„Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung…“
Adorno: „Mir nicht!“
Theodor W. Adorno (Der Spiegel, 6.5.1969)
Vor 60 Jahren erschien Theodor W. Adornos „Negative Dialektik“. Das Buch glich einem Blitz mit nachrollendem Donner. Nicht leicht lesbar, zog das epochale Werk die Register seines diagnostischen Potentials: Es zeigt, wie Politik, Ökonomie, Technik, Wissenschaft die Welt entstellen, die Natur ausbeuten und die Kulturindustrie das Leben merkantil verschleiert.
Trotz kritischem Jargon, überrascht Adorno mit Bildern gelingenden Lebens, ästhetischem Empfinden, liebender Nähe und Quellen des Freiseins. Selbst inmitten von Unmenschlichem, kommt mit jedem Kind ein unschuldiges Modell für Humanität auf die Welt.
Wider Barbarei formulierte Adorno in seinem Hauptwerk einen „neuen kategorischen Imperativ“: Alles „Denken und Handeln so einzurichten, dass Auschwitz nicht sich wiederhole“. Gibt es Hoffnung um der Hoffnungslosen willen? Gewissheit gibt es nicht. Von der Auferstehung des Leibes gar ahnen wir vielleicht nur kraft eines somatischen Tastens. Doch pocht in ihm nicht jedes Unglück unveräußerlich auf Trost und Einspruch?
Wir leben im Anthropozän voll Leid und Gewalt. Gleichviel entziffert Adorno aus Kindsein, Musik, Kunst und Traum kreativen Widerstand gegen alles Zerstörerische. Könnten wir doch alles zur Ware Verdinglichte abstreifen, damit wir leidenschaftlich werden wie im Spiel. Mit- unter führen aus dem negativen Grau farbige Spuren unverhofft zu einem prekären Glück.
„Solidarisch mit Metaphysik im Augenblick ihres Sturzes sein“ – d.h. sich empören, engagieren, den Verbrechern das Handwerk legen und die Idee des Humanum beflügeln. Ohne Angst, ohne Gewalt, ohne Opfer leben.
Herzlich willkommen zum Diskurs im Schloss Tutzing!
Pfr. Dr. phil. Jochen Wagner
ehem. Studienleiter der Evangelischen Akademie Tutzing






