“Leckerer, attraktiver und ansprechender”

“Soziale Medien haben sich mittlerweile zu riesigen Datenbanken für Lebensmittel- und Kochkompetenz entwickelt”, sagt die Ernährungswissenschaftlerin Eva-Maria Endres. Auch Apps, KI-Systeme und Smart-Technology-Methoden beeinflussen heutzutage unsere Ernährung und Alltagsgewohnheiten. Jedoch können digitale Möglichkeiten nicht alle Informationen erfassen, die die Essgewohnheiten von Menschen steuern. Und: Digitale Plattformen folgen eigenen Logiken. Was bedeutet das für unsere Ernährung?

Hendrik Haase: Wie beeinflusst die dauerhafte digitale Sichtbarkeit von Essen unser Körpergefühl und unser Verhältnis zu?

Dr. Eva-Maria Endres: Auch wenn wir uns als rationale Wesen begreifen, wird Essverhalten überwiegend emotional und unbewusst gesteuert, z. B. durch Reize und Routinen. Die Auseinandersetzung mit Food-Content in digitalen Medien beeinflusst uns auf vielen Ebenen – auch wenn wir das bewusst nicht immer wahrnehmen.

Unser Gehirn kann beispielsweise noch nicht wirklich unterscheiden, ob es sich bei Essensbildern um richtiges Essen oder um ein Foto handelt. Wenn wir ein Bild von leckerer Pizza mit geschmolzenem Käse sehen, aktiviert das unser Gehirn und es simuliert, wie es wäre, diese Pizza zu essen. Meistens steuern wir kognitiv gegen diese Verführung. Aber trotzdem müssen wir jedes Mal mentale Energie aufwenden, um dem Reiz zu widerstehen. Außerdem haben Studien gezeigt, dass das nicht immer funktioniert. So kann Food Porn den Hunger und den Konsum von Lebensmitteln, die fett-, zucker- und kalorienreich sind, vergrößern.

Ein anderes Beispiel sind idealisierte Körperbilder, die einen schlanken Körper, glatte Haut oder definierte Muskeln propagieren. Auch hier belegt die Studienlage, dass Menschen, die sich solchen Inhalten aussetzen im Anschluss ein geringeres Selbstwertgefühl oder ein restriktiveres Essverhalten zeigen und ein höheres Risiko haben, eine Essstörung zu entwickeln.

Wir können davon ausgehen, dass mithilfe von KI diese Bilder – ob Food Porn oder Körperideale – noch leckerer, attraktiver und ansprechender aussehen werden und sich damit die Effekte verschärfen könnten.

Wie verändert sich Food Literacy, also unsere Fähigkeit, Lebensmittel und Ernährungsinformationen zu verstehen, kritisch einzuordnen und im Alltag selbstbestimmt damit umzugehen, wenn Ernährungswissen zunehmend aus Social Media, Apps und KI-Systemen stammt?

Ich finde es faszinierend, dass sich soziale Medien mittlerweile zu riesigen Datenbanken für Lebensmittel- und Kochkompetenz entwickelt haben. So kann man sich heute nahezu jedes Gericht selbst anlernen und mit etwas Zeit und Leidenschaft zum Profi für Sauerteig, pulled pork oder Mealprep werden. Das ist eine tolle Entwicklung. Gleichzeitig ist die Flut an Ernährungsinformationen ohne fachlichen Hintergrund schwer einzuordnen, was zu Verunsicherung oder radikalen Ernährungsweisen führen kann.

Auch eröffnen Apps, KI-Systeme oder Smart-Technologien Möglichkeiten, körperliche Prozesse besser zu beobachten und zu verstehen oder Alltagsroutinen gesünder und nachhaltiger zu gestalten. Hier ist allerdings zu berücksichtigen, dass digitale Technologien viele wichtige Ernährungsinformationen nicht erfassen können – angefangen von Gerüchen und Geschmäckern über Hunger bis hin zu einem Bauchgrummeln. Diese Aspekte sind jedoch ganz zentral für unser Essverhalten, was digitale Tools fehlerhaft bei der Steuerung von Ernährung macht.

Zudem haben Menschen mit geringer food literacy oft auch eine geringe digital literacy, können also mit digitalen Medien weniger kompetent umgehen. Man spricht hier vom Digital Divide – eine Kluft zwischen Menschen mit hohem und Menschen mit niedrigem sozioökonomischem Status, die durch die Digitalisierung noch verstärkt wird.

Wie verändert KI die Autorität im Ernährungsdiskurs, wenn nicht mehr nur Expert:innen sprechen, sondern auch “Maschinen” mitreden wollen?

Das ist eine spannende Frage, denn diese Entwicklung könnte in zwei gegenläufige Richtungen gehen. Tatsächlich ist es ja so, dass der Ernährungsdiskurs heute im Wesentlichen von Laien und nur zu einem kleinen Anteil von Expert:innen geführt wird – insbesondere in sozialen Medien, aber auch in traditionellen Medien oder bei Google-Suchanfragen. Hier könnte KI dazu beitragen, dass Ernährungs- und Gesundheitsinformationen fundierter werden, wenn KI für Faktenchecks eingesetzt wird, für Suchanfragen gezielt Informationen aus validen Quellen verwendet werden oder KI für die Einhaltung von Gesetzen sorgt, zum Beispiel bei unrealistischen Werbeversprechen. Das hängt jedoch von der strategischen Ausrichtung der Plattformbetreiber ab.

Andererseits produzieren die “Maschinen” neuen Content – in riesigen Mengen und wesentlich schneller als Expert:innen. Somit nimmt die Informationsflut zu und es ist leichter, realistisch wirkende Falschinformationen zu veröffentlichen, die dann wieder überprüft und kontrolliert werden müssten. Bereits jetzt kursieren zahlreiche Deep Fakes von angesehenen Expert:innen, die falsche Ernährungsinformationen verbreiten. Diese müssen dann von den Betroffenen wieder mühsam berichtigt werden.

Aber auch Expert:innen selbst werden in ihrer Arbeit beeinflusst. So werden mehr Studien publiziert, mehr Förderanträge geschrieben und mehr Vorträge gehalten, wenn das alles mit Hilfe von KI teilgeneriert werden kann. Der Konkurrenz- und Zeitdruck steigt also, worunter fachliche Inhalte und wissenschaftliche Qualität potenziell leiden können.

Interview: Hendrik Haase

Zur Person:

Dr. Eva-Maria Endres ist Ernährungswissenschaftlerin, Autorin und gefragte Expertin für die Digitalisierung unserer Esskultur. Ihr Fokus liegt auf der Schnittstelle zwischen Mensch, Medium und Lebensmittel: Sie analysiert, wie soziale Medien unser Verständnis von Gesundheit und Genuss prägen. Als Brückenbauerin zwischen Wissenschaft und Praxis berät sie Unternehmen in der Ernährungskommunikation und lehrt an verschiedenen Hochschulen, wie moderne Ernährungsbildung in einer vernetzten Welt funktioniert. Während der Tagung „Künstliche Kulinarische Intelligenz” vom 2.-3. März 2026 an der Evangelischen Akademie Tutzing spricht sie zur Kommunikation von Esskultur in Social Media.

Alle Informationen zur Tagung finden Sie hier

Bild: Dr. Eva-Maria Endres (Foto: Apek-Consult.de)