Gauck fordert mehr Mut zur offenen Debatte

Es war ein besonderer Augenblick: Bundespräsident a.D. Joachim Gauck wurde von der Evangelischen Akademie Tutzing für seinen herausragenden Einsatz für Freiheit und Demokratie mit dem „Tutzinger Löwen“ geehrt. Seine Dankesrede war ein emphatisches Plädoyer für eine offene Streitkultur.

Vor gut 150 geladenen Gästen nahm der frühere deutsche Bundespräsident im Musiksaal der Akademie den „Tutzinger Löwen“ entgegen. Besonders eine Formulierung in der Begründung für „dieses handliche Raubtier“ habe ihn gefreut: das „leidenschaftliche Eintreten dafür, dass ein friedliches Miteinander von Verschiedenen in Deutschland und in Europa gelingen kann.“ Für ihn bedeute das, sich gegen die zu wenden, die „immer alles zum Scheitern verurteilt sehen“, aber auch, dass für ein Zusammenleben in Frieden und Solidarität Optimismus alleine genauso wenig ausreiche wie Wegschauen. Damit eine friedliche Koexistenz in einer Gesellschaft gelinge, müsse es darum gehen, ein „Miteinander der Verschiedenen“ zu denken und zu fördern.

Dies war der Kernpunkt, an dem sich sowohl seine Dankesrede als auch das anschließende Gespräch mit Akademiedirektor Udo Hahn ausrichtete. Mit den „Verschiedenen“ meinte Gauck nicht nur Menschen aus verschiedenen Ländern, sondern vor allem auch Menschen, die sich nicht gehört fühlen, denen der technische Fortschritt zu schnell gehe oder die sich schlichtweg nicht zugehörig fühlten zu den „vorgeblich besseren Kreisen“. Es gebe diejenigen, die vor Neuerungen Angst haben und die anderen, die Neues als Bereicherung empfänden. Oft, so Gauck, seien es diejenigen, die sich als nicht gehört empfänden, denen der Fortschritt in der modernen Welt zu schnell ginge, die sich abgehängt fühlten und die sich nicht mehr trauten, Fragen und Sorgen öffentlich zu äußern, weil sie befürchten, abgestempelt zu werden.

Die aktuelle Renaissance der autoritären Rechten und das Wiederaufkommen einer Sprache der Gewalt habe auch damit zu tun, dass es immer weniger offene Debatten und Streitgespräche gebe. Zu oft und zu schnell seien in der Vergangenheit Räume für Diskussionen verschlossen worden. Zu schnell sei man sich der eigenen Meinung sicher gewesen. Nun gelte es auf der Basis der demokratischen Verfassung, erneut Toleranzfähigkeit unter Beweis zu stellen und Reizthemen aus den Rändern der Gesellschaft zu holen, um sie offen zu thematisieren. Gegner des eigenen Denkens sollte man „wahrnehmen, aushalten und offen kritisieren – aber nicht so tun, als wären sie nicht Teil der Bevölkerung“. Dafür brauche es vor allem: mehr Mut, mehr Argumente und einen erweiterten Diskurs.

Die Evangelische Akademie Tutzing dankt dem Evangelischen Siedlungswerk (ESW), vertreten durch seinen Geschäftsführer Robert Flock, für die großzügige Unterstützung des Festaktes.

dgr

Die Laudatio von Ludwig Theodor Heuss auf den Preisträger Joachim Gauck können Sie hier nachlesen.

Die Begrüßungsrede von Akademiedirektor Udo Hahn finden Sie hier.

In Kürze finden Sie in der Mediathek einen Mitschnitt der Dankesrede von Joachim Gauck.

Bild: Joachim Gauck mit seiner Auszeichnung: dem “Tutzinger Löwen” (Foto: haist/eat archiv)

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