Kirche muss Führung lernen

Gutes Führen will gelernt sein, auch von Kirchenleuten. Das Leid mit der Leitung kennen allerdings Katholiken wie Protestanten, meint Akademiedirektor Udo Hahn – leider. Gastkommentar für die Bayern 2-Sendung “Zum Sonntag”.

Sendetermin: Samstag, 08. Oktober 2022 um 17.55 Uhr auf Radio Bayern 2

Es vergeht keine Woche, in der nicht der Führungsstil von Bundeskanzler Olaf Scholz Thema wäre. „Führung bestellt, nicht geliefert“, lautet ein Vorwurf. Ein anderer: „Phrasen statt Führung“. Am Beispiel des Bundeskanzlers wird die Erwartungshaltung deutlich: Wer eine Leitungsfunktion innehat, muss führen können.

In Deutschland ist das Wort „Führung“ negativ belastet. Das hat mit der Diktatur des Nationalsozialismus zu tun. Am Beispiel Adolf Hitlers sieht man, wohin Macht führt, wenn derjenige, der sie ausübt, dazu charakterlich absolut ungeeignet ist und obendrein einer menschenverachtenden Ideologie anhängt. Das Thema „Führung“ ist damit natürlich nicht erledigt, ganz im Gegenteil! In Politik und Wirtschaft wird Leadership schon lange bewusst reflektiert. In den Kirchen geschieht dies noch immer viel zu wenig. Zu diesem Ergebnis kommt Emmanuela Kohlhaas. Sie ist Priorin der Benediktinerinnengemeinschaft Köln und hat ihre Erfahrungen in einem sehr persönlichen Buch gerade vorgelegt. Es trägt den Titel „Die neue Kunst des Leitens. Wie Menschen sich entfalten können“. Sie weiß, wovon sie spricht, denn sie ist auch Coach und Organisationsberaterin. Schonungslos beschreibt sie das dramatische Leitungsversagen in ihrer Kirche. Einzelne haben da zu viel Macht.

Was viele sich nicht klar machen, auch die evangelische Kirche hat ein Führungsproblem. Das Spezifische ist hier: Angeblich hat keiner Macht – und damit leider allzu oft am Ende auch keiner die Verantwortung. Dabei wird Macht ständig ausgeübt.

Emmanuela Kohlhaas spricht an, was in den Kirchen nach wie vor ein Tabu ist: dass die Verführung der Macht darin besteht, die eigene Person mit einem Amt aufzuwerten – mitunter durchaus unbewusst, was der Fairness halber auch gesagt werden muss. Umso mehr braucht es die bewusste Reflexion von Leitungsaufgaben und Führungsprofilen. Ein Leitungsamt – auf welcher Ebene auch immer –, so die Priorin, sei nichts für Menschen mit einem schwachen Selbstwertgefühl, die in so einer Funktion Identität, Bestätigung und Anerkennung suchen. Und es sei schon gar nichts für Narzissten, die auch in kirchlichen Leitungsämtern anzutreffen sind, wie Emmanuela Kohlhaas es beschreibt. Denn, so ihre Warnung an alle, die nach Macht streben: „Das Ego darf sich nicht an der Rolle mästen und aufblähen.“

Da stellt sich die Frage, wie es Menschen mit solch einem Persönlichkeitsprofil schaffen, sich immer wieder durchzusetzen. Es hängt wohl auch damit zusammen, dass die Personen und Gremien, die Berufungen aussprechen, nicht genau genug hinschauen. Dass es bei der Leitungsverantwortung zum Beispiel um Kommunikation und nicht um Dominanz geht. Das wird in Leadership-Kursen längst gelehrt. Auch die Notwendigkeit zur inneren Distanz, das eigene Handeln – etwa mit Hilfe eines Coaches – immer wieder selbstkritisch zu hinterfragen.

Perfektion kann und wird es nicht geben. Was das Buch von Emmanuela Kohlhaas so wertvoll macht: dass sie ihre eigenen Schwächen und Fehler offen anspricht und was sie selbst daraus gelernt hat. Diese Offenheit zeichnet gute Führung aus.

Die Kirchen könnten bei dem Thema viel weiter sein, würden Leitungsverantwortliche beherzigen, was der Kirchenlehrer Augustin schon im 4. nachchristlichen Jahrhundert als Anforderungsprofil skizzierte: „Unruhestifter zurechtweisen, Kleinmütige trösten, sich der Schwachen annehmen, Gegner widerlegen, sich vor Nachstellern hüten, Ungebildete lehren, Träge wachrütteln, Händelsucher zurückhalten, Eingebildeten den rechten Platz anweisen, Streitende besänftigen, Armen helfen, Unterdrückte befreien, Gute ermutigen, Böse ertragen und – ach – alle lieben.“ Daran müssen sich Führungskräfte messen lassen – gerade in der Kirche.

Der Autor ist Direktor der Evangelischen Akademie Tutzing.

Hinweis:
Vorliegender Text ist als Gastkommentar für die Sendung “Zum Sonntag” von Radio Bayern 2 erschienen.
Sendetermin: 08. Oktober 2022 / 17.55 Uhr. Unter diesem Link geht es zur Homepage der Sendung

Bild: Pfr. Duo Hahn, Direktor der Evangelischen Akademie Tutzing (Foto: Haist/eat archiv)