Weltflucht oder Zukunftslabor?

KlosterGut Schlehdorf, Findhorn, Sieben Linden, ZEGG oder Schlossgemeinschaft Tempelhof: Die Namen dieser Orte gelebter Utopie sind Kennern der Ökodorf-Szene wohl bekannt, sind Chiffren für die Sehnsucht nach einem Leben in Gemeinschaft und in Einklang mit der Natur. Einige dieser Dörfer existieren seit Jahrzehnten, gleichzeitig gründen sich jedes Jahr viele vergleichbare Gemeinschaften im Deutschland neu.

Jedes Ökodorf, jede Gemeinschaft hat ihre Besonderheit:  Ökologisches Bauen, Permakultur, Entscheiden im Konsens, Gemeinschaftsbildung oder Spiritualität. Alle stehen sie vor Herausforderungen wie der Abgrenzung von Privatem in Gemeinschaft, Freiheit versus Verantwortung, Verteilung von Arbeit und Einkommen oder dem Umgang mit Konflikten und unterschiedlichen Werteinstellungen.

Das Ringen um Lösungen ist dabei oft langwierig und aufreibend. Und dennoch lohnend – nämlich dort, wo derlei „intentionale Gemeinschaften“ eine konkrete Alternative schaffen zum kapitalistischen System und zu seiner Wachstumslogik. Während „draußen“ die Globalisierung voranschreitet und in ihrer heutigen Form mit Klimawandel, Ungleichheit, Lobbyismus und Krieg einhergeht, scheinen die Ökodörfer einen kleinen, schützenden Raum zu bieten, um neue Lebensformen zu erproben.

Man muss das Unmögliche so lange anschauen, bis es möglich wird. Das Wunder ist eine Frage des Trainings. Carl Einstein

Wie aber „funktioniert“ das Leben in einem Ökodorf? Welche ökologischen, sozialen und gesellschaftlichen Innovationen werden dort entwickelt? Welche dieser Innovationen und Erfahrungen können für die gesamte Gesellschaft wegweisend sein? Ist das Leben im Ökodorf eine Form von Weltflucht oder sind die neuen Gemeinschaften Zukunftslabore für die anstehende „Große Transformation“ unserer Gesellschaft?

Wir laden Sie herzlich ein, all diese Fragen mit Ökodorf-BewohnerInnen und WissenschaftlerInnen auf unserer Tagung zu diskutieren. Und nicht nur das: In Workshops kann selbst erprobt werden, welche Methoden im jeweils eigenen Kontext fruchtbar gemacht werden können – im urbanen Raum, beim Zusammenleben in Familien und Wohngemeinschaften, in Unternehmen, in der politischen Arbeit und für sich selbst.

Katharina Hirschbrunn, Studienleiterin, Evangelische Akademie Tutzing

Dr. Manuel Schneider, Geschäftsführer, Selbach-Umwelt-Stiftung

(Hier geht es direkt zur Anmeldung zur Tagung Ökodörfer)


Referentinnen und Referenten

2017_Collage_Referenten_Oekodoerfer_neu.jpg

Richard Brockbank ist Schreiner und hat 30 Jahre lang in der Gemeinschaft Findhorn in Großbritannien gelebt. Der studierte Agrartechniker gab sein Wissen über Metallarbeiten und Landmaschinen sieben Jahre lang in Afrika weiter und arbeitete als Freiwilliger unter anderem in einem schottischen Umweltschutz-Projekt und einem russischen Waisenhaus. Seit 2015 ist er Mitarbeiter im Klostergut Schlehdorf am Kochelsee in Bayern.

Dr. Martina Heitkötter ist Mediatorin und Sozialwissenschaftlerin. Sie arbeitet als Referentin am Deutschen Jugendinstitut in München und befasst sich dort mit den Bereichen Familie und Familienpolitik sowie Jugend und Jugendhilfen. Sie wohnt seit 2014 mit ihrem Mann und ihrem Sohn in der Gemeinschaft Schloss Blumenthal, wo sie sich in der Landwirtschafts- und Familiengruppe und im Kunst- und Kulturverein engagiert.

Dr. Hildegard Kurt ist freie Kulturwissenschaftlerin und Autorin. Sie hat 1999 an der Humboldt-Universität zu Berlin über „Impulse aus der Kunst zur Überwindung der Konsumkultur“ promoviert. Außerdem ist sie Mitbegründerin des Berliner und.Institut für Kunst, Kultur und Zukunftsfähigkeit, das seit 2004 Kunst- und Kultur- sowie Wissenschafts- und Forschungsprojekte zu ökologischer Verantwortung, nachhaltiger Entwicklung und sozialer Teilhabe macht.

Dr. Geseko von Lüpke ist freier Journalist und Buchautor. Seit zwanzig Jahren publiziert der promovierte Politologe für Zeitungen, Zeitschriften und den Rundfunk Beiträge über alternative Lebensformen und Ökodörfer. Er wirkte mehrere Jahre am Aufbau der Gemeinschaftsinitiative mit, aus der dann das Schloß Tempelhof im schwäbischen Kreßberg wurde, und wohnt heute in einer kleinen Gemeinschaft im Südosten von München. Parallel bietet er Vorträge, Seminare und Fortbildungen zur Tiefenökologie und Visionssuche in der Wildnis an.

Dr. Oliver Parodi ist Philosoph und Ingenieur. Er arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Karlsruher Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS) und ist Geschäftsführer des Instituts für Technologie (KIT) sowie Leiter der Schule für Nachhaltigkeit. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen interdisziplinäre Projekte im Bereich nachhaltiger Entwicklung, vor allem mit Blick auf kulturelle Aspekte. Er hat das Forschungs- und Entwicklungsprojekt Quatier Zukunft – Labor Stadt initiiert, bei dem ein bestehendes Karlsruher Stadtquatier in ein Nachhaltiges transformiert werden soll.

Jorge Dzib, Architekt und Landschaftsdesigner für ökologische Projekte in Mexiko, Kolumbien und Deutschland, Masterstudent der Weihenstephan Hochschule Triesdorf, Solidarische Landwirtschaft bei Freising

Barbara Stützel, Dipl.-Psychologin und Sängerin, Zentrum für Experimentelle Gesellschaft-Gestaltung (ZEGG)

Steffen Andreae ist Autor und Kommunalpolitiker. Als Fraktionsvorsitzender engagiert er sich für die Grüne Liste Kaufungen. Er ist Mitbegründer der Villa Locomuna, Kommunarde in der Kommune Niederkaufungen und Mitbegründer der Kommune Lossehof in Kassel. Er hat Psychologie und Philosophie studiert und arbeitet für BTQ-Kassel, einem Beratungsbüro für Betriebsräte, das Unternehmen bei der Einführung neuer Technologien zur Seite steht und sich für die Interessen der Arbeitnehmer einsetzt.

Dr. Iris Kunze ist Gemeinschaftsforscherin und arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für Globalen Wandel & Nachhaltigkeit der Universität für Bodenkultur Wien. Dort erforscht sie derzeit in drei Forschungsprojekten soziale Innovationen in gemeinschaftsbasierten Initiativen. Von 2001 bis 2011 hat sie den Forschungsschwerpunkt Gemeinschaftsforschung an der Universität Münster maßgeblich mit entwickelt. Kunze ist Gründungsmitglied des 2008 gegründeten unabhängigen Instituts für Integrale Studien in Freiburg und lebt im Ökodorf Sieben Linden.

Dr. Marcus Andreas ist Affiliate am Rachel Carson Center for Environment and Society der Ludwig-Maximilians-Universität München, Mitbegründer des Forschungsnetzwerks Research in Community e.V. und als Projektmanager im Bereich des kommunalen Klimaschutzes bei adelphi in Berlin tätig. Andreas ist Ethnologe und interessiert sich für das Zusammenspiel zwischen Ökodörfern und den Regionen, in denen sie liegen.

Martina Jacobson, Projektmanagerin bei einer Consultingfirma, Beraterin, Trainerin und Evaluatorin, Schlossgemeinschaft Tempelhof (angefragt)

Ernst Friedrich Lauppe, Rechtsanwalt, Dipl. Volkswirt, Philosoph, unternehmerische und finanzielle Beratung verschiedener ökologischer Gruppen und Gemeinschaften, Gründung des Philosophischen Cafes Starnberg

Maja Lukoff, ökologische Landwirtin, Schlossgemeinschaft Tempelhof

Thomas Meier, Architekt, Projektentwickler und Planer, Vorstand Global Ecovillage Network europe, „share the vision!“ Tour 2017 zur Vernetzung zivilgesellschaftlicher Bewegungen mit Forschung und Politik für ein nachhaltiges Europa, Mitbegründer der Lebensgemeinschaft Schloss Tonndorf eG im Weimarer Land

Gurdan Thomas, Brit-Folk Band(„liebenswürdig, chaotisch, ein bisschen verrückt, innovativ, überschäumend frei und extrem skurril“), München

Michael Würfel, Mitglied der Geschäftsführung und des Vorstandes der Siedlungsgenossenschaft Ökodorf, Autor („Öko Dorf Welt“), Verleger („eurotopia“) und Bauleiter für das neueste Haus Sieben Lindens


Klostergut Schlehdorf

Schlehdorf_Hofansicht.jpg

Modellprojekt Südbayern: Das Klostergut Schlehdorf

Liebevoll streicht Richard Brockbank über die Holzplatte, die er gerade gezimmert hat. „Ich mag organische Formen, die sich an der Struktur des Holzes orientieren“, sagt der Schreiner und wischt die letzten Krümel weg. Nun kann der kleine Hofladen im Klostergut Schlehdorf eröffnet werden. Künftig werden hier an drei Tagen der Woche ökologische Produkte des Hofes über die Ladentheke gehen – Kräuter, Gemüse und Eier, aber auch zugekaufte regionale Bioprodukte wie frisch gemahlenes Mehl, Kräutermischungen und Tee sowie Brot und Milchwaren.

Im Hofladen duftet es nach frischen Kräutern, vor der Tür stehen Kaffeetische, wenige Meter entfernt streckt eine braune Kuh neugierig den Kopf über den Zaun. Der Hof in Schlehdorf ist eines der wenigen Ökodörfer, die es in Deutschland gibt. Die Genossenschaft sucht neue Wege des Umgangs – mit Tieren und Natur, aber auch in der Zusammenarbeit.

Die oberbayerischen Gemeinde Schlehdorf zählt rund 1.200 Bewohner und befindet sich mitten in einem geologisch interessanten Gebiet. Am Fuße der Alpen haben sich vor Millionen Jahren Gletscher zusammengeschoben. Im Mittelalter wurde auf einem Hügel des spätglazialen Schotters ein Kloster errichtet, das von Missionsdominikanerinnen gekauft wurde. Die Schwestern sind inzwischen so alt geworden, dass sie neben dem Kloster einen Alterssitz errichten, den Hof verpachtet haben und das Kloster nun verkaufen wollen.

Ökodorf im Klosterhof

Das Projekt der Genossenschaft „Klostergut Schlehdorf eG“ gibt es seit 2012 – bis heute ist der Hof umgeben von Bauern, die konventionelle Landwirtschaft betreiben. Das Projekt ist stetig gewachsen und zählt inzwischen 94 Mitglieder. Der Hof ist mit 50 ha relativ klein, aber vielfältig. Besonders schön anzuschauen sind die Murnau-Werdenfelder Rinder: Diese Kühe sind robuster als die meisten ihrer Artgenossen; dafür geben sie weniger Milch. Die Kühe und Rinder leben ganzjährig auf den weitläufigen Weidefläche am Karpfsee zwischen Schlehdorf und Großweil. Dort stehen auch die Islandpferde, die für therapeutisches Reiten verwendet werden.

Zum Hof gehören auch zahlreiche Bergschafe, deren Wolle, Fleisch und Felle verkauft werden, sowie Bienen, die von einem Schlehdorfer Imker versorgt werden. Regelmäßig den Ort wechselt zudem das „Hühnermobil“. Damit haben die Bio-Hühner jede Woche einen neuen Auslauf und finden immer frisches Futter. Die Eier kosten etwas mehr, nämlich 40 Cent das Stück, sind aber auch schmackhafter. Wenn die Hennen nicht mehr genügend Eier legen, werden sie geschlachtet und ebenfalls im Hofladen verkauft. Derzeit allerdings ist der Auslauf eingeschränkt – denn die Hühner dürfen wegen der drohenden Vogelgrippe nicht frei herumlaufen.

Bildungsarbeit für Kinder und Jugendliche

Ein besonderes Anliegen des KlosterGuts ist die Bildungsarbeit. Jedes Jahr kommen Schulklassen einer Montessori-Schule aus München im Rahmen des „Erdkinderplans“- mit Lehrern und Betreuern für mehrere Wochen auf das KlosterGut. Dann helfen sie bei der Bewirtschaftung des Hofes und hüten Schafe, misten den Stall aus, reiten auf Island-Ponys und bauen oder ernten das Gemüse.

Bernhard Jocher hat eine Ausbildung als Permakulturpraktiker und hat auf dem Gelände besondere Beete eingerichtet: Die Beeren und Kräuter, Salat und Erdbeeren wachsen auf Hügeln. Was auf den ersten Blick nur unordentlich aussieht, hat System: Die Permakultur geht davon aus, dass jede Pflanze in einer vielfältigen Umgebung gesünder wächst – und dann ertragreicher ist.

Genossenschaft sichert Finanzierung

Ein großes Thema bei allen Ökodörfern ist die Finanzierung. Das KlosterGut Schlehdorf besteht inzwischen seit rund fünf Jahren. Ohne die Einlagen der Genossenschaftsmitglieder und diverse Finanzierungsmodelle würde das Ökodorf allerdings nicht bestehen können. „In den vergangenen Jahren haben wir über eine halbe Million Euro investiert“, erklärt Saro Ratter. Der Diplom-Agraringenieur gehört zum Vorstand der Genossenschaft und leitet die Bereiche Landwirtschaft, Gartenbau und den Hofladen.

Insofern hat er täglich mit den Einnahmen und Ausgaben des Hofes zu tun. Dem geht es zwar insgesamt ganz gut. Doch gab es laut Ratter in den vergangenen Jahren  Defizite von jeweils rund 50.000 Euro. Dieses Finanzierungsloch sei mit Krediten und großzügigen Spenden von Privatpersonen gestopft worden. „Viele verschiedene Tiersorten in geringer Zahl zu halten und eine ökologische Landwirtschaft zu betreiben, ist mit enormen Kosten verbunden“, erklärt Ratter.

Bürokratische Hürden erschweren die Arbeit

Größtes Problem sind aber Ratter zufolge die schwierigen Strukturen und die bürokratischen Hürden. „Wir möchten am Karpfsee einen Stall für 36 Milchkühe bauen, bekommen aber keine Genehmigung, weil es eine Bestimmung gibt, die besagt, dass ein Bauvorhaben im Außenbereich wirtschaftlich sein muß und so kleiner Stall als unrentabel gilt. Für einen größeren Stall würden wir leichter eine Genehmigung erhalten“, sagt Ratter. Probleme machen zudem etliche Bestimmungen und Verordnungen – die zum Teil nur durch Sondergenehmigungen umschifft werden können. So vergehen Monate, bis Entscheidungen getroffen werden.

Dabei scheut die Genossenschaft keinen Papierkrieg. Das Permakultur-Projekt wurde mit EU-Geldern ko-finanziert – und die sind bekanntlich mit einem hohen Verwaltungsaufwand verbunden. Auch die Projektarbeit mit Kindern und Jugendlichen, die von Stiftungen unterstützt wird, soll ausgebaut werden. Schließlich hofft die Genossenschaft auf eine fruchtbare Zusammenarbeit mit dem künftigen Besitzer des alten Klosters, das derzeit zum Verkauf steht.

Gemeinschaft leben auf dem Klostergut

Neben den finanziellen Sorgen müssen die Bewohner und Mitarbeiter des Hofes natürlich auch psychosoziale Klippen überwinden. Einmal die Woche treffen sie sich im Gemeinschaftsraum, um über anstehende Projekte und Probleme zu diskutieren. „Dabei geht es oft darum, die unterschiedlichen Vorstellungen von einem Leben auf dem Land abzugleichen“, erzählt Brockbank. Der Schreiner stammt aus Großbritannien und lebt seit einigen Jahren in Deutschland. Er lebt selbst nicht auf dem Hof, sondern kommt nur zum Arbeiten hierher. „Dieser Ort hat eine besondere Ausstrahlung“, ist er überzeugt.

Saro Ratter und seine Frau sowie zwei weitere Paare leben in einem der Gebäude, die zum KlosterGut gehören. Zwei Bauwagen bieten weiteren Wohnplatz. Große Hoffnung setzt das Team aber auf den Umbau des alten Kuhstalls. Diesen würde die Genossenschaft gerne umbauen und darin Büros, Gemeinschaftsräume, Werkstätten und Wohnungen für Mitarbeiter und Genossenschaftsmitglieder schaffen. Auch eine inklusive Wohngemeinschaft und ein Mehrgenerationen-Projekt sind geplant. Weil auch die Altgebäude des KlosterGuts im Außenbereich der Gemeinde liegen, gestaltet sich die Umnutzung allerdings als Mammutprojekt. Etliche Pläne und Anträge wurden schon geschrieben, Gespräche geführt und weitere Anträge geschrieben.

Viele Menschen in Ministerium, Landratsamt und Kommunen unterstützen das Projekt. In einer so kleinen Gemeinschaft wie Schlehdorf spricht sich natürlich auch viel herum – da gibt es Befürworter ebenso wie Gegner. Dass der Bruder des weiteren Genossenschaftsvorstands Bernhard Jocher der Bürgermeister der Gemeinde ist, macht die Sache nicht leichter – denn keiner der Brüder Jocher möchte in den Ruf kommen, hier werde ein Hof bevorzugt. Aber es dauert einfach alles.

Ohne persönliches Engagement und viel Optimismus ist ein Leben in Schlehdorf kaum möglich. „Ich habe die ersten drei Jahre ein Monatsgehalt von 900,- Euro bekommen und ca. 60 Stunden pro Woche gearbeitet“, erzählt Saro Ratter. Was ihn auf dem Klostergut Schlehdorf hält? „Die ständige Veränderung. Wir suchen und finden neue Wege“, sagt Ratter und schmunzelt. Jetzt muss er aber wirklich los. Die Arbeit im Stall wartet.

Rieke C. Harmsen


Ökodörfer

Schlehdorf_Landschaft2.jpg

Ökodörfer in Deutschland – eine Übersicht

Ökodöfer oder Siedlungen in Deutschland gibt es in vielen verschiedenen Ausformungen. Allen Siedlungen gemeinsam ist das Bestreben, möglichst alle Lebensbereiche integrieren zu wollen. Den Bewohnern und Mitarbeitenden geht es meist nicht nur darum, ökologisch zu wohnen, sondern die Produktion aller Waren, die Bildung, die soziale Absicherung innerhalb der Gemeinschaft zu organisieren. Ein Überblick:

Höchste Dichte an Strohballenhäusern

Das Ökodorf Sieben Linden in der Altmark in Sachsen-Anhalt wurde 1997 gegründet. 145 Bewohner, darunter rund 40 Kinder, bemühen sich dort um einen nachhaltigen Lebensstil in den Bereichen Ökologie, Soziales, Kultur und Ökonomie. Das gesamte Areal beträgt inzwischen rund 82 Hektar.

Auf rund drei Hektar Land betreiben sie ökologischen Gartenbau. Damit decken sie rund 70 Prozent des Bedarfs an Gemüse, Obst und Kräutern ihrer Gemeinschaft ab. Die übrigen Lebensmittel für die vegetarische oder vegane Ernährung kaufen sie bei Bio-Betrieben und Bio-Großhändlern zu.

Der Stromverbrauch pro Kopf liegt in Sieben Linden etwa ein Viertel unter dem Bundesdurchschnitt. Rund 65 Prozent der pro Jahr benötigten elektrischen Energie wird durch Photovoltaik-Anlagen auf dem Gelände erzeugt. Es gibt zudem die europaweit höchste Dichte an Niedrigenergiehäusern, vor allem Strohballenhäuser, einer Bauweise, bei der überwiegend lokal oder regional verfügbare Ressourcen wie Holz, Stroh, Lehm und Schilf zum Einsatz. Der Wasserverbrauch konnte durch den konsequenten Einsatz von Komposttoiletten auf etwa die Hälfte des Bundesdurchschnitts gesenkt werden.

In dem Dorf gibt es auch ein Seminar- und Gästehaus, in dem Bildungs- und Kulturveranstaltungen zur nachhaltigen Entwicklung angeboten werden. Fast alle Bewohner arbeiten im Dorf und betätigen sich beispielsweise als Handwerker, Gärtner oder Seminarleiter.

Neue Formen des Zusammenlebens

Das Zentrum für experimentelle Gesellschaftsgestaltung (ZEGG) ist eine Lebens- und Lernort im brandenburgischen Bad Belzig, an dem seit 1991 ökologisch und sozial nachhaltige Lebensweisen und neue Formen des Zusammenlebens erprobt werden. Derzeit wohnen dort rund hundert Menschen.

Auf dem etwa 16 Hektar großen Gelände gibt es neben den Wohnhäusern unter anderem auch ein Gästehaus und Seminarräume sowie ein ein Restaurant, Werkstätten und Ateliers. Das Dorf kann seinen gesamten Wärmebedarf selber decken und erzeugt darüber hinaus etwa 85 Prozent des benötigten Stroms, ausschließlich aus erneuerbaren Quellen und Abwärme.

Die Bewohner kommen mit neun Waschmaschinen und 15 Autos aus. Viele Dinge wie Bücher, Werkzeuge oder technische Geräte werden geteilt. Die Ernährung vegetarisch oder vegan.

In den Seminaren und Workshop des dazugehörigen Bildungszentrums geht es vor allem um Umwelt und Ökologie, aber Themen wie Gemeinschaft, Liebe und Sexualität.

Deutschlands erstes „Earthship“

Die 2010 gegründete Schlossgemeinschaft Tempelhof nahe Schwäbisch Hall in Baden Württemberg strebt nach einer „ökologisch nachhaltigen, sozial gerechten und sinnerfüllten menschlichen Daseinsform“. 120 Menschen leben derzeit dort.

Einige arbeiten in der Gärtnerei, auf dem Feld, in der Großküche, der Käserei, Imkerei oder Bäckerei. Andere pendeln zu Arbeitsstellen in der Umgebung. Die rund 30 Kinder haben eine eigene Schule und einen Waldkindergarten.

Auf 26 Hektar Agrarland wächst genügend Gemüse und Obst für den Eigenbedarf. Es ist genügend Platz für 60 Ziegen, Hühner und Schweine. In der Gärtnerei wachsen mehr als 50 Gemüsesorten, außerdem sind Streuobstwiesen in der Umgebung gepachtet worden.

Außerdem steht auf dem Gelände der Schlossgemeinschaft das deutschlandweit erste „Earthship“, ein Gebäude, das aus Müll gebaut wurde und sich durch nachhaltige Architektur selber heizt und kühlt.



Programm

Schlehdorf_Kuehe.jpg

Freitag, 28. April 2017

Anreise ab 13.30 Uhr

15.30 Uhr Begrüßung und Einführung
Katharina Hirschbrunn Dr. Manuel Schneider

15.45 Uhr Vom neuen guten Leben – Ethnographische Annäherung an ein Ökodorf Dr. Marcus Andreas

16.30 Uhr Kaffeepause

17.00 Uhr Leben im Ökodorf – AkteurInnen stellen sich vor

18.30 Uhr Abendessen

20.00 Uhr Ökodörfer als Orte sozialer Innovationen Dr. Iris Kunze

21.00 Uhr Informelle Gespräche in den Salons

Samstag, 29. April 2017

07.45 Uhr Achtsamkeitsübungen im Schlosspark
Katharina Hirschbrunn Achtsamkeitsübungen im Schlosspark

09.00 Uhr Podien der Ökodorf-EinwohnerInnen

Kompostklo, Strohballenbau und eine neue Kultur des Teilens (die ökologische Dimension)
– Sieben Linden: Michael Würfel
– Schlossgemeinschaft Tempelhof: Maya Lukoff

Entscheidungen fällen und Konflikte lösen (die soziale Dimension)
– Lebensgemeinschaft Schloss Tonndorf: Thomas Meier
– Gemeinschaft Schloss Blumenthal Dr. Martina Heitkötter

10.30 Uhr Kaffeepause / Spaziergang im Grünen

11.00 Uhr Das gute Leben finanzieren, Geld und Arbeit verteilen (die ökonomische Dimension)
– Kommune Lossehof: Steffen Andreae Impulse des Gemeinschaftsberaters
Ernst Friedrich Lauppe Was eint die Vielfalt? (Weltsicht und ideelle Dimension)
– ZEGG: Barbara Stützel
– Findhorn: Richard Brockbank

12.30 Uhr Mittagessen

14.15 Uhr Zukunftslaboratorien / Workshops Runde I
1. Auf der Spur des Vertrauens – die Forum-Methode als soziales Werkzeug Barbara Stützel
2. Soziokratisches Wählen in der Praxis Dr. Martina Heitkötter
3. Woodworking as a spiritual practice Richard Brockbank
4. Bau und Funktionsweise einer Kompost-Toilette Jorge Dzib
5. Praktische Naturbeobachtung & Landschaftsdesign Maya Lukoff
6. Von ganz unten – Workshop mit lebendiger Erde Dr. Hildegard Kurt

15.45 Uhr Kaffeepause

16.15 Uhr Zukunftslaboratorien / Workshops Runde II

17.45 Uhr Plenum zu den Zukunftslaboratorien Nachlese und Zusammenführung

18.30 Uhr Abendessen

20.00 Uhr It’s not the end of the worldChaotischer Brit-Folk mit Gurdan Thomas

21.00 Uhr Informelle Gespräche in den Salons und im Schlosspark

Sonntag, 30. April 2017

07.45 Uhr Andacht auf der Schlossterrasse
Katharina Hirschbrunn Andacht auf der Seeterrasse

09.00 Uhr Ökodörfer als Ideengeber für urbane Resilienz
Dr. Oliver Parodi Kleine Ökodörfer und die große Transformation Dr. Geseko von Lüpke

10.45 Uhr Pause

11.15 Uhr Fish Bowl – Debatte: „Leben im Ökodorf – Weltflucht oder Zukunftslabor?“
mit Dr. Iris Kunze und weiteren Referierenden der Tagung

12.30 Uhr Ende der Tagung mit dem Mittagessen


Preise und Informationen

Klimaneutrale Tagung
Die Veranstalter streben eine möglichst „klimaneutrale“ Tagung an. Das bedeutet: Die CO2-Emissionen, die durch Anreise und Verpflegung der Referierenden und Tagungsgäste, durch Drucksachen, deren Versand sowie durch die Organisation der Tagung entstehen, werden durch entsprechende Investitionen in zertifizierte Klimaschutzprojekte kompensiert. Die Mittel hierfür werden von der Selbach-Umwelt-Stiftung zur Verfügung gestellt.


Anmeldung zur Tagung unter diesem Link: http://www.ev-akademie-tutzing.de/veranstaltung/oekodorf-weltflucht-oder-zukunftslabor/


Planen Sie Ihre Anreise schnell und einfach bei unserem Partner Green Mobility:

Dort finden Sie alle Anreisemöglichkeiten (mit dem PKW, Nah-/Fernverkehr, …) zu uns im direkten Vergleich


Impressum

Das Multimedia-Format „Tutzinger Thesen“ wird herausgegeben von der Evangelischen Akademie Tutzing.

Produktion & Projektleitung:
Rieke C. Harmsen, Leitung Abteilung Crossmedia im Evangelischen Presseverband für Bayern

Autoren und Autorinnen:
Katharina Hirschbrunn, Studienleiterin, Evangelische Akademie Tutzing
Dr. Manuel Schneider, Geschäftsführer, Selbach-Umwelt-Stiftung

sowie
Katharina Hamel, Rieke C. Harmsen, Cathrin Clemens.

Wir freuen uns über Ihr Feedback und Hinweise: rharmsen@epv.de.

Tutzing, im März 2017.

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken