Zum Tod von Heiner Geißler

Zur Frühjahrstagung des Politischen Clubs im März hatten wir Heiner Geißler in die Evangelische Akademie Tutzing eingeladen. Sie stand unter dem Thema „Krise der Parteiendemokratie? Krise der Volksparteien?“ Zusammen mit Franz Müntefering solle er den Blick zurück und nach vorn werfen: „Was war, was bleibt gut an den Volksparteien, was muss sich ändern?“ Leider musste er krankheitsbedingt absagen. Am 12. September ist Geißler im Alter von 87 Jahren gestorben.

Als erster Katholik war er mit der Leitung des Politischen Clubs beauftragt worden – von 2003 bis 2005. Er ist unserem Haus bis zuletzt verbunden gewesen und hat an unseren Aktivitäten Anteil genommen. Den Politischen Club erwähnte er bei jeder Begegnung. Es war eine besondere Aufgabe für ihn.

Für mich gehört Heiner Geißler zu den herausragenden Politikern unserer Zeit. Auch, weil er einen bemerkenswerten Wandel vollzogen hat: vom konservativen Hardliner hinüber in das linksliberale Spektrum. Er wusste vieles in sich zu vereinigen, was eigentlich unmöglich erschien. Dazu musste er selbst durch manche Krise hindurch- und gestärkt daraus hervorgehen. Es genügt, nur die Begriffe aus den Überschriften der Nachrufe aneinander zu reihen, um die große Weite seines Denkens zu erkennen: Christ, Linker, Schelm, Kumpel, Kritiker, Kämpfer, Machtmensch, Provokateur, Schlichter. Das alles war Heiner Geißler – ein streitbarer Zeitgenosse, der alles mit Leidenschaft betrieb.

Dazu gehört auch, dass er aus seinem Glauben keine Privatsache machte, sondern seine Einsichten in die unterschiedlichsten Debatten einbrachte. Auch hier genügt es, die Titel seiner Bücher zu nennen, um zu erkennen, dass hier ein bleibendes Vermächtnis liegt: „Kann man noch Christ sein, wenn man an Gott zweifeln muss?“, „Was müsste Luther heute sagen?“, „Was würde Jesus sagen? – Die politische Botschaft des Evangeliums“, „Ou Topos – Suche nach dem Ort, den es geben müsste“, „Wo ist Gott?“, „Sapere aude“, „Intoleranz: Vom Unglück unserer Zeit“.

In einem von ARD-alpha 2014 produzierten Porträt der Evangelischen Akademie Tutzing würdigte Heiner Geißler die Bedeutung unseres Hauses für die Deutschlandpolitik, aber auch für die Wirtschafts-, Ausländer- und Asylpolitik. Er wies darauf hin, dass die Evangelische Akademie immer progressiv war – progressiver jedenfalls als die CDU, wie er es mit einem verschmitzten Lächeln formulierte, das man von ihm kannte. Und er gab uns in dem Filmporträt den Rat, dass wir die Bedeutung der Frauen für die Gesellschaft noch einmal eingehender bearbeiten sollten, da diese landauf, landab unterbelichtet sei.

Ich habe ihn als Impulsgeber erlebt – und so werden wir ihn in der Evangelischen Akademie Tutzing in Erinnerung behalten –, der gerne diskutierte und sich nie mit den gefundenen Antworten zufrieden gab. Das genau ist unser Auftrag.

Udo Hahn