Heimat, auch im Plural

Nur auf den ersten Blick ist der Begriff „Heimat“ unschuldig. Beim näheren Hinschauen entpuppt sich: Nur wenige andere Begriffe werden derzeit leidenschaftlicher debattiert. Bei der Herbsttagung des Politischen Clubs ging es am vergangenen Wochenende in der Evangelischen Akademie Tutzing um den „Streit um Heimat“, die Vielschichtigkeit des Begriffs und seine politische Dimension.

Heimat sei „kein unschuldiges Wort“, sagte der Leiter des Politischen Clubs, Wolfgang Thierse, in seinem Eingangsstatement zur Herbsttagung in Tutzing vom 16. bis 18. November 2018.  Zu oft sei er instrumentalisiert worden in der Geschichte Deutschlands, aber auch in der aktuellen Debatte um Flucht und Integration. Aktuell gebe es eine „Entheimatungsbefürchtung bei vielen Menschen“. Hinzu kommt: Der Begriff lässt sich nur schwer definieren. Wer oder was legt fest, wo die Heimat ist und was sie dazu macht?

Eine Erkenntnis aus der Wochenendtagung vorneweg: Heimat, das ist ein Wort, das sogar der Duden mittlerweile im Plural kennt. Die eine Heimat zu definieren, das ist nicht für jeden eindeutig. Der Theologe Fulbert Steffensky erzählte in seinem Vortrag davon, was für ihn der Begriff „Heimat“ bedeutet. Als er sich dem Thema einst angenähert habe, hätte er eine alte Frau im Saarland, seiner Geburtsregion, gefragt, was für sie der Begriff bedeute. Sie habe in moselfränkischem Dialekt geantwortet: „Heimat is do, wo ich Gehaichnis han.“ Das Wort „Gehaichnis“ hört man nur im Hunsrück und im Saarland. Steffensky erklärt es so: „Es bedeutet Wärme, Geborgenheit, Vertrautheit und Vertrauen, Sich-Auskennen, nicht in Frage stehen.“

Für ihn jedoch sei der Ort seiner Geburt einengend gewesen, und weil er ihn nicht selbst wählen konnte, auch keine Heimat. Heimat, das ist für Steffensky ein Ort, wo man sein Zuhause wählen kann. Ein Ort, der über die eigene Identität hinweg verweist und auch das Fremde respektiert. Ein Ort, in dem man sich um den anderen und seine Nachkommen sorgt und an dem man auch nicht die Narben vergisst, die der Ort birgt. Heimat verlange nach Zeit, sei nie „instant“ zu haben, so der Theologe, der noch vor einigen Jahren seinen Hamburger Wohnort verlassen hat, um in die Schweiz zu ziehen.  Er sagte: „Welten bestehen nicht nur aus Menschen. Sie bestehen auch aus Orten, Dingen und Vorgängen, die einen beheimaten.“ Den Vortrag von Fulbert Steffensky können Sie hier nachlesen.

Neben der theologischen Perspektive sorgten Beiträge aus Wissenschaft (Philosophie, Soziologie und Psychologie) und Politik für eine vielseitige Annäherung an den Begriff sowie reichlich Diskussionsstoff. Grünen-Politiker Cem Özdemir betonte, die Diskussion um den Heimatbegriff, nicht „den Falschen überlassen“ zu wollen und spielte damit auf die völkisch-nationalistische Verwendung in rechtspopulistischen und rechtsradikalen Kreisen an. Auch Linda Teuteberg, Mitglied des Bundestags für die FDP, sagte, sie sei nicht bereit, den Begriff „den Rechtsextremen zu überlassen“. Der Heimatbegriff sei keine Frage von links oder rechts, sondern in erster Linie folge er einem „zutiefst menschlichen“ Bedürfnis.

Viel Diskussion gab es um das in diesem Jahr neu geschaffene Bundesministerium für Heimat. Markus Kerber, Staatssekretär im Bundesinnenministerium unter Horst Seehofer (CSU), war gekommen, um die Arbeit des Heimat-Ressorts zu erläutern. Er sehe Identitätsstiftung durch Heimat als politische Aufgabe. Bis Juli 2019 will sein Ressort einen Bericht mit Vorschlägen vorlegen, wie sich eine Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse in Deutschland erreichen lässt. Geplant sei unter anderem, die Kommunen zu stärken und einen flächendeckenden Zugang zum Mobilfunk bereitzustellen. Für Kerber entlädt sich in der heißen Debatte um Heimat eine Angst der Abgehängtheit und der Sehnsucht nach einer „vermeintlich heilen Welt“. Viele Bürger hätten Angst vor dem rasanten Wandel durch Globalisierung und Digitalisierung; auf dem Land gebe es immer mehr abgehängte Orte, in den Städten zunehmende Anonymität und Uniformität.

Für den Münchner Soziologen Armin Nassehi verweist die Diskussion um Heimat auf den wachsenden Vertrauensverlust in Institutionen. Dadurch sei „das Gefühl zu wissen, wo man hingehört, durcheinandergeraten“. Vermeintliche Gewissheiten stünden heute neu zur Debatte, auch in der Geschlechterfrage. Dass sich die Verunsicherung zunächst in Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Homophobie entlade, seien „normale Reaktionen auf Krisen“. Die Heimatdiskussion zeigt für Nassehi eine „Krise der modernen Welt“ auf. Die Frage nach der Herkunft sei heute nicht mehr so eindeutig zu beantworten. Heimatlosigkeit sei eine Grunderfahrung der Moderne. Europa erlebe zurzeit einen „Kulturkampf um Zugehörigkeit“.

Einen ausführlichen Bericht lesen Sie hier in Kürze.

dgr / mit Material des Evangelischen Pressediensts (EPD)

Bild: Szene aus der Herbsttagung des Politischen Clubs vom 16. bis 18. November 2018 an der Evangelischen Akademie Tutzing.

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(Alle Fotos: Haist / eat archiv)

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