Die Leerstelle, die zum Raum für Aktivismus wird

Schule und Digitalisierung – wie schleppend dieser Prozess vorangeht, ist in einem Jahr Corona-Pandemie überdeutlich geworden. Auch in der Jugendliteratur spiegeln sich diese Spannungen wider. Die Literaturwissenschaftlerin Anika Ullmann zeichnet sie in ihrem Gastbeitrag nach.

 

Von Anika Ullmann

Der Begriff Digital Native ist weitreichend bekannt. An ihn angedockt sind Vorstellungen von Jugendlichen, die Informations- und Kommunikationstechnologie selbstverständlich nutzen und digitale Muttersprachler:innen in einer von neuen Medien dominierten Welt sind. Die Konzeption des Digital Native wurde bereits vielfach kritisiert, unter anderem wegen ungenauer Entwürfe generationaler Ordnungen, zweifelhaften kognitiven Grundlagen sowie der elitären Annahme eines gleichberechtigten Zugangs zu digitaler Technologie. Dennoch lohnt ein kurzer Blick zurück. Als Marc Prensky den Begriff 2001 prägt geht es ihm nicht zentral um die Charakterisierung einer Generation, sondern die Bedürfnisse dieser Generation im Unterricht. Er propagiert eine Umgestaltung von Methodik und Inhalt (vgl. Prensky 2001: 3) der Bildungsangebote, die von der Verknüpfung von Jugend und neuen Medien aus entworfen ist. Die eher schleppende Implementierung von digitalen Lernangeboten im Zuge der Corona-Pandemie verdeutlicht, dass die Beziehung von Schule, digitaler Technologie und Konstruktionen jugendlicher Bedürfnisse auch 20 Jahre nach Prenskys enthusiastischem Aufruf zu didaktischem Umdenken noch von Spannungen geprägt ist.

Diese Reibung wird auch in der Jugendliteratur deutlich, in der Digitalisierung im Raum der Schule meist als Leerstelle oder negativ gezeichnet ist. Dezidierte Diskussionen digitaler Lehre finden sich wenn als Zukunftsentwurf in Science-Fiction. Wurde im Verlauf der Pandemie nicht selten eine notwendige Unterscheidung zwischen sozialer und physischer Distanz propagiert, so geht in der Jugendliteratur die sich mit Schulunterricht befasst, physische Distanz, hervorgerufen durch Nutzung digitaler Medien, meist mit dem Verfall des Sozialen einher. In einer aufgrund ihres prophetischen Inhalts kürzlich viel diskutierten Archie Comics Ausgabe von 1997 geht Betty in einer Geschichte im Jahre 2021 zur Home School. Obwohl die Eltern die praktischen Seiten dieses Arrangements sehen, sehnen sich die Schüler:innen nach sozialer Nähe. Veronica hat sich ein Bild von Klassenkamerad:innen, die in Schulbänken sitzen, ins Zimmer gestellt, um sich weniger einsam zu fühlen. Bei einem Besuch des Riverdale High School Museums entdecken die Jugendlichen die Cafeteria als einstigen Ort des gemeinsamen Austauschs, und Betty zeigt sich begeistert von den Freizeitaktivitäten, die einst stattfanden, nun aber, entgegen kausaler Logiken, scheinbar mit dem Präsenzunterricht eingestellt wurden. Eine detailliertere Ausformung dieses Narratives findet sich in Awaken (2011) von Katie Kacvinsky. Hier gehen alle Jugendlichen zur Digital School und sind auch im Privaten vor allem mit der Kuration ihrer Onlinepräsenz beschäftigt. Die Liebesgeschichte begleitet Protagonistin Maddie nun auf dem Weg hinein in die Welt des Physischen, die verwoben ist mit einer Entdeckung des Sinnlichen. Musik, schnelle Autofahrten, leckeres Essen und die körperliche Nähe zu dem anziehenden Justin bilden den Gegenpol zur Digital School deren Abschaffung das Ziel der Trilogie ist. Bezeichnenderweise ist es die intime Vereinigung in einem Kuss, die in Band drei schließlich das Ende der Digital School bedeutet.

Ein Weg, die eigene Stimme zu erheben

Abseits der raren Besprechungen in Science-Fiction, beschränkt sich die Präsenz moderner Informationstechnologie im Schulkontext in der Jugendliteratur meist auf das Vorhandensein von Computerräumen an der fiktiven Schule. Auch die Bereitstellung von Medien für den Unterricht trägt jedoch teils zur Negativzeichnung von digitaler Technologie im Schulkontext bei. Cory Doctorows Little Brother (2008) entwirft die Verbindung von Technologie und Schule vor allem in ihrer Relation zur Paarung Überwachung und Privatsphäre. Marcus Yallows Schule ist kameraüberwacht und die Schoolbooks, die an die Schüler:innen ausgegeben werden, übertragen Nutzungsdaten an die Schulleitung. Das in der Jugendliteratur konstruierte Lehrpersonal ist zudem meist klar medieninkompetent, so dass Lehre und Medien direkt als unvereinbar gezeigt werden. Schulleiter Benson, in Little Brother, wird direkt auf Seite eins als “orientierungsloser Erziehungsbeamter” und “hilfloser Trottel” charakterisiert, der Marcus in Sachen Umgang mit digitaler Technologie komplett unterlegen ist. Like me – Jeder Klick (2013) von Thomas Feibel fährt eine Reihe an Lehrerinnen und Lehrern auf, denen gemein ist, dass sie weder in der Lage sind, Mediennutzung zu verstehen oder einzuordnen, noch die simpelsten Möglichkeiten digitaler Bildbearbeitung nachzuvollziehen.

Im Kontext aktivistischer Bemühungen in der Jugendliteratur wird digitale Technologie schließlich zu einem Weg, die eigene Stimme zu erheben. In Bezug auf Schule bedeutet dies meist eine Ermächtigung der Schüler:innenstimme, oft oder gerade über jene des Lehrpersonals. In One of the Good Ones (2021) von Maika und Maritza Moulite beißt sich Kezi ihre Zunge blutig vor Wut, weil es ihr nicht erlaubt ist, den Unterricht des Lehrers zu unterbrechen. Diesem Akt der Unterdrückung von Widerspruch in der Schule steht YouTube als Plattform gegenüber, auf der Kezi ihrem Unmut als Reaktionsvideo auf den Unterrichtsinhalt Gehör verschaffen kann. Milo in Ich bin V wie Vincent (2019) hat zwar einen Vertrauenslehrer, der ihn in der Informatik-AG ermutigt und ermächtigt einen eigenen YouTube Kanal zu starten. Dennoch ist es gerade das negative, von den Lehrerinnen und Lehrern durch Blindheit und Unvermögen geförderte gewaltsame und toxische Umfeld der Schule, gegen das Milo nur als maskierter Vlogger Vincent sicher aufbegehren kann. So wird Schule zum Ort des Schweigens, während digitale Medien Wahrheit-Sprechen und Widersprechen ermöglichen.

Weiteren Formen von Aktivismus und digitaler Technologie sollen im Vortrag “’They’ve got water cannons. We’ve got code.’ Aktivismus und Digitale Technologien in Kinder- und Jugendmedien” im Rahmen der Tagung Engagiert! Kinder- und Jugendliteratur heute vom 14. – 16. Mai 2021 genauer beleuchtet werden.


Die Autorin ist Lehrbeauftragte an der Goethe Universität Frankfurt am Main und Doktorandin an der Leuphana Universität Lüneburg.

Hinweis:
„Engagiert! Kinder- und Jugendliteratur heute“ heißt die Online-Tagung vom 14. bis 16. Mai 2021, auf der Anika Ullmann neben weiteren Referierenden unser Gast sein wird. Informationen zu Programm und Anmeldemodalitäten können Sie unter diesem Link abrufen.


Der Beitrag ist zugleich Gastkolumne im Mai-Newsletter der Evangelischen Akademie Tutzing. Er erscheint am 30. April 2021. Mehr dazu hier.

Foto: Anika Ullmann