Moral ohne Schuld?

13. - 14. November 2017

Inhalt

SEIN GEWISSEN WAR REIN, DENN ER GEBRAUCHTE ES NIE  
                                                                                                                      Stanislaw Jerzy Lec
 
Das gute Gewissen ist eine zweischneidige Sache: Es zeugt einerseits von dem Bestreben, auf moralische Herausforderungen nicht nur korrekt, sondern eben auch authentisch zu antworten. Andererseits wirkt es bisweilen wie ein billiger Ratgeber, weil es einfache Urteile bevorzugt, in denen der Urheber einer Gewissensentscheidung möglichst unangefochten dasteht. Dieses Bestreben nach Exkulpation befördert in öffentlichen Ethikdebatten eine Tendenz zur Moralisierung, die sich bisweilen an die Stelle einer differenzierten und fairen Urteilsbildung setzt.
 
Moralisierung tendiert dazu, Fragen von Gut und Böse auf das Verhältnis Richter-Angeklagter zu verengen. Dagegen hilft nur Selbstrechtfertigung. Doch ist z.B. die Propagierung eines sparsamen, veganen, regional orientierten Lebensstils eine notwendige ethische Position oder lediglich eine Strategie der Vermeidung von Schuld, die es auf andere abzuweisen gilt? Wo sind die Orte in unserer Gesellschaft, wo Ambivalenzen beim Namen genannt werden können, ohne deshalb sofort am Pranger zu landen?
 
„Gericht“, „Vergebung“ oder die theologische Vorstellung einer „Rechtfertigung des Sünders“ sind religiöse Metaphern des Umgangs mit Schuld. Sie nehmen Bezug auf Moral und transzendieren diese doch zugleich.  In säkularen Gesellschaften wirken sie gleichwohl wie Fremdkörper und erscheinen für den öffentlichen Vernunftgebrauch nicht mehr anschlussfähig.
 
Die Tagung geht der Frage nach, welche Narrative der Schuldthematisierung und Schuldabtragung in unseren pluralistischen Gesellschaften Gültigkeit haben. Wie werden Narrationen internalisiert und praktiziert? Zur Diskussion steht die These, dass Ethikdebatten auf Orte und Strategien der Exkulpation angewiesen sind, an denen Ent-Schuldung möglich ist, wenn Moral nicht nur das gute Gewissen, sondern auch das gute Handeln zum Ziel hat.

Udo Hahn
Direktor der Evangelischen Akademie Tutzing
Prof. Dr. Herwig Grimm
Abteilung Ethik der Mensch-Tier-Beziehung, Messerli Forschungsinstitut, Wien
Prof. Dr. Stefan Rieger
Institut für Medienwissenschaft, Ruhr-Universität Bochum
Dr. Stephan Schleissing
Institut Technik-Theologie-Naturwissenschaften an der LMU München
 
 

Tagungs-Programm

Montag, 13. November 2017
Anreise ab 12.30 Uhr
13.00 UhrImbiss
14.00 UhrBegrüßung und einführende Thesen
Univ.-Prof. Dr. Herwig Grimm
und
Dr. Stephan Schleissing
14.30 UhrSchuld: Transformation von Gewalt in Kultur oder Kultur in GewaltÜberlegungen zu den universalen und partikularen, funktionalen und dysfunktionalen Aspekten von Schuldzuschreibungen
Prof. Dr. Maria-Sibylla Lotter
15.30 UhrMoralisieren ohne MoralÜber die postmoderne Produktion von Unpersonen
A.Univ.-Prof. Dr. phil. Robert Pfaller
16.30 UhrKaffeepause
17.00 UhrMachina CulpaNarrative und Strategien technischer Exkulpation
Prof. Dr. Stefan Rieger
18.30 UhrAbendessen
19.30 UhrEverything should be perfect - but insteadReligiös-säkulare Reflexionen
Ass.-Prof. Dr. Martin Dürnberger
21.00 UhrGespräche in den Salons des Schlosses
Dienstag, 14. November 2017
07.45 UhrAndacht in der Schlosskapelle
09.00 UhrHomo peccator et deus salvatorDie ethische Bedeutung der reformatorischen Sündenlehre
Prof. Dr. Markus Buntfuß
10.00 UhrVerantwortungsdiffusion oder effektive Externalisierung des ethischen DiskursesDr. Laura Münkler
11.00 UhrKaffeepause
11.30 UhrSchuldlos essen?Der vegane Imperativ als Narrativ der Schuldvermeidung
Prof. Dr. Gary Steiner
12.30 UhrSchlussdiskussion im Plenum
13.00 UhrEnde der Tagung mit dem Mittagessen

Referierende

Prof. Dr. Markus Buntfuß, Lehrstuhl für Systematische Theologie, Augustana-Hochschule Neuendettelsau
Ass.-Prof. Dr. Martin Dürnberger, Fachbereich Systematische Theologie & Zentrum interkulturell und Studium der Religionen, Universität Salzburg
Prof. Dr. Maria-Sibylla Lotter, Lehrstuhl für Ethik und Ästhetik, Ruhr-Universität Bochum
Dr. Laura Münkler, Lehrstuhl für Öffentliches Recht und Verwaltungswissenschaften, Ludwig-Maximilians-Universität München
A.Univ.-Prof. Dr. Robert Pfaller, Abteilung für Kulturwissenschaft, Kunstuniversität Linz
Prof. Dr. Stefan Rieger, Professur für Mediengeschichte und Kommunikationstheorie, Ruhr-Universität Bochum
Prof. Dr. Gary Steiner, Philosophy Department, Bucknell University, Lewisburg
 

Ort & Anreise

Evangelische Akademie Tutzing / Schlossstraße 2+4 / 82327 Tutzing

Planen Sie Ihre Anreise schnell und einfach bei unserem Partner Green Mobility:
Dort finden Sie alle Anreisemöglichkeiten (mit dem PKW, Nah-/Fernverkehr, …) zu uns im direkten Vergleich
mit Hilfe von Echtzeitdaten und sparen sich so die zeitaufwendige Suche bei unterschiedlichen Anbietern.
 
Die Akademie verfügt nur über eine begrenzte Anzahl von Parkplätzen. Wir empfehlen die Anreise mit öffentlichen Verkehrsmitteln.
Die Deutsche Bahn bietet auch die Möglichkeit, für Fahrten zu Seminaren und Tagungen das Veranstaltungsticket (VaT) im Geschäftskundenportal "CLASSIC" bzw. in der Großkundenlösung zu buchen.
 
MIT ÖFFENTLICHEN VERKEHRSMITTELN
Ab München Hbf: S-Bahn S6 (Tiefgeschoss) bis Endstation Tutzing oder Regionalbahn in Richtung Garmisch
bzw. Kochel. Fußweg vom Bahnhof zur Akademie: ca. 10 Minuten – Bahnhofstraße, Hallberger Allee,
Hauptstraße, Schlossstraße.
 
Tagungsgäste, die zur Anreise öffentliche Verkehrsmittel benutzen und dieses durch Vorlage ihres Fahrscheins (Mindestbetrag: 10.– €) an der Rezeption nachweisen können, erhalten auf den (nicht ermäßigten) Tagungsbeitrag einen Preisnachlass von 10.– €.
 
MIT  DEM PKW
Mit dem Auto fahren Sie von München auf der A95 in Richtung Garmisch bis zur Abzweigung Starnberg,
von Starnberg auf der B2 bis Traubing, danach Abzweigung links nach Tutzing.