SCHRITTE INS OFFENE
Wege wagen. Vertrautes verlassen. Sich verlassen auf die Perspektive des Neuen. Die Wanderin des Titelbildes ist aufgebrochen. Für sie bedeutet Wüste Leere und Fülle zugleich. Manchmal legt sich Verlassenheit bleischwer auf sie. Worauf kann sie sich – noch – verlassen? Auf wen?
Abraham ist wie ein Prototyp des Aufbruchs. Sicherheiten tauscht er ein gegen das Offene und Verheißungsvolle. Wasser der Oase und Schatten verlassend, buchstabiert er nur eines: zu vertrauen.
Vertrauen wird zum Schlüsselbegriff dieser Tagung: Psychologie, Gerontologie, Theologie, Palliativmedizin, Malerei, Literatur und Musik öffnen Zugänge. Wesentliches wurzelt in einem früh erworbenen Urvertrauen. Aus ihm kann sich im Verständnis der Psychoanalyse ein Selbstvertrauen entwickeln, das sich in Krisen bewährt. Neueste Einsichten der Gerontologie konturieren eine neue Lebenskultur im Miteinander der Generationen. Manchmal bleibt nur ein Aufbruch, alles Etablierte verlassend. Davon erzählen beispielhaft Texte der amerikanischen Literatur. Der Dichter Paul Celan und seine Frau, die Grafikerin Gisèle Lestrange, ringen in ihren Ehebriefen um tragendes Vertrauen – und können die Katastrophe doch nicht abwenden. Das Lebensende als Grenzerfahrung kann die Furcht eintauschen in eine Hoffnung auf Verlässlichkeit. Paul Gerhardt, einer der Jubilare dieses Jahres, wagt diesen Sprung ins Vertrauen mitten in einem verheerenden Krieg. Komponisten des neunzehnten Jahrhunderts lassen ihre Gefühle zwischen Verlassenheit und Verlässlichkeit in Klavierkompositionen Klang werden. Vor mehr als zweitausend Jahren kreuzen sich in der Passion Vertrauen und Verzweiflung. Werke der bildenden Kunst halten solche Momente ans Licht. Was aber wäre Alltag ohne Vertrauen: In Liedern und Kurzgeschichten spiegeln sich Chance und Wagnis.
Chaim Noll, im Osten Deutschlands aufgewachsen und heute in Abrahams Stadt Beersheba lebend, titelt eines seiner Gedichte: „Die Wüste lächelt." Es wird kein Spaziergang und kann doch zu einer Erfahrung des Glücks werden: (Sich) verlassen, wagen, vertrauen, aufbrechen…
Ein Spektrum neuer Gedanken und überraschender Impulse ist vorbereitet. Die Tagung erwartet Sie aber auch mit entschleunigten Uferwegen, Diskussionen, Besinnungsmomenten. Wir möchten Menschen zusammenführen, denen Vertrauen wesentlich ist und freuen uns auf Sie!
Pfr. Udo Hahn, Direktor, Evangelische Akademie Tutzing
Dr. Elisabeth Kohler, Fachärztin für Allgemeinmedizin, Psychotherapeutin, Psychoanalytikerin
Dr. Oliver Kohler, Schriftsteller und Historiker



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