Stefan Kaegi über Begegnungen mit Humanoiden

Im Umgang mit Systemen künstlicher Intelligenz werden nicht selten menschliche Konzepte auf das Maschinelle übertragen: Wir sprechen von Intelligenz, von Lernen, fragen nach einem künstlichen Bewusstsein und nach einem ethischen Umgang mit der immer autonomer handelnden Technik. Diesem Zusammenspiel von Mensch und Maschine geht die Onlinetagung “Die Mensch-Maschine-Gleichung” vom 26.-28. März 2021 nach. Mitveranstalterin Alix Michell sprach vorab mit Stefan Kaegi, Regisseur und Gründungsmitglied des Theater-Labels Rimini Protokoll, der im Rahmen der Tagung sprechen wird.

2018 inszenierte Stefan Kaegi an den Münchner Kammerspielen das Stück “Uncanny Valley/Unheimliches Tal”. Keine Menschen spielen in dem Stück, lediglich ein Roboter, der nach dem Vorbild des Schriftstellers Thomas Melle gestaltet wurde, betritt die Bühne.

Alix Michell: Wie entstand die Idee zum Stück “Unheimliches Tal/ Uncanny Valley”?

Stefan Kaegi: Ich hatte einige Humanoide in Museen gesehen und fand das unglaublich faszinierend, ja bedrohlich. Aber mir fiel auf, dass die Museumsbesucher nur daran interessiert waren, Fotos von den Geräten zu knipsen, nicht aber, sich der Begegnung mit dem Menschenklon zu stellen.

Im Theater hat man ja eine ganz andere Aufmerksamkeit, wenn man eine Stunde lang so einem Gerät gegenübersitzt. Aber zunächst war es gar nicht mal so einfach, einen solchen Roboter überhaupt zu erschaffen. Wir wollten ihn ja wirklich porengenau nach Thomas Melles Physiognomie bilden, jede Mimik, jede Gestik sollte ihm nachempfunden sein. Dafür mussten wir von Melles Kopf, also vom echten, einen Silikonabdruck machen, die ihm seine Form gab. Im Anschluss folgte die minutiöse Programmierarbeit, um seine Mimik – Lippen, Augen, Wimpern – so authentisch wie möglich wirken zu lassen. Nach jeder Vorstellung musste der Roboter wieder vorsichtig verpackt werden. Ich glaube, ich habe mir noch nie um einen Darsteller so große Sorgen gemacht wie um Melle 2, wie wir ihn bei uns nennen.

Diese Ähnlichkeit von Melle 2 zum Autor Thomas Melle ist ja bemerkenswert gut gelungen: Haptik und Mimik des Roboters, wirken außerordentlich menschlich. Wie erging es Ihnen bei der Inszenierung des Stücks beispielsweise in der Interaktion mit dem Roboter auf der Bühne – greifen hier zwischenmenschliche Empfindungen wie etwa Empathie?

Man kann das gar nicht komplett verhindern. So sind wir Menschen eben “programmiert” – wir reagieren auf gesenkte Augen oder lächelnde Lippen mit Empathie – obwohl wir wissen, dass eine Maschine dahintersteckt.  In Berufen wie der Pflege versucht man ja jetzt schon solche Roboter einzusetzen, erste Versuche damit, beispielsweise in Japan, zeigen auch, dass es funktioniert. Gerade Japan gilt als Vorzeigeland von New Robotics in der Arbeitswelt. Denn die Ängste vor Überwachung und Unkontrollierbarkeit sind dort weitaus geringer als hier. Viele Japaner erwarten sogar, dass diese Technologien ihr Leben künftig bereichern. Das hat nicht zuletzt mit den positiven Darstellungen in Manga und Populärkultur zu tun, was dazu führt, dass die Japaner weniger Berührungsängste mit menschlichen Maschinen haben.

In einem Interview im Deutschlandfunk beschrieben Sie den Roboter als Schauspieler der ganz anderen Art: Ein Schauspieler, der weder klagt, noch nachfragt, der aber dafür ganz andere Herausforderungen an Sie als Regisseur stellt. Welche Rolle sehen Sie für den humanoiden Roboter in der Zukunft des Theaters – gibt es hier noch Berührungsängste mit den schauspielenden Maschinen?

Im Theater wird ja schon seit Jahrtausenden Technik eingesetzt, um Illusion zu erzeugen, seit dem Deus ex Machina im griechischen Theater… Heutzutage wird in den meisten Theatern Licht, Ton, Video und Maschinerie mithilfe von aufwändiger Technik gefahren. Ins Zentrum der Bühne auch noch eine Maschine zu setzen ist da ein letztes Tabu, das zu brechen im Einzelfall konsequent und interessant sein kann. Aber das heißt nicht, dass ab jetzt nur noch Roboter Theater spielen werden.

Theater hat ja grundsätzlich die Chance, als Live-Kunst sehr nah auf die Gegenwart zu schauen, das Zusammensein im Jetzt zu inszenieren. Und da ein großer Teil unserer Anstrengungen, Kreativität und Debatten im postindustriellen Zeitalter mit der Frage zu tun hat, wie wir zusammenleben wollen, ist Theater die Kunst der Stunde – die uns eben nicht voneinander trennt, sondern uns hinter unseren Bildschirmen hervorholt. Es liegt an uns, dieses Zusammensein nicht zum Selbstzweck verkommen zu lassen, sondern diesen sozialen Raum dazu zu nutzen, die komplexen Themen unserer Zeit kritisch zu hinterfragen. Dazu gehören natürlich auch die ökonomischen Machtverhältnisse, die der Politik immer weniger Spielraum zu lassen scheinen. Das Theater wird auch zukünftig der Wirklichkeit ein Schnippchen schlagen.

Die Fragen stellte Alix Michell

Hinweis:
Stefan Kaegi wird am Samstag, den 27.3.2021 im Rahmen der Tagung “Die Mensch-Maschine-Gleichung” über sein Stück “Uncanny Valley/Unheimliches Tal” sprechen. Informationen zu Programmablauf und Anmeldung unter diesem Link.

Bild: Humanoid aus “Uncanny Valley” (© Gabriela Neeb)

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