Widerstand, Protest, Revolte – wie, wann und wo ist es geboten, sich zu wehren?

Sich anständig benehmen, fleißig, hilfsbereit, keinesfalls vorlaut sein, nicht ungebührlich auffallen und schon gar nicht aus der Reihe tanzen – unsere Erziehung favorisiert den Gehorsam. Doch wer kennt nicht das Gefühl der Empörung, diese Mischung aus Trauer und Wut, ohnmächtig eine Ungerechtigkeit zu erleiden. Ein ungeahndetes Abseitstor, die Raffgier der Superreichen oder die Willkür von Tyrannen – die Palette des Zerstörerischen scheint unendlich.

Widerstand kann darauf die Antwort sein. Er ist nicht nur im Kleinen möglich und nötig, sondern auch bei Themen von gesellschaftspolitischer Tragweite. Diejenigen, die sich nicht mit Ungerechtigkeit und dem Gefühl der Ohnmacht abfinden, sondern sich zur Wehr setzen, machen den Unterschied und verbessern gesellschaftliche und soziale Zustände.

Doch Widerstand erfordert Mut. Die Tagung „Widerstand – Die Kunst der Revolte. Ohnmacht, Ergebung oder sich wehren?“ vom 30. Juni bis 1. Juli 2017 widmete sich unter anderem Menschen, die diesen Mut aufbringen. Experten, Aktivisten und Interessiert diskutierten zudem an der Evangelischen Akademie Tutzing, was Widerstand bringt und wie Proteste aussehen können. Eine multimediale Dokumentation der Ergebnisse.


Widerstand: Eine Definition

Was ist Widerstand?

Öffentliche Demonstration oder persönliche Lebenseinstellung? Gewaltlos oder militant? Es gibt viele Fomen aufständisch zu sein. Was Widerstand für die Referentinnen und Referenten der Tagung bedeutet, erklären sie im folgenden Video:

Tagungsreferenten über Widerstand

Der transnationale Widerstand

Widerstand ist nach Auffassung der Politikwissenschaftlerin Dr. Frauke Höntzsch an die politischen und wirtschaftlichen Herausforderungen der Zeit gebunden. Die wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl Politikwissenschaft/Politische Theorie der Universität Augsburg beschäftigt sich mit „Transnationalem Widerstand“ – einer Form des Protests globalisierungskritischer Bewegungen wie Attac oder Occupy, die losgelöst von Nationalitäten agieren. Ihr Ziel sei weniger, ein Systemwechsel zu erreichen als die Verletzung sozialer Rechte in allen Ländern anzuprangern, erläuterte die Forscherin, die 2009 an der Ludwig-Maximilians-Universität München promoviert hat. Genau das sei aber auch sein Problem: Der transnationale Widerstand droht laut Höntzsch, seinen Adressaten zu verlieren, weil er sich nicht gegen bestimmte Regierungen richte.

Widerstand – ein globales Phänomen

Widerstand ist nach Ansicht des Politikers Uwe Kekeritz (Grüne) ein globales Thema. Weltweit könnten nur Verbesserungen erzielt werden, wenn Protestgruppen sich besser vernetzten, sagte der entwicklungspolitische Sprecher der Bundestagsfraktion. Kekeritz ist seit 2009 Mitglied des Deutschen Bundestages. Seit den 1980er Jahren ist er in der Anti-Atom- und Friedensbewegung aktiv. Der Diplom-Volkswirt engagiert sich zudem bei der Gewerkschaft ver.di, dem globalisierungskritischen Netzwerk attac, dem Bund Naturschutz und dem Landesbund für Vogelschutz.

Uwe Kekeritz über weltweiten Widerstand

Widerstand in der Praxis

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Wie jeder Einzelne globale Ungerechtigkeit bekämpfen kann

Dr. Jürgen Bergmann vom Partnerschaftszentrum Mission EineWelt ruft dazu auf, im privaten Umfeld widerständig zu werden und Ressourcen verantwortungsvoll einzusetzen. „Die Weltgesellschaft ächzt unter globaler Ungerechtigkeit“, betonte der Leiter des Referats „Entwicklung und Politik“ aus Nürnberg und ergänzte: „Wir sind Teil des Problems, weil wir selbst nicht nachhaltig leben.“ Dabei könne jeder schon beim Einkaufen oder Geldanlegen damit anfangen. Der studierte Agrarökonom weiß, wovon er spricht: Nach seiner Promotion am Institut für Rurale Entwicklung in Göttingen forschte er in Indien, Kenia sowie Zentralamerika und leistete sieben Jahre Entwicklungsarbeit in Papua Neuguinea.

Jürgen Bergmann über Widerstand im Alltag

Mit Bio-Bauernhof gegen den entgrenzten Freihandel

Sich den herrschenden Zuständen zu ergeben, kann bequem sein. Es ist nicht einfach, aus dieser Ohnmacht herauszufinden – nur wenige trauen sich. Eine, die vormacht, wie es anders gehen könnte, ist Gertraud Gafus aus Anger im Berchtesgadener Land. Sie betreibt einen Bio-Bergbauernhof mit Pinzgauer Kühen. Gafus sieht das als Form des Widerstands, denn ihre Tiere sind, anders als auf vielen anderen Höfen, nicht hochgezüchtet. Die Bäuerin engagiert sich gegen das Streben nach endlosem Wachstum in der Landwirtschaft und gegen einen entgrenzten Freihandel. „In Deutschland gilt immer noch: ‚Die Kuh muss das Maximale leisten‘“, kritisierte Gafus. Sie will das ändern.

Als ehemalige Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) weiß Gafus, dass es auch innerhalb einer Bewegung Kontroversen geben kann. „In unserem Wirken müssen wir radikal und gradlinig sein. Wir müssen mit allen Mitteln dafür kämpfen, dass das System geändert wird“, forderte Gafus. „Wir brauchen einen Aufschrei der Bauern.“ Neben dem persönlichen Einsatz sei es wichtig, stets die Alternativen vor Augen zu haben. Und manchmal sei Widerstand auch schon im Kleinen möglich: Sich Zeit nehmen fürs Kochen mit biologischen Zutaten. Kaputte Dinge nicht gleich wegwerfen, sondern reparieren. Innere Zufriedenheit. Auch das bedeutet für Gafus Widerstand.

Protest braucht gemeinsame Vision

Protestler und Demonstranten brauchen nach Ansicht von Dr. Harald Klimenta von Attac Deutschland eine gemeinsame Vision, um nachhaltig etwas verändern zu können. Der Aktivist hat vielfältige Erfahrungen gemacht, wie schwierig es ist, durch Widerstand etwas zu erreichen. Demonstrationen auf der Straße und die Arbeit mit Gleichgesinnten gäben ihm aber neue Motivation und Kraft, sagte er in Tutzing. Klimenta ist freiberuflicher Bildungsreferent und Autor mehrerer globalisierungskritischer Bücher. Zuletzt schrieb er an „38 Argumente gegen TTIP, CETA, TiSA & Co.“ (VSA, 2015) mit. Der promovierte Physiker ist Mitglied im wissenschaftlichen Beirat von Attac Deutschland und setzt sich seit 20 Jahren mit Fragen des Welthandels und der Finanzmärkte auseinander.

Harald Klimenta über den Widerstand gegen das Wirtschaftssystem

Waren Sie schon mal widerständig?

Manchmal sind es die kleinen Erfahrungen, die einen dazu bringen, Widerstand zu leisten. Jochen Wagner, Studienleiter des gesellschaftswissenschaftlichen Referats an der Evangelischen Akademie Tutzing, ist ein solches Erlebnis im Gedächtnis geblieben: Er traute sich einst, seinem Fußballtrainer zu widersprechen – und musste fortan auf der Bank sitzen. Inwiefern die Referentinnen und Referenten der Tagung bereits wiederständig waren und was sie dabei erlebt haben, erläutert sie im folgenden Video:

Waren Sie schon mal widerständig? - Die Referenten der Tagung antworten

Widerstand: Die Interviews

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Widerstand & Gerechtigkeit

Pfarrerin Dr. Claudia Jahnel ist seit 2008 Leiterin des Referats „Mission Interkulturell“ des Partnerschaftszentrums Mission EineWelt. Die Theologin promovierte und habilitierte sich an der Friedrich-Alexander-Unversität Erlangen-Nürnberg und gibt an verschiedenen Hochschulen Seminare im Bereich interkultureller Theologie. Jahnel baute auch den internationalen Masterstudiengang „Religion and Conflict Transformation“ mit auf, der unter anderem an der Evangelischen Hochschule in Nürnberg angeboten wird. Sie wurde in Tansania geboren und lebte längere Zeit in Kenia, Peru, Mexiko und den USA. Wieso Gerechtigkeit und Widerstand eng zusammenhängen und warum Christen eine besondere Verantwortung tragen, widerständig zu sein:

Claudia Jahnel über Widerstand & Gerechtigkeit

Widerstand & Medien

Dr. Gualtiero Zambonini ist Publizist und war bis 2016 Integrationsbeauftragter der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt WDR. Er hatte das Amt 2003 als erster hauptamtliche Integrationsbeauftragte der deutschen Medienlandschaft übernommen. Der studierte Geschichtswissenschaftler und Philosoph entwickelte unter anderem das europäische Hörfunkprogramm Funkhaus Europa und leitete es mehrere Jahre. Zudem gründete er zusammen mit anderen die Civis-Medienstiftung. 2016 wurde er für sein Engagement mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Welche Rolle Widerstand für Journalisten spielt und wie sie mit Hasspropaganda im Netz umgehen sollten:

Gualtiero Zambonini über Widerstand & Medien

Widerstand & Spiritualität

Dr. Mathias Eichhorn ist Politologe, reformierter Theologe und Philosoph. Er arbeitet als pädagogischer Mitarbeiter am Institut für Politikwissenschaft der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Wie spiritueller Widerstand aussehen kann und was das mit dem Heiligen Geist zu tun hat:

Mathias Eichhorn über Widerstand & Spiritualität

Widerstand & Kunst

Protest erfordert Ausdauer, Überzeugung und Hingabe. Womöglich hat Widerstand das mit der Kunst gemein. Doch kann Kunst auch Protest sein? Rainer Karlitschek, Dramaturg an der Bayerischen Staatsoper, befasste sich auf der Tagung damit, wie viel Widerstand in der Oper steckt. Tatsächlich hat es in der Vergangenheit ein Werk geschafft, Proteste auszulösen: La muette de Portici (1828) von Daniel-François-Esprit Auber. Darin wird zur Rache aufgerufen – und zwar mit Waffengewalt.

Als die Oper 1830 in Brüssel aufgeführt wurde, liefen die Zuschauer aus dem Theater und begannen einen Straßenkampf. „Kunst kann in bestimmten Situationen affirmativ auf Menschen einwirken“, sagte Karlitschek. „Sie kann sie aber auch emotional auf eine falsche Fährte führen.“ Denn: Das systemstabilsierende Ende der Oper bekamen die Zuschauer leider nicht mehr mit.

„Die Kunst ermöglicht die Teilhabe am Radikalen“, betonte Karlitschek. Widerstand sei radikal, er will wachrütteln und etwas verändern. Wie radikal er sein muss, um nachhaltig etwas bewegen zu können, bleibt auch auf der Tagung in Tutzing die viel diskutierte Frage. Kunst kann zeigen, wie es möglich wäre – oder sie kann den Menschen einen Spiegel vorhalten, bevor sie womöglich zu weit gehen.


Impressum

Das Multimedia-Format „Tutzinger Thesen“ wird herausgegeben von der Evangelischen Akademie Tutzing.

Produktion & Projektleitung:
Rieke C. Harmsen, Leitung Abteilung Crossmedia im Evangelischen Presseverband für Bayern

Studienleitung Tagung „Widerstand – die Kunst der Revolte“:
Pfr. Dr. phil. Jochen Wagner, Evangelische Akademie Tutzing
Dr. Claudia Jahnel, Mission EineWelt, Neuendettelsau
Dr. Jürgen Bergmann, Mission EineWelt, Nürnberg

Redaktion:
Katharina Hamel, Ana Maria Michel, Rieke C. Harmsen
Frank Heinig (Kamera), Anja Schürenberg (Schnitt), Patricia Stoßberger (Grafik)
Schreiben Sie uns Ihr Feedback: rharmsen@epv.de.

Tutzing, im Juli 2017.