BEI DER MIGRATION SIND WIR SEHR WEIT.“
Bundeskanzler Friedrich Merz
Die Debatte um Migration polarisiert Politik und Gesellschaft. Sie ist herausgehobenes Thema der Bundesregierung, wird aber auch in den Orten, Dörfern, Stadteilen, Quartieren und Nachbarschaften, am Stammtisch, im Kulturbüro und Rathaus leidenschaftlich geführt – dort, wo die Integration von Geflüchteten konkret wird.
Wie weit sind wir? Wo stehen wir bei der Migration? Seit 2015 sind jährlich mehr Menschen zugewandert, als in den Jahren davor. Das hat zeitweise insbesondere die Kommunen an die Grenze ihrer Leistungsfähigkeit gebracht. Anträge auf Asyl haben in Deutschland 2025 den tiefsten Stand seit 2020 erreicht. Manche sehen das als einen Erfolg, der Politik handlungsfähig erhält und politischer Radikalisierung vorbeugt. Andere werten es als Ausdruck einer zunehmend inhumanen Migrationspolitik.
Blickt man auf die lokale Ebene, so ließe sich der oben zitierte Satz des Kanzlers auch so lesen: Bei der Integration der vielen Menschen, die seit 2015 nach Deutschland gekommen sind, ist durch eine große Kraftanstrengung kommunaler Politik und Zivilgesellschaft auch vieles gelungen. So wird deutlich, dass die Menschen, die in den Quartieren, Stadtteilen und Orten zusammenleben, bereits seit Jahrzehnten diverser und vielfältiger geworden sind – nicht erst seit 2015. Ein Faktor ist dabei die Migration: Fast ein Drittel der Menschen in Deutschland hat eine Migrationsgeschichte – wobei davon fast 37 Prozent bereits in Deutschland geboren wurde und die Mehrheit von ihnen die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt. Sie arbeiten, zahlen Steuern, gründen Firmen – und wohnen nebenan.
Und dennoch existieren Probleme, die entlang einer Skala der „sozialen Segregation“ abgelesen werden können und die unschönen Begriffe „Gentrifizierung“ und „Ghettoisierung“ tragen. Menschen sondern sich angesichts zu großer Vielfalt wieder voneinander ab und bleiben unter sich.
Wir wollen fragen: Wie können Nachbarschaften für alle entstehen? Wie lassen sich Quartiere so gestalten, dass Jung und Alt, Arm und Reich, Menschen mit und ohne Behinderungen, migrantische Gemeinschaften, neu Dazugekommene und längst am Ort Lebende miteinander gut leben können? Wo liegen die – in der Krisenrhetorik oft übersehenen – Erfolge von Integration? Wo benötigen Kommunen und Quartiere mehr Unterstützung? Wie können auch Kirche und Diakonie als Teil einer wachen Zivilgesellschaft mitarbeiten, um die vielen Herausforderungen vor Ort zu
bewältigen?
Auf unserer 5. Tutzinger Quartierstagung geht es um diese Fragen. Dazu hören wir Vorträge und tauschen uns in Workshops zu konkreten Quartiersprojekten aus. Wir hören Geschichten des Gelingens und auch des Scheiterns. Darunter sind auch Projekte der „AG Herberge“. Diese Arbeitsgemeinschaft der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern vermittelt seit zehn Jahren in vielen Quartieren in Bayern Geflüchteten jenseits der Erstunterkünfte einen Zugang zu Leben, Wohnen und Arbeiten. Denn Integration beginnt dort, wo sie „endet“: vor Ort. Wir freuen uns auf
intensive Gespräche!
Frank Kittelberger, Pfr. i.R.
Pastoralpsychologe, freier Mitarbeiter der Evangelischen Akademie Tutzing
Bettina Naumann, Kirchenrätin
Leiterin des Referats Diakonie und themenbezogene gesellschaftliche Aufgaben im Landeskirchenamt der ELKB, München
Sabine Claaßen
Justiziarin u.a. für Projekte im Bereich Diakonie und themenbezogene gesellschaftliche Aufgaben im Landeskirchenamt der ELKB, München
Barbara Tappe
Referentin für Diakonie im sozialen Nahraum, Diakonisches Werk Bayern, Nürnberg
Lisa Scholz
Referentin für Migration, Diakonisches Werk Bayern, Nürnberg




