“Glück in alltäglichen Dingen erkennen”

Sangay Zangmo wuchs auf einem Bauernhof in Bhutan auf – dem Land, das seinen Erfolg im “Bruttonationalglück” misst. Als erste in ihrer Familie studierte sie und lebt nun in Kassel, um ihren Masterabschluss in Economic Behavior and Governance zu machen. Wir haben sie zu unserem Studientag “Glück” eingeladen und ihr vorab drei Fragen gestellt.

 

Evangelische Akademie Tutzing: Was bedeutet Glück für Sie?

Sangay Zangmo: Glück bedeutet für mich, sowohl körperlich als auch geistig gesund zu sein. Es heißt, Frieden um mich herum zu haben, saubere, frische Luft zu atmen und mit meinen Liebsten in Verbindung zu bleiben, wann immer ich kann.

Wie hat Sie das Bruttonationalglück in Bhutan im Alltag geprägt?

Das Konzept des Bruttonationalglücks in Bhutan hat meinen Alltag stark beeinflusst. Es macht deutlich, wie wichtig es ist, auf das physische und psychische Wohlbefinden zu achten, soziale Beziehungen zu pflegen und die Umwelt zu schützen und das alles, ohne die materielle und wirtschaftliche Entwicklung aus den Augen zu verlieren.

Erleben Sie als Studentin in Deutschland internationale Unterschiede dazu, wie Glück hierzulande unter Ihren Kommiliton:innen verstanden und empfunden wird – vor allem im Vergleich zu Ihrem Herkunftsland Bhutan?

Als Studentin in Kassel merke ich Unterschiede im Verständnis von Glück im Vergleich zu Bhutan, auch bei anderen Studierenden. In Deutschland wird Glück oft mit guten Studienleistungen und einem gut bezahlten Job verbunden. Viele Studierende konzentrieren sich deshalb stark auf ihre Karriere und strukturieren ihren Tag sehr genau. Dadurch finden sie wenig Zeit für spontane soziale Aktivitäten.

Für mich besteht Glück aus mehreren Aspekten. Karriere ist mir zwar wichtig, doch soziale Beziehungen, Gesundheit und andere Lebensbereiche sind für mich gleichbedeutend. In Bhutan ist das Leben eher schlicht, weshalb man sich an den kleinsten Dingen erfreut. In Deutschland hingegen werden viele dieser Dinge oft als selbstverständlich angesehen und scheinen kaum zum persönlichen Glück beizutragen.

In Bhutan herrscht ein stärkeres Bewusstsein dafür, Glück in alltäglichen Dingen zu erkennen, zum Beispiel im Melken der Kühe oder im einfachen Zusammensein. In Deutschland wird Glück dagegen oft an Extremen gemessen: an einem Lottogewinn, einem hohen Gehalt oder anderen zukünftigen Erfolgen. In Bhutan setzt sich Glück vielmehr aus den aktuellen Lebensumständen zusammen und aus der Fähigkeit, die Gegenwart wertzuschätzen.

Die Fragen stellte Julia Wunderlich,
Studienleiterin für Jugendpolitik & Jugendbildung (Junges Forum) an der Evangelischen Akademie Tutzing

Zur Person:
Sangay Zangmo erlebte ihre Kindheit auf einem Bauernhof in Bhutan und ist die Erste in ihrer Familie mit einer formaler Ausbildung. Ihr Bachelorstudium in Wirtschaft und Umwelt absolvierte sie am Royal Thimphu College in Bhutan. Derzeit ist sie Studentin im Masterstudium Economic Behavior and Governance an der Universität Kassel. Darüber hinaus ist sie Mitglied im Vorstand der Deutschen Bhutan Himalaya Gesellschaft.

Hinweis:
Der Studientag “Glück” des Jungen Forums (in Kooperation mit der Islamischen Gemeinde Penzberg und der Evangelischen Kirchengemeinde Bad Tölz)
findet am 8. Februar 2026 statt und richtet sich an Menschen ab 12 Jahren. Weitere Informationen hier.

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