“In Deutschland ist Alkohol definitiv zu billig”

Wie es um die Gesundheit der Menschen weltweit steht, hängt von ihren finanziellen Möglichkeiten ab. Doch auch Prävention, militärische Konflikte, Klimawandel und multiresistente Erreger haben entscheidenden Einfluss darauf. Die beiden Mediziner Wolfgang Krahl und Timo Ulrichs sprechen in diesem Interview von den Herausforderungen, vor denen die globale Gesundheit steht – vor allem, nachdem die USA ihr USAID-Programm gestrichen haben. 

Evangelische Akademie Tutzing: Wie ist es um die aktuelle Weltgesundheit bestellt?

Timo Ulrichs: Es geht zwar aufwärts mit der Lebenserwartung weltweit und in der Bekämpfung von Krankheitslast. Aber es gibt auch viele Rückschläge: Die Coronapandemie hat viele Ressourcen gebunden, die bei anderen Programmen der WHO (World Health Organisation) fehlten. Der Rückzug der USA aus der globalen Krankheitsbekämpfung wird viele Menschen das Leben kosten. Und immer noch haben wir eine hohe Krankheitslast durch militärische Konflikte und zunehmend durch den Klimawandel. Hinzu kommt eine stetig steigende Bedrohung durch multiresistente Erreger.

Wie sieht es hinsichtlich der gesundheitlichen Prävention aus?

Wolfgang Krahl: Eine erfolgreiche Prävention weltweit lässt zu wünschen übrig. So stellt zum Beispiel massives Übergewicht weltweit ein großes Problem dar, auch in Afrika, Asien und Lateinamerika. Daran haben große Lebensmittelkonzerne mit ihrem Ultraprocessed Food UPI (hoch verarbeiteten Lebensmitteln), einen großen Anteil. Denn es sind genau diese Lebensmittel, die zu einem Anstieg der so genannten NCDs (non-communicable diseases) führen, also nicht übertragbare, chronische Erkrankungen wie zum Beispiel Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Vor allem die Zunahme des Alkoholkonsums in Afrika ist erschreckend – mit entsprechenden Folgen hinsichtlich Gewalt und Armut für die betroffenen Familien. Leider ist im WHO-Global Mental Health Report 2022 dieses Thema kaum im Blick. Auch hier ist Prävention gefragt, in Deutschland ist Alkohol definitiv zu billig. Darüber hinaus lässt weltweit auch die Versorgung der alten Menschen und Kinder zu wünschen übrig.

Wer arm ist, hat weniger Chancen, gesund zu bleiben oder zu werden als jemand, der Geld hat. Gilt diese Beschreibung auch für Deutschland und Europa?

Timo Ulrichs: Ja. 1971 hat der walisische Allgemeinmediziner und Forscher Julian Tudor Hart die Annahme aufgestellt, dass die Gesundheitsversorgung dort am besten ist, wo sie am wenigsten benötigt wird. Das gilt leider auch heute noch: Wir haben ein hervorragendes Gesundheitssystem in Deutschland, aber eine verhältnismäßig kleine Krankheitslast. Länder in Subsahara-Afrika haben eine sehr viel höhere Krankheitslast, aber nur sehr rudimentäre Gesundheitssysteme. Dass Tudor Hart auch recht hat innerhalb Europas, Deutschlands, ja sogar in Städten wie Berlin, kann an einfachen Übersichten gezeigt werden.

Wolfgang Krahl: Schon Prof. Rudolf Virchow hat vor etwa 150 Jahren die Wechselwirkung von Armut, Krankheit und Unterentwicklung erkannt und postulierte 1848 das Recht der Bürger auf ein gesundes Leben. Das Schlagwort “besser reich und gesund als arm und krank” stimmt voll und ganz. Wir sollten uns überlegen, statt von Low Income Countries von Low Income Groups zu sprechen, denn die Wohlhabenden haben auch in Afrika und Asien eine gute medizinische Versorgung. Low Income Groups gibt es auch in den OECD-Ländern. Häufig wird ihre Lage als prekär beschrieben.

Weltweit werden die Gelder für Entwicklungszusammenarbeit und Gesundheitsversorgung gekürzt. USAID, die größte und finanzstärkste Organisation weltweit, wurde im Sommer 2025 von der US-Administration aufgelöst. Die Folgen des Rückzugs sind dramatisch, nur ein Beispiel: Verhütungsmittel im Wert von fast zehn Millionen Dollar, die bereits in den Depots zur Auslieferung in Krisengebiete lagerten, aber auch tonnenweise Notfalllebensmittel für hungernde Menschen konnten nicht ausgeliefert werden. Bis 2030 ist so das Leben von Millionen Menschen weltweit auf unterschiedliche Weise bedroht. Andere Staaten ziehen nach. Auch Deutschland kürzt seinen Etat um acht Prozent. Was sind die gängigen Begründungen für diese Kürzungen?

Timo Ulrichs: Es gibt leider keine stichhaltigen Begründungen, außer den allgemeinen Sparmaßnahmen und der Notwendigkeit, in anderen Ressorts zu investieren. Eine Kürzung der Entwicklungszusammenarbeit in der Gesundheitsversorgung wird sich auch negativ auf den Wohlstand und die Sicherheit in Deutschland und der EU auswirken.

Wolfgang Krahl: Ein konkretes Beispiel: Ein PhD-Student der LMU München, der in Kamerun lebt, berichtete mir erst vor kurzem, dass mehr als 2000 Menschen, die im Gesundheitswesen in Kamerun arbeiten, aufgrund der Streichung von USAID ihren Job verloren haben. Die Versorgung von chronisch Kranken bricht dadurch zusammen – ganz gleich, ob es sich um HIV, Tuberkulose oder andere NCDs handelt.

Parallel zu den Kürzungen gibt es viele Bereiche in der Weltgesundheit, die noch immer zu wenig beleuchtet werden: psychische Gesundheit, Frauengesundheit, Suchterkrankungen, Intelligenzentwicklung und vieles mehr. Das bedeutet, eigentlich bräuchte die Gesundheitsförderung doch starke Investitionen, oder nicht?

Timo Ulrichs: Jawohl. Und diese gesundheitlichen Herausforderungen lassen sich global nur gemeinsam in Angriff nehmen. Deshalb ist neben mehr Investitionen auch ein multilateraler Ansatz notwendig, also eine Stärkung der WHO. Und eine Förderung multilateraler Forschungsprojekte sowie der Translation in die Praxis.

Wolfgang Krahl: Zahlreiche Länder unterzeichnen Resolutionen der WHO, die aber nicht in ihren Ländern umgesetzt werden. Die Versorgung mit Medikamenten wird von fast allen Regierungen versprochen, aber häufig nicht eingehalten.

In einer Zeit, in der Demokratien weltweit bedroht oder auf dem Rückzug sind: Sehen Sie hier einen Zusammenhang zwischen politischer Atmosphäre und Weltgesundheit?

Timo Ulrichs: Wenn das Recht des Stärkeren gilt und die regelbasierte Ordnung nicht mehr respektiert wird, hat das auch unmittelbare Auswirkungen auf die Gesundheit, besonders in ärmeren und unterprivilegierten Settings. Menschen, die Hilfe und Versorgung benötigen, erhalten sie nicht (mehr). Das lässt sich bereits heute weltweit beobachten, aber auch innerhalb der USA.

Wolfgang Krahl: Eine Gesundheitsversorgung, die nur auf Profit aus ist, führt zu einer deutlich schlechteren Versorgung der meisten Kranken. In den USA ist durch Streichung von Lebensmittelhilfen für den ärmeren Teil der Bevölkerung ein Anstieg von Krankheiten und Krankenhauseinweisungen zu beobachten.

Interview: Dorothea Grass

 

 

Zu den Interviewgästen:
Dr. med. Dipl. Psych. Wolfgang Krahl
, ist Psychiater undVorsitzender des Internationalen Netzwerks zur Entwicklungszusammenarbeit im Bereich psychische Gesundheit e.V. (i.nez). Prof. Dr. med. Dr. PH Timo Ulrichs ist Professor für Not- und Katastrophenhilfe und Lehrstuhlinhaber für globale Gesundheit und Entwicklungszusammenarbeit an der Akkon-Hochschule für Humanwissenschaften Berlin.

HINWEIS
In Kooperation mit beiden – sowie mit Dr. med. Dr. rer. nat. Dipl. Biol. Carsten Köhler (Kompetenzzentrum für Tropenmedizin, Reisemedizin und Humanparasitologie am Universitätsklinikum Tübingen, Deutsche Gesellschaft für Tropenmedizin, Reisemedizin und Globale Gesundheit (DTG) e.V.) – lädt die Evangelische Akademie Tutzing vom 6.-8. März zur Tagung “Zukunftsbilder Globaler Gesundheit” ein. Alle Informationen zu Programm und Anmeldemodalitäten finden Sie hier.

Bild: Prof. Dr. med. Dr. PH Timo Ulrichs (links im Bild) und Dr. med. Dipl. Psych. Wolfgang Krahl (rechts im Bild) während der Tagung “Gesundheit global” im April 2024. In der Mitte der mittlerweile verstorbene Prof. Dr. med. Hans Jochen Diesfeld (früherer Professor für Tropenhygiene und öffentliches Gesundheitswesen am Institut für globale Gesundheit der Universität Heidelberg).
Foto: Meyer-Magister / eat archiv

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