NS-Vergangenheit – Wie nah, wie fern?

13. - 15. April 2018

Inhalt

WIE NAH, WIE FERN IST HEUTE DIE NS-VERGANGENHEIT?
 
85 Jahre nach der „Machtergreifung" leben fast keine Menschen mehr, die im „Dritten Reich" schon erwachsen waren; für Kriegsteilnahme wie für Täterschaft oder regimetreues Verhalten, für Verfolgung wie für Widerstand und Überleben wird es bald keine Zeugen mehr geben. Die heutigen Generationen sind in ganz unterschiedlicher Weise vom Umgang mit der NS-Zeit geprägt: Die einen haben das Schweigen der Mütter und Väter erlebt und oftmals konfliktreiches Ringen um Schuld und Verantwortung, wie es vor allem bei den „68ern" aufbrach. Die anderen sind schon groß geworden mit einem Geschichtsunterricht, der die Massen-verbrechen der Deutschen thematisierte und nach Ursachen für die „deutsche Katastrophe" fragte. Und die heute Jungen stehen vor diesem Hintergrund, ihre  familiären und anderen Bezüge zur NS-Zeit sind aber durch viele weitere Entwicklungen überdeckt und verweben sich in der Migra-tionsgesellschaft mit ganz anderen Familiengeschichten.
 
Nach Jahren, die stark von Schweigen und Schuldabwehr bestimmt waren, wurde die NS-Zeit trotz (oder wegen) der zeitlichen Distanz seit den 1970er Jahren mehr und mehr zum Gegenstand vieler öffentlicher und auch privater Auseinandersetzungen in der Bundesrepublik. In der DDR stand die offizielle Erinnerung unter dem Vorzeichen „Antifaschismus". Nach der Wiedervereinigung setzte ein Aufschwung beim Auf- und Ausbau von Gedenkstätten, Erinnerungsorten und Dokumentationszentren ein. Man denke außerdem an die vielen öffentlichen Debatten seit den 1980er Jahren: den Historikerstreit, die Wehrmachtsausstellung, die Goldhagen-Debatte. Heute ist die Erinnerung an die NS-Zeit überlagert durch 70 Jahre moralischer und politischer Diskurse, von biographischen Auseinandersetzungen, von Bildern und Geschichten der Massenmedien, die ihre eigenen Film- und Fernsehlogiken an die Vergangenheit herantragen.
 
Erinnerungs- und Gedenkkultur sind ein Teil der deutschen Realität. Und doch erleben wir gerade eine massive Infragestellung. Die erstarkte Neue Rechte fordert „Schluss mit dem masochistischen Schuldkult". Rechtsextremistische und neonazistische Bewegungen beleben Denk- und Erlebnisformen der NS-Bewegung wieder. Aber nicht nur am rechten Rand, auch weiter in der Mitte gibt es eine Sehnsucht nach dem Ende der Debatten, nach einer vorgeblichen „Normalität",  die den nationalsozialistischen „Betriebsunfall" in den Hintergrund stellt.
 
In der Tagung diskutieren wir beide Seiten: verschiedene Formen und Beispiele der kritischen Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus, aber auch die geschichtsrevisionistischen Strömungen und ihre demokratie- und menschenfeindlichen Extreme. Erkundungen in einem vergangenheitsbezogenen und doch sehr aktuellen Feld, zu denen wir herzlich in die Evangelische Akademie Tutzing einladen!
 
Gudrun Brockhaus, Sozialpsychologin, Psychoanalytikerin, München
Ulrike Haerendel, Studienleiterin, Evangelische Akademie Tutzing

Tagungs-Programm

Freitag, 13. April 2018
Anreise ab 16.00 Uhr
18.00 UhrBeginn der Tagung mit dem Abendessen
19.15 UhrNach der Volksgemeinschaft: Der „neue Mensch“ und die NS-Vergangenheit in Ost- und WestdeutschlandProf. Mary Fulbrook PhDr.
19.00 UhrBegrüßungDr. Ulrike Haerendel
20.15 UhrGrößere Distanz, größere Nähe: Veränderungen im emotionalen Umgang mit der NS-VergangenheitDr. Gudrun Brockhaus
21.15 UhrDas Nachleben der NS-Zeit in autobiographischen DokumentenMarina Mayer
22.00 UhrGespräche in den Salons
Samstag, 14. April 2018
08.45 UhrMorgenimpuls am See
09.00 UhrI. UMGANG MIT DER NS-VERGANGENHEIT: RÜCKBLICKE
Nationalsozialisten und andere Deutsche. Zur Logik von Nähebestimmungen und Distanzierungs-bemühungen in der deutschen ErinnerungskulturDr. Janosch Steuwer
10.00 UhrDie Vergangenheit der Anderen. Ambivalenzen des deutsch-deutschen Umgangs mit der NS-VergangenheitDr. Annette Weinke
11.00 UhrKaffeepause
11.30 UhrFamilie, Vergangenheit und Verdrängung: Autobiographische SpurensucheDr. Thomas Medicus
12.30 UhrMittagessen
14.00 UhrII. GENERATIONENGESPRÄCHE
Vermittlungen: Geschichtsverhältnisse zum National- sozialismus im Dialog mit Studierenden heuteProf. Dr. Astrid Messerschmidt
14.45 UhrErfahrungen mit einem Gruppenkonzept zu den transgenerationalen Auswirkungen von NS-Zeit undZweitem WeltkriegDipl. Psych. Ulrike Pohl
15.30 UhrNS-Vergangenheit: Wie nah, wie fern? ZwischenbilanzFishbowl-Diskussion / Moderation:
Dr. Ulrike Haerendel
16.00 UhrKaffeepause
16.30 UhrIII. NARRATION UND AUSDRUCK:
Zu Beiträgen aus Fernsehen, Film und Biographie
Anschaulich? Nationalsozialismus und Holocaust in Fernsehen und digitalen MedienHistorisch-kritische Blicke
Dr. Wulf Kansteiner
17.30 UhrErinnerung an Erinnerungen. Zu Lanzmanns Shoah- Konzept, seiner Nachwirkung und eigenen RecherchenBoris Schafgans
18.30 UhrAbendessen
19.30 Uhr„Die Spur des Vaters. Nachforschungen über einen unbeendeten Krieg“ (BRD 1989, 74 Min.)Ein Film von Christoph Boekel
Anschließend:
Filmgespräch mit
Christoph Boekel
21.30 UhrGespräche in den Salons
Sonntag, 15. April 2018
08.45 UhrMorgenandacht in der Schlosskapelle
09.15 UhrIV. AKTUELLE HERAUSFORDERUNGEN DER HISTORISCH-POLITISCHEN ARBEIT
Erfahrungen in der Gedenkstätten-Arbeit – neue HerausforderungenDr. Habbo Knoch
10.15 UhrRelativierung und Ikonisierung. Die Auseinander- setzung des Rechtsextremismus und Rechtspopulismusmit den „unglücklichen Jahren“Andreas Speit
11.15 UhrPause
11.30 Uhr„Was tun?“ Strategien gegen RechtsPodiumsdiskussion mit: Nina Ritz, Britta Schellenberg und Andreas Speit
12.30 UhrAusblick und Kommentare
12.45 UhrEnde der Tagung mit dem Mittagessen
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Im Foyer zeigen wir die Fotoausstellung „Am anderen Ende der Geschichte, Paris – eine Erinnerung“ von Vera Botterbusch.Die Autorin wird in den Pausen durch die Ausstellung führen.

Referierende

Christoph Boekel, Dokumentarfilmer, Regisseur, München
Dr. Gudrun Brockhaus, Sozialpsychologin, Psychoanalytikerin, München
Prof. Mary Fulbrook Ph.D., Professor of German History and Dean, Faculty of Social and Historical Sciences, University College London
Prof. Dr. Wulf Kansteiner, Historiker, Professor with special responsibilites, School of Culture and Society, Aarhus University, Dänemark
Prof. Dr. Habbo Knoch, Historiker, Neuere Geschichte, Universität zu Köln
Marina Mayer, Soziologin, München
Dr. Thomas Medicus, Germanist und Politikwissenschaftler, Journalist und Buchautor, Berlin
Prof. Dr. Astrid Messerschmidt, Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Geschlecht und Diversität an der Bergischen Uni-versität Wuppertal
Ulrike Pohl, Dipl.-Psych., Psychologische Psychotherapeutin und Dozentin, Bad Krozingen
Nina Ritz, Leiterin des Max Mannheimer Studienzentrums, Dachau
Boris Schafgans, Regisseur und Autor, Berlin
Dr. Britta Schellenberg, Kulturwissenschaftlerin, wiss. Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Politische Systeme und Europäische Inte-gration, Geschwister-Scholl-Institut für Politikwissenschaft der LMU, München
Andreas Speit, Sozialwirt, Journalist und Buchautor, Hamburg
Dr. Janosch Steuwer, Historiker, Oberassistent am Lehrstuhl für Geschichte der Neuzeit, Universität Zürich, Schweiz
PD Dr. Annette Weinke, Historikerin, Stellv. Leiterin des Jena Center Geschichte des 20. Jahrhunderts, Universität Jena

Preise & Informationen

Tagungsleitung
Dr. Ulrike Haerendel, Evangelische Akademie Tutzing
 
Tagungsorganisation
Rita Niedermaier, Telefon: 08158 251-128, Telefax: 08158 99 64 28
E-Mail: niedermaier@ev-akademie-tutzing.de, beantwortet Ihre Anfragen zu der Veranstaltung in der Zeit von Montag bis Freitag von 9.00 Uhr bis 12.00 Uhr.
 
Anmeldung
Ihre Anmeldung erbitten wir schriftlich, mit anhängender Karte, per E-Mail (Tagungsorganisation) oder direkt online. Ihre Anmeldung wird von uns bestätigt und ist verbindlich. Anmeldeschluss ist der 29. März 2018.
 
Abmeldung
Sollten Sie kurzfristig an der Teilnahme verhindert sein, bitten wir bis spätestens zum 6. April 2018 um entsprechende schriftliche Benachrichtigung, andernfalls werden Ihnen 50 % des vollen Preises, mit Tagungsbeginn 100 % der von Ihnen bestellten Leistungen in Rechnung gestellt. Nach Abmeldefrist entfällt der Anspruch auf Ermäßigung. Sie erhalten von uns eine schriftliche Bestätigung über den Eingang Ihrer Abmeldung. Zu Ihrer Buchung empfehlen wir den Abschluss einer Seminar-Versicherung.
 
Preise für die gesamte Tagungsdauer:
Teilnahmebeitrag                                                                     70.– €
 
Verpflegung (ohne Übernachtung/Frühstück)                         49.– €
Vollpension – im Einzelzimmer                                            166.– €
– im Zweibettzimmer                                                             122.– €
– im Zweibettzimmer als Einzelzimmer                                182.– €
 
Kurzzeitzuschlag für eine Übernachtung                                 10.– €
 
Wir bitten um Begleichung bei Anreise durch Barzahlung oder EC-Karte. Bestellte und nicht in Anspruch genommene Einzel-leistungen können nicht rückvergütet werden.
 
Preisnachlass
Auszubildende, SchülerInnen, StudentInnen (bis zum 30. Lebensjahr) erhalten 50 % Ermäßigung auf alle Leistungen. Freiplätze für Personen mit geringem Einkommen sind möglich, bitte kontaktieren Sie die Tagungsleitung im Vorfeld.
JournalistInnen wird der Teilnahmebeitrag erlassen, wenn der Presse-ausweis von einer ausstellungsberechtigten Organisation vorliegt. Eine Kopie Ihres Ausweises schicken Sie uns bitte mit Ihrer Anmeldung zu.
 
Diese Tagung ist nach dem BzGBW als Bildungszeit geeignet.
Die Evangelische Akademie Tutzing ist Mitglied der Evangelischen Akademien in Deutschland (EAD) e.V., Berlin.
Die Tagung wird zu einem erheblichen Teil aus Kirchensteuermitteln finanziert.
Wir bedanken uns bei der G&E Brockhaus Stiftung für ihre großzügige Unterstützung der Tagung.
 
Stiftung Schloss Tutzing
Der Tagungsbeitrag beinhaltet einen Anteil, der der Stiftung zugute kommt. Diese hat es sich zur Aufgabe gemacht, für den Erhalt des denkmalgeschützten Gesamtensembles „Schloss und Park Tutzing" Sorge zu tragen. Möchten Sie der Stiftung darüber hinaus einen Betrag zukommen lassen, stellen wir Ihnen gerne eine Spendenbescheinigung aus.
 
Verkehrsverbindungen
Für die Planung Ihrer Anreise nutzen Sie bitte das Portal Greenmobility auf unserer Homepage.
Die Akademie verfügt nur über eine begrenzte Anzahl von Parkplätzen. Wir empfehlen die Anreise mit öffentlichen Verkehrsmitteln.
Tagungsgäste, die zur Anreise öffentliche Verkehrsmittel benutzen und dieses durch Vorlage ihres Fahrscheins (Mindestbetrag: 10.– €) an der Rezeption nachweisen können, erhalten auf den vollen (nicht ermäßigten) Tagungsbeitrag einen Preisnachlass von 10.– €.
 
Bildnachweis: Aus dem Film Die Spur des Vaters. Nachforschungen über einen unbeendeten Krieg (1989) von Christoph Boekel
Tagungsnummer: 0442018

Ort & Anreise

Evangelische Akademie Tutzing / Schlossstraße 2+4 / 82327 Tutzing

Planen Sie Ihre Anreise schnell und einfach bei unserem Partner Green Mobility:
Dort finden Sie alle Anreisemöglichkeiten (mit dem PKW, Nah-/Fernverkehr, …) zu uns im direkten Vergleich
mit Hilfe von Echtzeitdaten und sparen sich so die zeitaufwendige Suche bei unterschiedlichen Anbietern.
 
Die Akademie verfügt nur über eine begrenzte Anzahl von Parkplätzen. Wir empfehlen die Anreise mit öffentlichen Verkehrsmitteln.
Die Deutsche Bahn bietet auch die Möglichkeit, für Fahrten zu Seminaren und Tagungen das Veranstaltungsticket (VaT) im Geschäftskundenportal "CLASSIC" bzw. in der Großkundenlösung zu buchen.
 
MIT ÖFFENTLICHEN VERKEHRSMITTELN
Ab München Hbf: S-Bahn S6 (Tiefgeschoss) bis Endstation Tutzing oder Regionalbahn in Richtung Garmisch
bzw. Kochel. Fußweg vom Bahnhof zur Akademie: ca. 10 Minuten – Bahnhofstraße, Hallberger Allee,
Hauptstraße, Schlossstraße.
 
Tagungsgäste, die zur Anreise öffentliche Verkehrsmittel benutzen und dieses durch Vorlage ihres Fahrscheins (Mindestbetrag: 10.– €) an der Rezeption nachweisen können, erhalten auf den vollen (nicht ermäßigten) Tagungsbeitrag einen Preisnachlass von 10.– €.
Bitte beachten Sie abweichende Regelungen bei einzelnen Sonderveranstaltungen, z.B. Tagungen im Jungen Forum!
 
MIT  DEM PKW
Mit dem Auto fahren Sie von München auf der A95 in Richtung Garmisch bis zur Abzweigung Starnberg,
von Starnberg auf der B2 bis Traubing, danach Abzweigung links nach Tutzing.