Tutzinger Rede: Jean Asselborn über die Zukunft des Westens
Über die Entwicklung und Zerbrechlichkeit der westlichen Wertegemeinschaft und deren Zukunft sprach Luxemburgs Außenminister a.D. Jean Asselborn am 3. März in der Evangelischen Akademie Tutzing. Seine Feststellung: Wir erleben eine Zeit der Willkür der Mächtigen, die alle in Gefahr bringt.
→ Hier können Sie die Rede von Jean Asselborn als Video abrufen.
“Den Westen, wie wir ihn seit 1945 gekannt haben, diesen Westen gibt es so nicht mehr.” Der luxemburgische Außenminister Jean Asselborn kam in seiner Analyse auf grundlegende Herausforderungen zu sprechen, denen sich der Westen heute stellen muss – der einst Hoffnung auf eine bessere Zukunft verbreitete. Asselborn hielt die 15. Tutzinger Rede – eine Kooperation zwischen der Evangelischen Akademie Tutzing und dem Rotary Club Tutzing.
Auf internationaler Ebene kritisierte er fehlenden Respekt vor Regeln, so etwa US-Präsident Donald Trump, der mit dem Völkerrecht breche und ein anderes Land militärisch angreife – ohne zuvor die Vereinten Nationen einbezogen zu haben. Die Bombardierung des Iran sei unumstritten völkerrechtswidrig. Nur selten würde durch militärische Interventionen, im Interesse des Volkes eines Landes, wieder Stabilität hergestellt. Asselborn sprach von einer Zeit der Willkür der Mächtigen, die alle in Gefahr bringe. Internationales Recht dürfe nicht relativiert werden. Asselborn verwies auf dessen Wirkung seit mehreren Jahrzehnten: “Es darf nicht weggeschmissen werden, was der Welt trotz aller Rückschläge in den letzten acht Jahrzehnten geholfen hat.”
Asselborn sprach über die Entwicklung der Europäischen Gemeinschaft und in welcher Weise das Friedensprojekt der Europäischen Union und ihre Werte heute gefordert werden. Er kam dabei auch auf den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine, den ungarischen Ministerpräsident Viktor Orbán, den Nahostkonflikt und amerikanischen Imperialismus zu sprechen. Dabei betonte Asselborn immer wieder die Bedeutung internationalen Rechts und einer geschlossenen Wertegemeinschaft.
Asselborn ging auch auf die Rede von US-Außenminister Marco Rubio bei der Münchener Sicherheitskonferenz im Februar 2026 ein. In den begeisterten Reaktionen auf die Rede erkannte Asselborn einen Ausdruck von Optimismus. Der zweite Teil der Rede jedoch, in dem Rubio von “Massenimmigration” und “Klimakult” sprach, sei ein Ausdruck der Abkehr von internationalem Recht gewesen.
Ein dysfunktionaler UN-Sicherheitsrat und der Rückzug der US-Amerikaner aus ihrer NATO-Führungsrolle, würden das Verhältnis der EU-Mitglieder zur USA verändern, so der frühere luxemburgische Außenminister. Die EU müsse sich die Frage nach der eigenen Verteidigungsfähigkeit stellen. Asselborn kam auf die Bedeutung atomarer Abschreckung für ganz Europa zu sprechen und auf die französische Atommacht. Es sei dringend geboten, sich zu den divergierenden deutschen und französischen Interessen sowie zur fehlenden Wettbewerbsfähigkeit der EU zusammenzusetzen und eine Lösung zu finden.
Asselborn zog den Schluss, dass zukünftige europäische Staatsoberhäupter sich nicht von außen eine Linie diktieren lassen dürften: weder von Trump, noch von Putin. Wenn dies geschehe, könne es “ans Eingemachte” gehen in der Europäischen Union.
Hannah Ruopp / dgr
→ Die Rede von Jean Asselborn ist auf dem YouTube-Kanal der Akademie als Video abrufbar.
Hinweis: Die Tutzinger Rede ist ein Format von Rotary und der Evangelischen Akademie Tutzing. Die Vortragsreihe setzt sich zum Ziel, Impulse zu geben, wie der einzelne Mensch angesichts einer Vielzahl komplexer Probleme Freiheit in Verantwortung leben kann. Mehr zur Veranstaltung finden Sie hier.
Bild: Der frühere luxemburgische Außenminister Jean Asselborn bei der 15. Tutzinger Rede am 3. März 2026 (Foto: Otter/eat archiv)



