So viele Welten in einer Akademie

Gäste empfangen, Unkraut jäten, Kinderführungen anbieten:  Auf der Zielgeraden ihres Freiwilligen Sozialen Jahrs an der Evangelischen Akademie Tutzing blickt die 19-jährige Selina Urbanek auf ein abwechslungsreiches Jahr zurück.

War es eine bewusste Entscheidung, nicht gleich nach der Schule ein Studium oder eine Ausbildung anzufangen?

Ja. Nach dem Abitur wollte ich erst einmal Abstand bekommen zu der ganzen Lernerei. Ich wollte etwas Praktisches machen, aber nicht nur unverbindlich irgendwo jobben, sondern etwas Festes, bei dem ich für ein Jahr eingebunden bin.

Wie kam es dann dazu?

Eigentlich wollte ich in den sozialen Bereich, am liebsten mit Kindern in einem Hort oder einer Krippe arbeiten. Aber da habe ich keine Stelle gefunden und dann bin ich über meinen Kontakt zur Tutzinger Bücherei an die Evangelische Akademie Tutzing gekommen. Ursprünglich war keine Stelle für ein Freiwilliges Soziales Jahr hier vorgesehen, aber dann wurde es für mich möglich gemacht. Vorher gab es hier nur das Angebot für ein Freiwilliges Ökologisches Jahr.

Jetzt liegt der größte Teil Ihres Freiwilligen Sozialen Jahres schon hinter Ihnen. Was waren denn Ihre Aufgaben in dieser Zeit?

Ich durfte jeden Bereich kennenlernen. Zuerst war ich drei Monate in der Hauswirtschaft: Zimmer putzen, Betten beziehen, Zimmer für die Tagungen fertig machen und so was. Ich habe auch beim Essenservice geholfen, in der Spülküche oder in der Waschküche. Im Anschluss war ich drei Monate im Referat Presse- und Öffentlichkeitsarbeit und durfte bei ganz verschiedenen Sachen helfen. Was immer so ein bisschen nebenhergelaufen ist, war die Digitalisierung des Archivs. Alle Veranstaltungen ab 1970 bis 1990/95 habe ich so in die Seminarverwaltung übertragen. Nebenbei habe ich dann noch die Pflege des E-Mail-Adressverteilers übernommen, weil der Referent zu dem Zeitpunkt schon in Pension war. Und dann habe ich ganz viele kleinere Aufträge übernommen.

Zum Beispiel?

Manchmal sind Studienleiter auf mich zugekommen und ich konnte ihnen bei Recherchen helfen, etwa Adressen von Ansprechpartnern oder Kooperationspartnern zu suchen. Ich habe auch Werbepost fertig gemacht, Geschenke für Benefizveranstaltungen verpackt und sogar auch mal Plakate gemalt für Veranstaltungen. Es waren einfach so viele Sachen!

Und danach?

Danach war ich ein paar Wochen lang in der Rezeption. Das war sehr interessant. Die Rezeption ist ein Dreh- und Angelpunkt. Das Telefon klingelt, es kommen Gäste an und gehen, man muss E-Mails beantworten und auch persönlich zu den verschiedensten Dingen Auskunft geben. Die Menschen haben Fragen zu ihren Tagungen, nächsten Veranstaltungen oder Konzerten, zu „Ferien im Schloss“ oder wo sich das nächste Restaurant befindet. An der Rezeption ist man für den Gast einfach die erste Anlaufstelle. Ich bin da recht schnell selbständig geworden und durfte dann sogar alleine Rezeptionsdienste machen.

Waren Sie auch in der Restaurantküche?

Ja, das kam gleich im Anschluss und war auch total spannend, weil man hier so viel mit den Händen und den Sinnen arbeitet. In der Küche herrscht eine ganz eigene Atmosphäre, es ist laut, es ist dampfig. Eine eigene Welt! Jeder hat seinen eigenen Aufgabenbereich und ich durfte auch hier über jede Schulter schauen. Manchmal hab ich auch geholfen, Essen auszugeben, einmal auch Abenddienst gemacht. Ein Highlight war für mich die Verleihung des Phoenix-Kunstpreises  – da gab es dann ukrainische Spezialitäten als Fingerfood, weil die Preisträgerin von dort kommt. Das war für uns alle ein bisschen Neuland, die Atmosphäre war toll.

Frau Polhuis, die Küchenchefin, hat mir außerdem gezeigt, wie eine Kalkulation in der Küche funktioniert. Wie wird Essen auf die Zahl der Gäste berechnet und eingeteilt? An der Akademie wird neben der Herkunft der Lebensmittel sehr auf Nachhaltigkeit geachtet. Alles wird frisch zubereitet und das meiste kommt aus der Bio-Landwirtschaft. Es soll nichts verschwendet werden. Die Planung ist anspruchsvoll und wichtig: Wann muss wieder Gemüse gekauft werden? Was kann noch wie verwendet werden? Der Anspruch der Küche ist hoch, aber manchmal stehen eben nicht nur die Rezepte im Vordergrund.

Was hat Sie dort besonders beeindruckt?

Das war unter anderem Frau Pfaff. Sie kümmert sich um das Gemüse und den Salat und sie hat ein beeindruckendes Gefühl für Mengen! Sie braucht keine Waage, sie weiß genau, wie viel etwas wiegt und kennt das Eigengewicht jeder Schale auswendig.

In der letzten Zeit habe ich Sie viel bei den Hausmeistern und im Park gesehen.

Das ist richtig. Es ist meine letzte Station. Morgens um acht werden als erstes im Haus und im Büro Zeitungen verteilt, dann wird besprochen, was für den Tag ansteht. Welche Veranstaltungen sind geplant? Entsprechend müssen wir die Räume vorbereiten und dabei mitdenken, welche Technik benötigt wird, ob Beamer, Laptop, Flipcharts oder Moderatorenkoffer gebraucht werden. Wie viele Tische müssen hingestellt werden? Wie soll bestuhlt werden? Wenn das alles getan ist, kümmern wir uns um den Park: Unkraut jäten, Löwenzahn rausstechen, manche Ränder des Rasens müssen per Hand gemäht werden. Um die restliche Grünfläche kümmern sich die kleinen Mähroboter. Im Frühjahr musste die Gartenbestuhlung rausgestellt werden, im Mai haben wir die Blumenschalen bepflanzt. Um die Pflanzen müssen wir uns täglich kümmern, besonders in der heißen Jahreszeit.

Erst vor ein paar Tagen waren Sie im Schloss und im Park mit einer Schar Kindern unterwegs. Haben Sie denn auch Führungen übernommen?

Das war ein Spezialprojekt, normalerweise haben Führungen nicht zu meinen Aufgaben gehört. Vor ein paar Jahren wurde eingeführt, dass jeder Mitarbeiter in einem Freiwilligen Sozialen Jahr ein eigenes Projekt übernimmt. Weil ich ohnehin gern mit Kindern arbeite, kam mir die Idee, Kindern zu erklären, was eigentlich Tagungen sind. Über einen persönlichen Kontakt zum Kinderhaus St. Josef kam es dazu, dass ich den Kindern von dort unser Schloss und die Akademie gezeigt habe.

Wie sind Sie vorgegangen?

Ich habe mir als erstes überlegt, wie ich es ansprechend für die Kinder gestalten kann. Gemeinsam mit Frau Mrozek-Abraham aus der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit entstand die Idee, den Kindern Tagungen zu erklären indem man sie mit Kindergeburtstagen vergleicht. Man muss sich ja fragen: Was ist das Thema? Wo findet die Veranstaltung statt? Wer kommt wann und wie? Was soll es zum Essen geben? Was brauche ich alles? Den Kindern fiel ganz viel ein, man muss sie nur fragen. Wichtig war mir, dass die Kinder verstehen, dass so eine Tagung gut organisiert sein muss, damit sie funktioniert.

Ein bisschen Schlossführerin waren Sie aber sicher auch, oder?

Natürlich. Ich habe den Kindern ein paar Räume gezeigt. Im Musiksaal habe ich sie erst einmal sich umschauen lassen und dann erzählten sie mir, was sie sahen. Im Auditorium, unserer Rotunde, sind ihnen gleich die Mikrofone und die Leinwand aufgefallen. Schritt für Schritt habe ich sie so herausfinden lassen, was jeweils in welchem Raum stattfindet. Es hat mir gut gefallen, wie toll sie mitgemacht haben. Danach sind wir in den Park gegangen und haben Löwen gesucht. Es gibt hier auf dem ganzen Gelände so etwa fünfzig Löwenfiguren. Die beste Gruppe fand 36! Nicht schlecht für fünf- bis siebenjährige Kinder.

Bis August sind Sie nun noch hier. Wie geht es dann bei Ihnen weiter?

Gerade bewerbe ich mich an verschiedenen Unis für Psychologie und werde dann hoffentlich im Laufe des Augusts erfahren, wo ich hinkomme. Nach einem Jahr in der Praxis bin ich jetzt wieder total motiviert, mich ans Lernen zu machen. Ich freue mich aufs Studium.

Was nehmen Sie von der Arbeit hier mit?

Die Scheu, irgendwo neu hinzukommen, wo man niemanden kennt, konnte ich überwinden. Man sollte sich einfach trauen, Neues auszuprobieren. Ich habe gesehen, wie so ein Tagungshaus funktioniert, wie auch in jedem Bereich eine ganz eigene Atmosphäre herrscht. Und ich nehme viele Tipps und Tricks aus der Küche oder bei der Gartenarbeit mit. Ich habe so viel gelernt!

A propos – zwischendurch hatten Sie auch Schulungen, stimmt’s?

Das ist richtig. Der Träger des FSJ ist die Diakonie – da sind pro Jahr fünf mal fünf Bildungstage verpflichtend. Die Seminare waren meistens in Rothenburg ob der Tauber, eines war in Hof. Das waren immer super Zeiten, ich habe viele nette Menschen kennengelernt. Die Themen der Seminare waren ganz unterschiedlich: Es ging sowohl um Gewaltprävention als auch um unsere eigenen Stärken und Schwächen, um Supervision, Psychologie oder wie man richtig Präsentationen vorträgt. Das war total bereichernd.

Frau Urbanek, wir wünschen Ihnen einen schönen Ausklang Ihrer Zeit an der Akademie und alles Gute für die Zukunft! Danke für das Gespräch!

EAT/dgr

Bildunterschrift: Selina Urbanek im Innenhof der Evangelischen Akademie Tutzing
Credit: dgr eat archiv

Tags: ,