Gewalt – und kein Ende?

Es ist nicht mehr zu fassen, mit wie vielen Grausamkeiten wir medial jeden Tag konfrontiert werden. Ohnmächtig bleiben wir zurück. Was ist es, was den Menschen entmenscht und zu Bösartigem treibt? Ist es das minimal Andere, Fremde, wie Gerhard Polt kürzlich bei uns sagte? Studienleiter Jochen Wagner schreibt in diesem Beitrag über die Gewalt.

Wer kommt noch mit? Kaum ist ein schwarzer US-Bürger beerdigt, gibt es den nächsten Todesfall eines Schwarzen durch einen US-Polizisten. Indes lenkt die Stuttgarter Straßenschlacht unseren Blick auf krawallbegeisterte Jugendliche. Doch, Corona hält sich medial wacker. Ein weiterer, furchtbarer Kindesmissbrauch, ein Autorennen in der City mit Todesfolge oder ein  tragischer Badeunfall, der eine halbe Familie in den Tod reißt – Facetten der Gewalt. Da gibt es den Wirecard-Skandal, milliardenschwer. Und richtet sich der Blick nach außen, nein, nicht zum Brexit oder zum polnischen, ukrainischen, ungarischen, türkischen Rechtspopulismus, sondern mal nach China, Brasilien, Venezuela? Oder dem Jemen? Und was ist mit Syrien, Libyen? Es ist unfassbar viel. Vom Fressen und Gefressenwerden in der Natur und was wir ihr antun, noch gar nicht geredet. Ist jemand selber betroffen, namenlos, irgendwo, dann ist das, im medialen Jargon, nochmals eine ganz andere Qualität. Es ist alles viel zu viel Gewalt, Leid, Not und Tod. Zuviel Info. Wo bleiben Trost, Linderung, Heiles?

SPIEGEL: Herr Professor – gestern schien die Welt noch in Ordnung.
ADORNO
: Mir nicht.

So beginnt ein Interview des Spiegel mit dem Philosophen Theodor W. Adorno im Sommer 1969. So schlagfertig sind wir nicht. Aber scheint uns früh die Welt nicht auch (halbwegs) in Ordnung, bis uns dann die Medien die neuesten Katastrophen melden? Kurz nach dem Interview, am 6. August, stirbt Adorno. Zeitlebens markierte der Frankfurter Sozialforscher noch im Harmlosen winzigste Metastasen der Gewalt. „Die Welt ist das System des Grauens“ (Minima Moralia, Ffm 1979, 145). Und doch fieberte der deutsche Jude nach dem Versöhnlichen im Entzweiten, die Gewalt zu überleben.

„Seit ich denken kann, bin ich glücklich gewesen mit dem Lied: ‚Zwischen Berg und tiefem, tiefen Tal.‘: von den zwei Hasen, die sich am Gras gütlich taten, vom Jäger niedergeschossen wurden, und als sie sich besonnen hatten, dass sie noch am Leben waren, von dannen liefen. Aber spät erst habe ich die Lehre darin verstanden: Vernunft kann es nur in Verzweiflung und Überschwang aushalten. – . Man sollte es den Hasen gleichtun: Wenn der Schuss fällt, närrisch für tot hinfallen, sich sammeln und besinnen, und wenn man noch Atem hat, von dannen laufen. Die Kraft zur Angst und die zum Glück sind das gleiche  …. Was wäre Glück, das nicht sich mäße an der unmessbaren Trauer, dessen, was ist? Denn verstört ist der Weltlauf. – . Die List der ohnmächtigen Hasen erlöst mit ihnen selbst den Jäger, dem sie seine Schuld stibitzt.“ (ebd. 266)

Adornos Allegorie spinnt das Märchen von der Erlösung ins Volkslied. Die Opfer selber be-freien den Täter von der Schuld. Walter Benjamin setzt hierzu auf den hebräischen Messias in seinen Thesen über den Begriff der Geschichte. Kommt der Messias nicht, bleibt Kain auf ewig Täter und Abel auf ewig Opfer. In einer zur ausweglosen Immanenz verdichteten Welt gibt es weder Trost, noch Hoffnung und auch keine Gerechtigkeit. Triumphiert in der entzauberten Moderne das Verbrechen über die Ermordeten? Wie kann man das aushalten?

Kurz auf Adornos Tod findet das Festival Woodstock 3 Days of Peace & Music vom 15. bis 17. August 1969 draußen vor New York statt. Wieder sind es Lieder von Love, Freedom. Peace against War. „Seit ich denken kann, bin ich glücklich gewesen mit Woodstock“ – bis heute erleben wir dies Menschenbekennen. Auch dieses Narrativ birgt – vielleicht nicht für fromme, sondern transzendental obdachlose Menschen – mit dem Mythos Woodstock die Sehnsucht nach einer Welt, in der die Bestien nicht das letzte Wort über die Opfer behalten.

Derlei Reflexionen über die Gewalt versuchen posthum wie präventiv, im verstörten Weltlauf Trost und Einspruch zu artikulieren. Wir müssten eigentlich wahnsinnig werden, was pausenlos Menschen ihresgleichen, Tieren und Dingen antun. Der Taumel der Zerstörung und der  Rausch der Zeugung, die Mortificatio, jemand auslöschen, Vivicatio, jemand ins Sein rufen, der Hang zum Bösen, die Anlage zum Guten – unsere Doppelnatur beschäftigt Legion. Sie  bloß zu denken ist eins. Doch wenn die Gewalt real einbricht? Ihre Sensation wie ein Blitz, ein Schrei, ein Riss uns heimsucht? Wenn gar der tötende Mensch wütet, wie das Lebenswerk von Walter Burkert, Homo Necans (Berlin/New York 1997) darlegt?

Schock, Schrecken, Schmerz, Angst – bloße Worte. Traumata, wenn sie den Leib killen. Körperliche, sexuelle, militärische, missbräuchliche  natürlich seelische oder strukturelle, systemische, institutionelle, häusliche wie religiöse, kriminelle wie kirchliche oder polizeiliche, auch weibliche und männliche, evident sprachliche, semantische, mediale, virtuelle, digitale Gewalt. Zuletzt göttliche oder politische Gewalt. Sie macht kaputt, knallt ihr Dröhnen in das Metapherngestöber, so Paul Celan unvergesslich. Sie bringt den Tod. En passant. Mal als Naturgewalt, malum naturale, mal als menschliches Delikt, malum morale. Pervers als bürokratisch verwalteter, industriell realisierter Massenmord, autoritär, gehorsam und andächtig, ja akribisch durchexerzierte, eiskalte Technik. Das Böse.

Gerhard Polt war erst vor kurzem in Tutzing. Wir diskutierten das Phänomen Gewalt. „Wie entmenscht muss ein Mensch sein, was heißt Mensch, ja, was ist das dann überhaupt für ein Mensch, ist das noch ein Mensch? Oder sind das gefallene Engel, ja Teufel?“ – so tastet Polt sich an eine Vorstellung monströser Destruktivität heran. „Alle Schlächter, bar jeder humanen Regung, erst morden, dann die Kinder, den Schäferhund tätscheln – wie ging das, bei den Nazis? Wie geht das Schänden, Umbringen bei den KuKluxKlans bis heute, wo ich Interviews mit ihnen in TV gesehen habe?“ fragt der Kabarettist, der unter anderem auch Politikwissenschaft studiert hat; „Wie kriegen diese Grischbeln das hin, diese abscheulichen Gewaltexzesse? Nix hemmt sie, kein Schreien, Weinen der Menschen, im Gegenteil: Sie amüsieren sich noch, lachen, spotten – und keine Spur von Schuld oder Scham, nix, ungerührt, irgendwie unschuldig – ja, denken wir an den Himmler, wie er seine Mordsgehilfen lobt, dass sie’s schaffen, bei ihrer rohen Arbeit, die sie tagein tagaus tun, und sie muss ja, kein Zweifel, nix, muss getan werden, dass sie dabei so anständige Charaktere geblieben sind – ja Wahnsinn, unfassbar. Und wie schauen diese Bestien? Wie unschuldige Schuldige, null Sinn für ihre Verbrechen!“

Unschuldig Schuldige – ist so ein Paradoxon salonfähig, so sinnierte Gerhard Polt weiter, oder geraten wir da nicht semantisch, rhetorisch gefährlich nah ins Verharmlosende? Sind nicht viele Täter in der Kindheit selber Opfer gewesen? Klaus Theweleit hat in seinem Buch Das Lachen der Täter (Wien u.a. 2015) die Verhörprotokolle des gezielt amoklaufenden Anders Breivik studiert. Wie Hannah Arendt schockiert einen die Banalität des Bösen, zugleich steckt in ihr eine sadistische Brutalität. „Und“ so Gerhard Polt „wie sehr Gewalt fasziniert, fesselt, bannt, psychisch impft, narkotisiert, elektrisiert – und zwar mit dem Täter auch den Zuschauer. Wir kennen den Kitzel, diese magnetische Anziehung, wie eine Lawine zu Tal donnert, den Sog der Tsunami-Bilder, das Fluten unserer Neugier – oder 9/11 New York, wie die Zwillingstürme des 400 Meter hohen World Trade Centers zusammensacken“. Klügste Köpfe füllten tags drauf die Feuilletons, raunten vom Kunstwerk, von der Ästhetik des Erhabenen, von einer Überwältigungstechnik durch Terror, die den Divinisierungsstrategien religiöser Kulte gleiche: Gigantisches aus dem Staube sich erhöhen, Gigantisches zu Staub erniedrigen feiere. Live, in Echtzeit zum Tatort!

Gerhard Polt geizt nicht mit eigenen Kindheitserfahrungen zur Sache: „Wer war’s, ja, dem Büchner sein Danton war’s: ‚Was ist das, was in uns lügt, stiehlt, hurt und mordet?‘. Haben wir nicht alle Räuber und Gendarm, oder Indianer und Cowboy gespielt? Wir waren die Ama-lienstraßler-Bande und die Türkenstraßler waren die Feinde. Das waren alle Deppen und sind es bis heute. Haben wir einen gefangen, so war das, wurde er gefoltert, klar. Einmal haben wir einem mit der Lupe von der Oma die Zeh’n angesengt. Das war normal, umgekehrt genauso. Oder was denkt sich ein Kind, wenn es der Schnecke unersättlich auf die Hörner tupft, bis dem Tierl seine Fühlhörner erlahmen und nicht mehr ausfahren aus der Obhut des Leibes? Ist so ein Kind nicht auch unschuldig schuldig? Doch wie wird aus solch dummem Zwang, wie wird aus rohem Bandenspiel der Kindheit tödlicher Ernst? Denn wir waren ja mit den Feinden dann doch auch wieder in der Schule oder dem Verein zusammen, gemischt, alle gleich.“

Wie wird Gewalt selbst in unauffälligen Milieus zur archaischen wie anarchischen Matrix: Solidarität nach innen, Aggression nach außen? Ähnliche wider Unähnliche, Vertraute gegen Fremde? „Es langt“  – so Gerhard Polt – „ die geringste nicht integrierbare Sonderheit, sorry, abstehende Ohren, Sommersprossen, rote Haare, Lispeln und schon wird’s hitzig.“

Minimal anders sein, das kränkt die Logik, wo das Normale militant definiert ist. Dazu gehören heißt, notorisch feindselig andere terrorisieren. Loyal zum Clan, zieht der Hass auf die anderen jubelnd in den Krieg. Der schweißt zusammen, nach innen, und trennt, nach außen. Blinder Gehorsam, gnadenloser Zugriff, das ist der Glutkern. Carl Schmitts verhängnisvolle Politische Theologie (München und Leipzig 1934) bietet Minderwertigkeitskomplexen oder Selbsthass eine grandiose Triebabfuhr: Lösch den absoluten Feind aus, reinige dich und den Kollektivkörper. Kandidatinnen und Kandidaten für den absoluten Feind gibt es immer: Der leere Signifikant ist schnell gefüllt. Mit Juden, Sintis, Romas, Sozis oder Schwarzen, Homosexuellen, Ungläubigen oder Hexen. Die Fleischwerdung des Wertlosen ist beliebig. René Girard zeigte, wie die Mimesis der Gewalt den Sündenbock gesellschaftlich konstruiert und gottergeben in die Wüste jagt. Rassismus als Katharsis der Gemeinschaft?

„Auf die Frage ‚Darf ich töten?‘ ergeht die unverrückbare Antwort als Gebot ‚Du sollst nicht töten‘. Dieses Gebot steht vor der Tat wie Gott ‚davor sei‘, dass sie geschehe“. Walter Benjamin (Zur Kritik der Gewalt, Gesammelte Schriften, Ffm, 1980, II.1, 200f) leitet so die „Heiligkeit des Lebens“ ab (ebd. 201). „Die göttliche Gewalt, welche Insignium und Siegel, niemals Mittel heiliger Vollstreckung ist, mag die waltende heißen“ (ebd, 203). Doch Benjamin weiß, dass die Herrschaft des Mythos gebrochen, der Glaube an die Religion entzaubert ist. Was heilig war, muss nun profan geschützt werden. Gewalt bastardiert das Recht. Wer rettet mit dem Recht das Humanum? Der Staat? Die Zivilcourage? Märchen, Lied, Illusion? Es liegt an uns, den Menschen, das Menschenrecht. Ob wir nicht endlich auch anders, gewaltfrei denken lernen müssen, wie es etwa Isabella Guanzini, Zärtlichkeit. Eine Philosophie der sanften Macht (München, 2019) beschreibt?

Jochen Wagner
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