein Mensch mit so vielen auch persönlichen Leiderfahrungen und Enttäuschungen ein im Kern zuversichtlicher Mensch bleiben konnte.

Paul Gerhardt dichtet seine Text vor dem Hintergrund der Bibel, speziell auch der Psalmen. In den Psalmen ist alles zu finden, was das Leben mit sich bringt, was es bedroht und schön macht, wie man sich von Gott verlassen und zugleich in ihm geborgen fühlen kann. Dass das, was wir vorfinden und erleben, nicht das Letzte und Endgültige ist – davon war Paul Gerhardt überzeugt. Und davon, dass sich buchstäblich alles ändern kann. Es ist seine persönliche Glaubensgewissheit, dass die Welt der Möglichkeitsraum Gottes ist und bleibt. Das hat, so deute ich seine Lieder, ihm Mut gemacht und Zuversicht gegeben – inmitten und trotz aller Zweifel und Verzweiflung.

Sie haben seine Lieder schon zu seinem 400. Geburtstag im Jahre 2007 interpretiert. Ihr Buch erscheint jetzt in einer fast völligen Neubearbeitung. Warum haben Sie Ihre Auslegungen noch einmal neu formuliert?

Generell ist die Interpretation von Texten immer zeitgebunden. Dabei stellt sich die Frage, wie aktuelle Ereignisse und persönliche Umstände, Empfindungen und Haltungen durch Texte früherer Zeiten eingeordnet werden können, so dass ich in ihrem Lichte Orientierung für die Gegenwart gewinnen kann.

Die Welt des Jahres 2006, in dem ich das Manuskript schrieb, war eine andere als heute. Die Aktualität muss in einer Auslegung aufgenommen werden, um Leserinnen und Leser 2026 anzusprechen. Biblische und anderer geistliche Texte sind für sich genommen zeitlos, weil sie Themen aufgreifen, die Menschen zu allen Zeiten beschäftigten. Wenn es etwa um menschliche Hybris geht, rücksichtloses Herrschen Mächtiger, um Verantwortung, Schuld, Vergebung, Versöhnung, Liebe, Freundschaft, um leidvolle Erfahrungen, die einen treffen können, und wie man in allem ein zuversichtlicher Mensch bleiben kann.

Haben Sie ein Lieblingslied aus der Sammlung von Paul Gerhardt?

Das hängt davon ab, in welcher Zeit des Jahres ich mich befinde, vor allem aber auch, wie ich mich gerade fühle. Ich will Ihrer Frage aber nicht ausweichen. Wenn ich mich für ein Lied entscheiden muss, dann ist es “Befiehl du deine Wege”. Mir scheint, dieses Lied enthält die Quintessenz der Lebens- und Glaubenserfahrungen Paul Gerhardts. Unabhängig von allem, was ich tun will, kann und meine, tun zu müssen, kann ich selbst nicht garantieren, dass gelingt, was ich vorhabe. Im Vaterunser betet Jesus: “Dein Wille geschehe.” Im Lichte des Glaubens ist genau das die entscheidende Perspektive, was Gott will – für mich. In allem geht es darum, sein Vertrauen allein auf Gott zu setzen. Seine Möglichkeiten bleiben unbegrenzt. Das möchte ich – mit Paul Gerhardt – gerne glauben. Das hat etwas Tröstliches und Ermutigendes.

Die Fragen stellte Dorothea Grass.

Hinweis:

Der Band “Fröhlich soll mein Herze springen. Das Paul-Gerhardt-Brevier” (2., überarbeitete und veränderte Auflage), ist in der Evangelischen Verlagsanstalt erschienen. Er umfasst 124 Seiten und kostet 18,00 Euro.

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