Zero Waste Lifestyle als Social Media-Trend

“Here it is, mein Kommentar zum Zukunfts.Lab.” Unsere Akademie-Mentee Nathalie Mysliwczyk hat die Zukunfts-Lab-Tagung 2020 mit vorbereitet und moderiert. Die Themen der Tagung beschäftigen sie auch noch im Nachgang: Zero Waste Lifestyle, Minimalismus und Social Media etwa. Warum das so ist, schreibt sie hier.

Man kann wohl kein Zukunfts-Lab unter dem Motto „Digitalität, Umweltpolitik, GreenTech und Ethik“ organisieren, ohne auf die Rolle von Social Media Trends zu sprechen zu kommen. Gerade bei jungen Menschen, die oft täglich Plattformen wie Instagram, Facebook, Snapchat oder TikTok nutzen, haben Trends das Potenzial, das Verhalten im analogen Leben zu beeinflussen.

Dass das Junge Forum der Evangelischen Akademie Tutzing mit der Organisation des Zukunfts-Labs nun genau dieser jungen Menschengruppe die Möglichkeit zur Partizipation, zur eigenen Gestaltung eines professionellen Events gibt, dessen Themen sie selbst bestimmen und bei denen sie aktiv mitdiskutieren darf, hat von Anfang an mein Interesse an diesem einzigartigen Projekt geweckt.

Ich selber bin durch meine ehemalige Deutschlehrerin auf die Evangelische Akademie Tutzing gekommen. Sie hat den Kontakt zu Julia Wunderlich, die das Zukunfts-Lab “erfunden” hat, hergestellt, und nach einigen E-Mails wurde ich Teil des Teams aus unseren vier Mentor*innen und den jungen Mentees aus ganz Bayern, das es trotz Corona, trotz langer und aufwendiger Recherche, vielen verschiedenen Überlegungen und Diskussionen, großer Unsicherheit und vielem  Hin- und Her doch noch geschafft hat, die digitale Tagung 2020 auf die Beine zu stellen.

Einige Thesen unserer Tagungsdiskussion, die ich direkt aus der Rotunde im Schloss Tutzing zusammen mit unserem Jugendbotschafter Joshua Steib per Videochat moderieren durfte, haben mich gepackt und mich provoziert, mich damit weiter auseinanderzusetzen und mir meine eigene Meinung zur Sachlage zu bilden. Dennoch durfte ich während der Diskussionsrunde selber nicht der Versuchung verfallen, komplett in eine These, die vielleicht nur in einem Nebensatz erwähnt wurde, einzutauchen – eine Limitierung, der ich nun nicht mehr unterliege, also here it is, mein Kommentar zum Zukunfts-Lab:

“[…]Nachhaltigkeit sollte keine Entscheidung aus einem Trend heraus sein!”

Mit “Digitalität, Umweltpolitik und Ethik” war das Motto des Zukunfts-Labs 2020 weit gefasst und so war es nicht verwunderlich, dass der Einfluss der Internetkultur auf Nachhaltigkeit nur einen geringen Teil der Diskussionszeit einnehmen konnte, dennoch ist mir dieser eine Satz von Hendrik Zimmermann, unserem Referenten für Energiewendeforschung und digitale Transformation von Germanwatch, auch noch Wochen nach der Diskussion im Kopf geblieben.

Auf den ersten Blick erscheint es paradox, die Begriffe “Nachhaltigkeit” und “Trend” in einem Zusammenhang zu erwähnen, assoziiert man doch so gegensätzliche Eigenschaften mit ihnen. Während Nachhaltigkeit ein längerfristiges Ziel ist, so ist es selbst den Menschen  bewusst, die nicht affin im Umgang mit Social Media sind, dass Trends sich besonders durch ihre Kurzlebigkeit auszeichnen und somit als einziger Entscheidungsgrund  für einen nachhaltigen Lebensstil ungeeignet sind.

Doch ohne Einschränkungen kann ich Zimmermanns Aussage nicht zustimmen, immerhin leben Trends  besonders von Momentum. Können sie dieses Momentum beibehalten, sind Trends ein äußerst effektives Mittel um in extrem kurzer Zeit Millionen Menschen weltweit zu erreichen.

Dieses Argument führte auch Carolin Klein von TeamGLOBAL an. Auf die Frage, inwieweit man als einzelne*r Verbraucher*in dem Klimawandel oder der Erderwärmung entgegensteuern könne, wenn milliardenschwere Unternehmen, häufig mit Monopolstellungen auf dem Markt, erwiesenermaßen der Verursacher der schwersten Umweltschäden seien, bezog sie sich auf einen der wenigen Trends, die sich mittlerweile  etabliert haben: Das Einkaufen in Unverpackt-Läden, Fair-Trade-Boutiquen oder Second-Hand-Shopping. Diese Arten von alternativem Konsum erfreuen sich seit Jahren immer größerer Popularität und je mehr Menschen sie nutzen, desto größer ist der positive Effekt auf die Umwelt.
Nun die Überlegung: Könnte man das Momentum dieses Trends beibehalten und seine Reichweite vergrößern? Würde sich der Markt der Nachfrage anpassen und wären große Unternehmen dann gezwungen, ihre Strategien zu ändern?

Dieses Szenario halte ich zumindest im Moment noch für sehr unrealistisch beziehungsweise idealistisch. Ein Problem dieser Betrachtung stellt die Vernachlässigung der Einkommensunterschiede der verschiedenen Milieus unserer Gesellschaft dar. Nicht jeder Haushalt kann es sich leisten, beispielsweise Biofleisch beim Metzger oder fair gehandelte Kleidung zu kaufen, da deren Preise häufig weit über dem Durchschnitt ähnlicher Produkte liegen.

Dies hat in letzter Zeit zu der beunruhigenden Entwicklung geführt, dass Nachhaltigkeit zu einer Art Statussymbol wurde. Selber bekomme ich mit, wie einige Influencer*innen sich gerne mit ihren Brotzeitdosen aus Metall und den gläsernen Trinkflaschen präsentieren – die Tupperware aus Plastik, die eigentlich noch nicht kaputt war, wurde entsorgt, sie sei ja immerhin nicht so ästhetisch. Im Bad werden die Vorräte an Einwegrasierern durch Rasierhobel und die Plastikzahnbürsten durch ihre Pendants aus Bambus ersetzt – wenn man nur all diese Dinge, die man sowieso bereits erworben hat, wenigstens noch benutzen würde.

Nachhaltigkeit weicht hier Selbstdarstellung, gleichzeitig werden Shitstorms ausgelöst, wenn körperlich beeinträchtigte Menschen noch aus dem Plastikstrohhalm trinken, trotz der unverstandenen Erklärungsversuche, dass sie mit den unbeweglichen Modellen aus Glas oder Metall Probleme hätten.

Unter Berücksichtigung des finanziellen Faktors scheint es hier also ignorant zu behaupten, alle Menschen seien durch ihre Konsumentscheidungen allein für Umweltschäden gleichermaßen mitverantwortlich.

Auf ein weiteres Problem des momentanen “Nachhaltigkeitstrends” machen in jüngster Zeit besonders Jugendliche auf Plattformen wie Instagram oder TikTok aufmerksam. Die gleichen Teenager, die noch vor ein oder zwei Jahren gehofft hatten, sie könnten mit Second-Hand-Shopping beziehungsweise dem sogenannten “Thriften” ihren Beitrag zur Minderung des Wasserverbrauchs und Kinderarbeit leisten, und die ihre Einsichten in Videobotschaften breit geteilt haben, stellen nun fest, dass die Popularität von Second-Hand-Shopping zu einer Kommerzialisierung dieses Sektors und somit zu steigenden Preisen in den Läden geführt hat, sodass Menschen, die auf das Thriften angewiesen sind, sich die Kleidungsstücke nicht mehr leisten können.

Ein scheinbarer Teufelskreis in dem es nicht möglich ist, ethisch und guten Gewissens zu konsumieren.”There is no ethical consumption under capitalism” lautet also das neue Motto auf TikTok. Die Stimmen, die schreien, dass dieses Motto nicht bedeute, dass einem die Herkunft seiner Kleidung nun völlig egal sein und man deshalb sein T-Shirt für drei Euro erwerben könnte, werden meiner Meinung nach leider überhört. Allgemein halte ich es für schwierig, einen differenzierten Diskurs über Themen im Internet zu führen. Bei Millionen von Meinungen kristallisieren sich nach einiger Zeit nur die einfachsten und gegensätzlichsten heraus, Kompromisse oder Einschränkungen, bei denen ein bestimmter Grundsatz nicht zum Tragen kommt, werden übersehen. Es kommt zum Streit zwischen schwarz und weiß, während doch so viele andere Farben des Spektrums beachtet werden müssten.

Ein weiteres Problem, über welches ich selbst im Internet immer wieder stolpere und vor dem konventionelle Medien auch immer wieder warnen, ist der Schwall an Falschinformationen. Es ist nicht mehr zu leugnen, dass neue Plattformen bei Jugendlichen auch immer mehr als Quelle für Informationen und Nachrichten genutzt werden. Im Zuge des erneuten Aufblühen des Black Lives Matter Movements nach dem Tod des Afroamerikaners George Floyd durch eine Gruppe von Polizisten beispielsweise nutzten Influencer*innen, Berühmtheiten und bekannte Seiten ihre Reichweite, um die breite Masse über schwarze Kultur, die Missstände diesbezüglich im US-amerikanischen Bildungssystem und Äußerungen von oft unbeabsichtigtem Alltagsrassismus aufzuklären. Sie übernahmen einen Job, der eigentlich Aufgabe der Behörden oder Medien wie Fernsehen oder Zeitung gewesen wäre. Dadurch, dass diese konventionellen Medien statistisch eher von  Erwachsenen über 30 genutzt werden, kommt es also häufig zu Konflikten zwischen den verschiedenen Alltagsgruppen, doch eine Lösung ist oft nicht möglich, da aufgrund der verschiedenen Informationsquellen auf unterschiedlichen Sphären diskutiert wird. Die skurrilsten Streitgespräche mit den Eltern oder Großeltern, bei denen völlig aneinander vorbei geredet wird, werden im Anschluss gerne von den Jugendlichen mit Gleichgesinnten im Internet geteilt.

Und obwohl man dadurch, dass die Informationen nicht wie etwa bei den Nachrichten im Fernsehen oder der Zeitung von Redaktionen und ähnlichen Instrumenten genehmigt werden müssen, mehr erfährt als bei diesen konventionellen Medien, etwa wenn man Videos von rassistischen Übergriffen in voller Länge anschauen kann, muss man als Konsument*in Vorsicht walten lassen. Viele der Aussagen von Laien sind stark subjektiv beeinflusst und haben keinen Anspruch auf Genauigkeit oder gar Richtigkeit. Man muss sich hierbei vor Augen führen, dass Instagram oder TikTok die Konsument*innen lediglich mit einem Thema konfrontieren, zu dem man sich eigenständig informieren muss. Ich glaube, dass bereits viele Jugendliche in der Lage sind, die Glaubhaftigkeit einer Information im Internet einzuschätzen, auf Zeichen wie die Professionalität des Layouts eines Posts, innere Logikfehler oder Quellenangaben zu den getroffenen Aussagen zu achten. Deshalb sollte die Fähigkeit zum kritischen Denken in unserem Schulsystem noch viel stärker gefördert werden.

Letztendlich wird einem bewusst, dass es bei Trends weniger darum geht, die Welt zu retten oder von sich behaupten zu können, man selber als Individuum sei nicht verantwortlich für  Umweltschäden, den Klimawandel oder unmenschliche Arbeitsbedingungen, sondern darum, ein Bewusstsein für all diese Probleme zu schaffen. Denn ist das Bewusstsein für eine Problematik in der Gesellschaft erst groß genug, so erreicht es irgendwann auch die Politik und freie Wirtschaft, sodass hoffentlich Innovation und gesetzliche Regelungen Lösungswege liefern, die unabhängig davon funktionieren, welche Hashtags gerade in den Trends liegen.

Wie diese Lösungsansätze aussehen könnten, diskutieren wir dann hoffentlich in unserem Zukunfts-Lab 2021. Wer sich schon vormerken will um zur Tagung zu kommen – gerne hier.

Nathalie Mysliwczyk
Studentin aus München, Mentee des Peer-to-Peer-Projekts “Zukunfts-Lab” im Jungen Forum der Evangelischen Akademie Tutzing

WEITERE INFORMATIONEN
Mehr zur diskutierten Tagung “Zukunfts-Lab: Umweltpolitk, Digitalität und Ethik” kann man in diesem Tagungsbericht nachlesen.

Bild: Nathalie Mysliwczyk (Foto: privat)