Ohnmacht, Ergebung oder sich wehren?

„Widerstand und Ergebung“ – mit Dietrich Bonhoeffer vertrauen oder mit Georg Neumark,  „wer nur den lieben Gott lässt walten“? Früher zogen junge Leute lieber ein Che Guevara T-Shirt an und skandierten „macht kaputt, was euch kaputt macht!“ Doch ändert die Gegengewalt etwas an der erlittenen Gewalt? Mehr noch: Was außer einem bestialischen Fanal ist der Amok ganz junger Menschen?

Von der Kunst der Revolte schreibt denn der französische Philosoph Geoffroy de Lagasnerie. Wahrhaftig sein, den Mut haben, nicht zu lügen. Denn wer schweigt, wegschaut, mitmarschiert, ja, der macht sich mitschuldig. Doch wie lernt man den Widerstand?

Dazu haben wir erfahrene Leute eingeladen. Zum Widerstand gibt es „weiß Gott“ genug Anlass. Wie sieht Zivilcourage in exemplarischen Feldern des Lebens aus? Gibt es Veränderung zum Guten ohne Widerstand gegen die Übel? „Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott“? Du musst  dein Leben ändern – oder dein Ändern leben?

Wir laden alle Interessierten und Betroffenen herzlich zum Gespräch darüber ein, ob und wie, wann und wo es geboten ist, sich zu wehren!

Dr. Claudia Jahnel
Mission EineWelt, Neuendettelsau

Dr. Jürgen Bergmann, Mission EineWelt, Nürnberg

Pfr. Dr. phil. Jochen Wagner
Evangelische Akademie Tutzing

Hier geht es zur Anmeldung zur Tagung Widerstand


Widerstände - Ein Überblick

Widerstand in Geschichte und Gegenwart

Demonstrationen mit tausenden Teilnehmern, wochenlange Blockaden öffentlicher Plätze mit Zeltlagern, medienwirksame und unangekündigte Aktionen mit viel nackter Haut oder heimliche Flugschriften – es gibt viele Formen des Widerstands. Welche Art des Protests die Aufständischen wählen, hängt maßgeblich von politischen und gesellschaftlichen Umständen sowie von ihren Zielen ab. Gemein ist dem Widerstand: Er richtet sich gegen ein als ungerecht empfundenes Handeln.

Es gibt viele Beispiele, dass der Protest nicht das gebracht hat, was er bringen sollte. Oft scheint der Kampf aussichtlos (wie in der biblischen Geschichte von David gegen Goliath). Warum es sich trotzdem lohnt, sich aufzulehnen und für seine Überzeugungen zu kämpfen: Wir stellen Widerstandsbewegungen vor – aus unterschiedlichen Bereichen des Lebens und verschiedenen Epochen unserer Zeit.

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Die Lutherrose war das Wappen des Reformators Martin Luther. Er nutze das Symbol, um seine Briefe und Schriften kenntlich zu machen. Das schwarze Kreuz im Herzen soll ihm zufolge daran erinnern, dass der Glaube an den Gekreuzigten selig macht. Das rote Herz in einer weißen Rose soll zeigen, dass der Glaube Freude, Trost und Friede gibt.

Religion

Die Reformation (1517):
Die Neuzeit beginnt mit einem Widerstand

Als Martin Luther (1483-1546) vor 500 Jahren, am 31. Oktober 1517, seine 95 Thesen gegen den Ablasshandel an die Schlosskirche in Wittenberg hämmerte, hatte er die Reformation der römisch-katholischen Kirche im Sinn. Er kritisierte die Ablasspraxis, bei der sich Christen mit Geld die Gnade Gottes erkaufen konnten, sowie die Käuflichkeit kirchlicher Ämter und forderte die Rückbesinnung auf die biblischen Grundlagen des Evangeliums. Luther zufolge sind nicht Papst und Kirche oberste Instanz, sondern Verstand und Gewissen jedes einzelnen Bürgers.

Auch wenn der Thesenanschlag so wohl nie stattgefunden hat, fand Luther mit seinen Forderungen Gehör – und stieß mit seinen Thesen auf den Widerstand der Kirchenoberen. Sie forderten Luther mehrfach auf, seine Schriften zurückzuziehen, doch er lehnte ab. Der Reformator wurde aus der Kirche verbannt und schließlich für vogelfrei erklärt.

Luther tauchte unter und zog sich auf die Wartburg bei Eisenach zurück. Dort übersetzte er das Neue Testament ins Deutsche und machte es so allen Bürgern zugänglich. Der neu erfundene Buchdruck ermöglichte die schnelle Verbreitung der Lutherbibel. Mit seinem öffentlichen Protest ermutigte der Reformator das einfache Volk, gegen Autoritäten aufzubegehren und zu mündigen Bürgern gegenüber Kirche und Staat zu werden.

500 Jahren Reformation werden groß gefeiert

Anders als geplant erzielt Luther in der Folge seines Widerstands die Aufspaltung der Kirche in einen katholischen und einen evangelischen Teil. Wegen ihres Widerstands wurden die evangelischen Christen Protestanten getauft – und splitteten sich im Laufe der Jahrhunderte sogar noch weiter in lutherische, reformierte, unierte Kirchen und viele mehr. Erst mit dem Westfälischen Frieden von 1648, der den Dreißigjährigen Krieg beendete, wurde die neugegründete Konfession gleichgestellt und das Reformationszeitalter beendet.

Dieses Jahr, 500 Jahre nach dem vermeintlichen Thesenanschlag Luthers, feiern Menschen in ganz Deutschland und Europa die Reformation und ihre Auswirkungen auf Politik, Religion, Kultur und Gesellschaft bis in die Gegenwart. Ausstellungen, Theaterstücke und Diskussionsveranstaltungen beleuchten das Thema aus allen Blickwinkeln und in Wittenberg findet unter dem Titel „Tore der Freiheit“ 95 Tage lang eine Weltausstellung statt.

Die Deutsche Bibelgesellschaft hat die Lutherbibel zum Jubiläum modernisiert und neu aufgelegt. Im März 2017 fand zudem ein Versöhnungsgottesdienst der katholischen Deutschen Bischofskonferenz und der Evangelischen Kirche in Deutschland statt. Einmalig ist der Reformationstag am 31. Oktober 2017 ein Feiertag in der ganzen Bundesrepublik.

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Wieso sich die Widerstandsbewegung den Namen „Weiße Rose“ gab, ist nicht endgültig geklärt. Die Blume steht symbolisch für Unschuld und Reinheit.

Jugend

Die Weiße Rose (1942):
Widerstand in der NS-Diktatur

Niemand weiß, warum die Widerstandskämpferin Sophie Scholl am 18. Februar 1943 alle Vorsicht fallen lässt, und den letzten Stapel der rund 12.000 Flugblätter in den Innenhof der Münchner Universität wirft. Fakt ist: Sie wird von einem Anhänger der NSDAP beobachtet. Kurz darauf nimmt die Gestapo die 22-jährige Studentin fest. Am 22. Februar wird sie zusammen mit ihrem Bruder Hans Scholl und einem weiteren Mitglied der „Weißen Rose“ zum Tode verurteilt und enthauptet.

Die „Weiße Rose“ ist die wohl bekannteste Widerstandsgruppe der NS-Zeit. Ab 1942 entwirft und verbreitet die Studentengruppe aus München unter Lebensgefahr insgesamt sechs Flugblätter, die sich gegen das Regime der Nationalsozialisten richten. Neben den Geschwistern Scholl gehören Alexander Schmorell (1917-1943), Christoph Probst (1919-1943), Willi Graf (1918-1943) und der Professor Kurt Huber (1893-1943) zum inneren Kreis der Widerstandsbewegung.

In ihren Texten rufen sie das gebildete Bürgertum mit vielen Zitaten aus der klassischen Literatur zum Widerstand gegen die Nationalsozialsten auf. Auf dem ersten Flugblatt, das in relativ geringer Auflage von 100 Stück erscheint und an Schriftsteller, Professoren, Buchhändler, Freunde und Kommilitonen verteilt wird, heißt es:

«Nichts ist eines Kulturvolkes unwürdiger, als sich ohne Widerstand von einer verantwortungslosen und dunklen Trieben ergebenen Herrscherclique 'regieren' zu lassen. Ist es nicht so, daß sich jeder ehrliche Deutsche heute seiner Regierung schämt, und wer von uns ahnt das Ausmaß der Schmach, die über uns und unsere Kinder kommen wird, wenn einst der Schleier von unseren Augen gefallen ist und die grauenvollsten und jegliches Maß unendlich überschreitenden Verbrechen ans Tageslicht treten?» Erstes Flugblatt

In den letzten beiden Schriften, die sie über die Münchner Stadtgrenze streuen, ändern sie ihren Stil, verwenden eine weniger schöngeistige Sprache und versuchen die Deutschen von ihrer moralischen Pflicht zum Widerstand gegen die Nationalsozialisten zu überzeugen. Die Zettel erscheinen in einer Auflage von 10.000 bis 12.000 Stück – handgeschrieben, in Umschläge gesteckt, frankiert und adressiert.

Um nirgendwo Misstrauen zu erwecken, kaufen die Mitglieder der „Weißen Rose“ die Materialien in unterschiedlichen Läden und besorgen immer nur kleine Mengen Briefmarken, Papier und Umschläge. Helfer in anderen Städten unterstützen sie dabei, die Briefe im ganzen Deutschen Reich in Umlauf zu bringen. Sie wollen den Eindruck einer bundesweiten Organisation erwecken.

Ausstellungen und Preise erinnern an Geschwister Scholl

Die Gedanken der „Weiße Rose“ werden nach ihrer Hinrichtung weiterverbreitet: In Hamburg verteilen Widerstandskämpfer die Flugblätter, bis die Gestapo Ende 1944 auch ihnen auf die Schliche kommt. Doch eines der Flugblätter gelangt ins Ausland und wird im Dezember 1943 von der britischen Royal Airforce millionenfach über Deutschland abgeworfen. Thomas Mann liest es im BBC-Radio vor und sagt in der ausgestrahlten Rede: „Ihr sollt nicht umsonst gestorben sein, sollt nicht vergessen sein.“

Jedes Jahr erinnert die „Weiße Rose-Gedächtnisvorlesung“ an der Ludwig-Maximilians-Universität München an die Mitglieder der Widerstandsbewegung. 2017 wurde auch die Denkstätte Weiße Rose im Hauptgebäude der Universität am Geschwister-Scholl-Platz 1 in München modernisiert. Der Geschwister-Scholl-Preis zeichnet jedes Jahr Bücher aus, die „bürgerliche Freiheit, moralischen, intellektuellen und ästhetischen Mut fördern“.

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Die weiße Taube auf blauem Grund ist seit den achtziger Jahren das Symbol der deutschen Friedensbewegung. Der Maler Pablo Picasso entwarf die Silhouette des Vogels für den Weltfriedenskongress 1949 in Paris. Schon in der Bibel wird die Taube, die Noah nach der Sintflut aussendet und die mit einem Olivenzweig im Schnabel zurückkehrt, als Zeichen des Friedens gedeutet.

Gesellschaft

Friedensbewegung (1979):
Frieden als widerständisches Dauerthema

Rund 1,3 Millionen Menschen zieht es am 22. Oktober 1983 in der ganzen Bundesrepublik auf die Straße, um gegen das atomare Wettrüsten westlicher und östlicher Supermächte zu protestieren. Mehrere tausend Demonstranten bilden eine mehr als 100 Kilometer lange Menschenkette vom Hauptquartier der in Europa stationierten US-Streitkräfte in Stuttgart bis Neu-Ulm, wo Raketen stationiert werden sollten. Es ist der Höhepunkt der Friedensbewegung in Deutschland.

Eine der ersten großen Friedensdemonstrationen fand 1981 anlässlich des Evangelischen Kirchentags in Hamburg statt. Schon im Juni 1982 demonstrierten rund eine Millionen Menschen in Bonn. Auf ihren Plakaten standen Sprüche wie:

„Frieden schaffen ohne Waffen“
„Make Love not War“

Die Friedensbewegung entstand Ende 1979 als Reaktion auf den NATO-Doppelbeschluss. Darin kündigte die NATO an, gegen die Sowjetunion aufzurüsten und zur Abschreckung mit Atomsprengstoff bestückte Raketen in Westeuropa zu positionieren. Zugleich sollten die USA und die Sowjetunion in Verhandlungen über die Begrenzung ihrer atomaren Mittelstreckenraketen treten.

Die Friedensbewegung war ein breites Bündnis: Es kamen Anhänger der Ostermärsche, der 68er-Generation und Politiker der 1980 neu gegründeten Partei Die Grünen. Doch es half alles nichts: 1983 billigte der Bundestag die Stationierung der Raketen auf dem Territorium der Bundesrepublik.

Heute ziehen vor allem die jährlichen Ostermärsche Pazifisten an. Auch auf internationalen Gipfeltreffen der Politik protestieren regelmäßig tausende Menschen für Frieden.

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Ein Kreis um jede Brust und einen Strich entlang des Brustbeins – mit diesem Symbol bemalen „Femen“-Aktivistinnen ihre nackten Oberkörper oft für Proteste in der Öffentlichkeit.

Gleichberechtigung

Femen (2008):
Feministischer Widerstand mit medienwirksamen Protest

Nackte Oberkörper bemalt mit Slogans, laut skandierte Parolen und Blumenkränze im Haar: Mit publikumswirksamen Aktionen treten die Aktivistinnen der Gruppe „Femen“ in Erscheinung. Die jungen Frauen und Studentinnen halten die provokante Störung der öffentlichen Ordnung für den einzigen Weg, „um heutzutage als Frau überhaupt beachtet zu werden“, erklärt Anna Hutsol, eine der ukrainischen Gründerinnen, der Zeitschrift Emma.

Die 2008 in der ukrainischen Hauptstadt Kiew gegründete Bewegung setzt sich für Frauenrechte ein. Zunächst protestierten die Femen in der Ukraine gegen Sextourismus sowie Zuhälterei und forderten die Bestrafung von Männern, die Prostitution in Anspruch nehmen. Schnell erlangten ihre Aktionen internationale Beachtung. Seit 2011 ist „Femen“ auch in anderen Ländern Europas tätig, inzwischen sind es mehr als zehn.

„Wende also deinen Körper gegen die Ungerechtigkeit, kämpfe mit jeder Zelle gegen das Patriarchat, gegen die Erniedrigungen“ Femen Deutschland

Mit diesen Worten rufen „Femen Germany“ Mädchen und Frauen auf ihrer Facebook-Seite zum Widerstand auf – und das tun sie: Im Oktober 2012 protestierte eine deutsche Gruppe in Hamburg in einem Möbelhaus gegen eine Retusche von Frauen in der saudi-arabischen Version des Möbelkatalogs. Im Mai 2013 stürmten zwei Aktivistinnen das Finale der Sendung „Germany’s Next Topmodel“ in Mannheim und protestierten gegen das ihrer Meinung nach frauenverachtende Format. Im Dezember 2013 demonstrierten zwei Aktivistinnen und zwei Aktivisten in der Fernsehsendung „Markus Lanz“ gegen menschenunwürdige Arbeitsverhältnisse in Katar:

Die deutsche Femen-Aktivistin Josephine Witt erklärte in ZEIT Campus: „Bei Femen geht es uns um die Frage, wem in der Gesellschaft der Körper der Frau gehört.“ Weiter sagte sie: „Wenn wir nackt auf die Straße gehen, tun wir das selbstbewusst und selbstbestimmt. Wir unterstreichen damit die Kontrolle über unseren eigenen Körper.“

Im Dezember 2013 erklomm Witt während der Weihnachtsmesse im Kölner Dom den Altar und rief: „Ich bin Gott.“ Damit habe sie gegen die Macht der katholischen Kirche aufbegehrt, erläuterte sie hinterher. Vom Landgericht Köln wurde sie wegen Störung der Religionsausübung zu einer Geldstrafe von 600 Euro verurteilt.

Kritiker halten der Gruppe vor, ihre Aktionen allein auf Medienwirksamkeit auszulegen und kein näheres inhaltliches Programm zu haben. Andere dagegen loben die selbstironischen Mittel, denen sich die Frauen bedienen.

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Viele Anhänger der Occupy-Bewegung trugen bei Demonstrationen die Maske des englischen Offiziers Guy Fawkes, der 1605 versucht hatte, den englischen König zu töten. Dazu sollten 25 Fässer Schwarzpulver im britischen Parlament hochgehen. Die Maske steht heute für diejenigen, die radikal gegen Autoritäten kämpfen. Sie wird auch vom Hacker-Kollektiv Anonymous verwendet.

Wirtschaft

Occupy (2011):
Für eine gerechte Verteilung von Vermögen

„Wir sind die 99 Prozent“ ist das Motto der Occupy-Bewegung, mit dem sie 2011 für Schlagzeilen sorgen. Dabei beziehen sich die Anhänger auf die Verteilung des Vermögens: Das reichste Prozent der Amerikaner besitzt mindestens 40 Prozent des Vermögens, den übrigen 99 Prozent der Bevölkerung bleibt der Rest.

Die Initiative entsteht in Amerika als Reaktion auf die Wirtschafts- und Finanzkrise. Tausende Studenten, Professoren, Arbeiter und Rentner protestieren auf Demonstrationen. Von September bis November 2011 besetzt „Occupy Wall Street“ den Zuccotti Park im Finanzviertel von New York City.

Der Protest wendet sich gegen die Macht der Banken, gegen Spekulationsgeschäfte und gegen den Einfluss der Wirtschaft auf die Politik. Die Occupy-Anhänger fordern, die Regeln der Finanz- und Wirtschaftsmärkte zu überdenken und mehr soziale Gerechtigkeit. Für Occupy Deutschland ist Frankfurt am Main als Sitz verschiedener Bankzentralen und der Europäischen Zentralbank das Zentrum der Proteste.

Bewegung weiterhin relevant

Die Initiative ist stark mit dem Internet verknüpft. Auf der Website www.wearethe99percent.tumblr.com können Nutzer ein Foto von sich hochladen und ihre Lebenssituation beschreiben. Sie wollen zeigen, was es bedeutet, zu den 99 Prozent der Amerikaner zu gehören, die über geringe finanzielle Mittel verfügen.

Inzwischen ist es still geworden um die Occupy-Bewegung. Vermögensstudien zeigen, dass die Einkommensschere größer geworden ist. Doch Heiner Hügel von Attac Frankfurt findet, dass der Protest trotzdem etwas gebracht hat: „Occupy hat es geschafft, dass jeder das Problem kennt“, sagte er der Frankfurt Allgemeinen Zeitung.

Die Expertin für Sozialpolitik der amerikanischen Forschungsorganisation Brookings, Vanessa Williams, hält die Bewegung weiterhin für relevant: „Occupy Wall Street hat sich auf andere Grassroots-Initiativen verteilt“, sagte sie der Deutschen Presse-Agentur. Occupy habe das Thema soziale Ungerechtigkeit auf die politische und gesellschaftliche Agenda der Vereinigten Staaten geholt.

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Die Europaflagge ist seit 1955 offizielle Flagge der Europäischen Union. Sie zählt zwölf fünfzackige Sterne auf blauem Hintergrund.

Europäische Union

Pulse of Europe (2016):
Protest für Europa

Dem überraschenden Ausstieg Großbritanniens aus der Europäischen Union (EU) und dem Erstarken europakritischer, rechtspopulistischer Parteien in vielen europäischen Ländern wollen die Gründerinnen und Gründer von „Pulse of Europe“ entgegentreten. Die Bewegung soll der schweigenden Mehrheit der Europa-Befürworter eine Stimme geben und einen möglichen Zerfall der EU verhindern.

Die erste Kundgebung mit etwa 200 Teilnehmern findet Ende November 2016 in Frankfurt am Main statt. Dort wurde die Bürgerinitiative auch gegründet. Ab Anfang 2017 finden regelmäßige Demonstrationen mit mehr und mehr Teilnehmern in zahlreichen deutschen Städten statt. Im März 2017 weitet sich der Prost auch aufs europäische Ausland aus.

Bei den sonntäglichen Demonstrationen singen die Protestler die Europahymne „Ode an die Freude“ und schwenken die blaue Europaflagge mit den zwölf gelben Sternchen:

„Pulse of Europe“ hat zehn Grundthesen. „Für Europa geht es jetzt um alles“, heißt es in der Erklärung. Die Initiatoren rufen dazu auf, sich öffentlich zu Europa zu bekennen und sich für die europäischen Grundrechte einzusetzen: „Der europäische Pulsschlag muss wieder spürbar werden.“ Kritikern gehen die Thesen nicht weit genug. Sie fordern ein detailliertes Programm.

Wichtig ist den Organisatoren, dass die Demonstrationen von Bürgern ausgerichtet werden – und nicht von Parteien oder anderen Offiziellen. Der Leiterin der Arbeitsstelle Europäische Integration an der Freien Universität Berlin, Tanja Börzel, zufolge ist die Bewegung genau deshalb so wirkungsvoll gegen rechtspopulistische Kräfte in Europa. „Die Rechtspopulisten sagen ja immer, wir sind das Volk – dabei will die Mehrheit eben nicht zurück zum Nationalstaat“, sagte die Politikprofessorin der Tagesschau.

Nach den Wahlen in den Niederlanden und Frankreich, in denen die Rechtspopulisten zwar im Aufschwung sind, aber keine Siege davontragen konnten, finden die „Pulse of Europe“-Proteste seit Anfang Mai 2017 in einigen Städten nur noch am jeweils ersten Sonntag im Monat statt.


Referentinnen und Referenten

Dr. Jürgen Bergmann ist seit 2007 Leiter des Referats Entwicklung und Politik des Missionswerks Mission EineWelt. Zuvor war er Leiter des Kirchlichen Entwicklungsdienstes (KED) in Bayern. Der studierte Agrarökonom promovierte am Institut für Rurale Entwicklung in Göttingen, forschte in Indien, Kenia sowie Zentralamerika und leistete sieben Jahre Entwicklungsarbeit in Papua Neuguinea.

Pfarrerin Dr. Claudia Jahnel ist seit 2008 Leiterin des Referats Mission Interkulturell des Missionswerks Mission EineWelt. Die Theologin promovierte und habilitierte sich an der Friedrich-Alexander-Unversität Erlangen-Nürnberg und gibt an verschiedenen Hochschulen Seminare im Bereich interkultureller Theologie. Jahnel baute auch den internationalen Masterstudiengang „Religion and Conflict Transformation“ mit auf, der unter anderem an der Evangelischen Hochschule in Nürnberg angeboten wird. Sie wurde in Tansania geboren und lebte längere Zeit in Kenia, Peru, Mexiko und den USA.

Dr. Harald Klimenta ist freiberuflicher Bildungsreferent und Autor mehrerer globalisierungskritischer Bücher. Zuletzt schrieb er an „38 Argumente gegen TTIP, CETA, TiSA & Co.“ (VSA, 2015) mit. Der promovierte Physiker ist Mitglied im wissenschaftlichen Beirat von Attac Deutschland und setzt sich seit 20 Jahren mit Fragen des Welthandels und der Finanzmärkte auseinander.

Uwe Kekeritz ist seit 2009 Mitglied des Deutschen Bundestages und Sprecher für Entwicklungspolitik der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen. Seit den 1980er Jahren ist er in der Anti-Atom- und Friedensbewegung aktiv. Der Diplom-Volkswirt ist Mitglied bei der Gewerkschaft ver.di, dem globalisierungskritischen Netzwerk attac, dem Bund Naturschutz und dem Landesbund für Vogelschutz.

Cand. Prom. Johannes Kahlau ist Politologie und promoviert seit 2014 an der Universität Hamburg. Nebenbei arbeitet er als Nachaltigkeitsanalyst für eine Zürcher Ethik-Ratingagentur.

Sophie Kahlau ist Psychologin. Ihre Masterarbeit schrieb sie zum Thema Sharing Economy und Solidarität. Kahlau lebt in Berlin und engagiert sich als Aktivistin und Queer-Feministin.

Sarah Scheibenberger ist wissenschaftliche Mitarbeiterin und Doktorandin am Institut für Germanistik der Universität Leipzig. Zuvor studierte sie Philosophie, Germanistik und Lateinischen Philologie in Freiburg, Rom und Bologna. Sie ist zudem als freiberufliche Übersetzerin tätig.

Julian Benedikt ist Dokumentarfilmer, Autor und Künstler. Er wurde vor allem bekannt durch sein Filme im Jazz-Bereich wie das Porträt „Chico Hamilton – Dancing to a different drummer“ (1994) und „Blue Note – a story of modern Jazz“ (1997) über die Gründungsgeschichte der gleichnachmigen Plattenfirma, für die er eine Grammy-Nominierung erhielt. Mit seiner Produktionsfirma Benedikt Pictures erarbetiet er auch Werbefilme.

Prof. Ines Geipel ist ehemalige Weltklasse-Leichtathletin und Literaturwissenschaftlerin. In der DDR betrieb sie Hochleistungssport und wurde Opfer von Zwangsdoping. Heute setzt sie sich für die Entschädigung von Doping-Opfern ein und erhielt dafür 2011 das Bundesverdienstkreuz. Seit 2001 ist sie Professorin für Deutsche Verssprache an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch. Geipel ist Mitbegründerin des „Archivs unterdrückte Literatur in der DDR“.

Dr. Frauke Höntzsch ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl Politikwissenschaft/Politische Theorie der Universität Augsburg. Sie promovierte 2009 an der Ludwig-Maximilians-Universität München über die „Individuelle Freiheit zum Wohle Aller. Die soziale Dimension des Freiheits-begriffs im Werk des John Stuart Mill“.

Ernst Hofacker ist Journalist und Autor. Er schreibt unter anderem für die Zeitschriften Rolling Stone sowie Guitar und landete 2013 bei der Wahl zum „Fachjournalist des Jahres“ der Karl-Theodor-Vogel-Stiftung auf Platz 2. Der Diplom-Sozialpädagoge veröffentlichte auch zahlreiche Bücher, zuletzt „1967 – als Pop unsere Welt für immer veränderte“ (Reclam, 2016).

Prof. Dr. Elisabeth Schweeger ist Direktorin und Geschäftsführerin der Akademie für Darstellende Kunst in Ludwigsburg. Zuvor war sie Intendantin des Schauspiels Frankfurt und der KunstFestSpiele Herrenhausen in Hannover. Als Chefdramaturgin am Bayerischen Staatsschauspiel erhielt sie 1999 den Theaterpreis der Landeshauptstadt München.

Pfarrer Dr. phil. Jochen Wagner ist seit 1994 Studienleiter, des gesellschaftswissenschaftlichen Referats der Evangelischen Akademie Tutzing. Der studierte Theologe und Pfarrer promovierte im Fach Philosophie zum Thema „Vom Mythos unversehrter Leiblichkeit. Der Leib des Menschen als Hintergrundmetapher im Werk von Walter Benjamin“.

Dr. Gualtiero Zambonini ist Publizist und war bis 2016 der Integrationsbeauftragte der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt WDR. Er hatte das Amt 2003 als erster hauptamtliche Integrationsbeauftragte der deutschen Medienlandschaft übernommen. Der studierte Geschichtswissenschaftler und Philosoph entwickelte unter anderem das europäische Hörfunkprogramm Funkhaus Europa und leitete es mehrere Jahre. Zudem gründete er zusammen mit anderen die Civis-Medienstiftung. 2016 wurde er für sein Engagement mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

Gertraud Gafus, Bäuerin und Aktivistin, Fürmannalm/Anger

Dr. Mathias Eichhorn, Politologie, Reformierte Theologie, Philosophie, Didaktik der Sozialwissenschaften, Goethe-Universität Frankfurt am Main


Programm

Freitag, 30. Juni 2017

Anreise ab 13.00 Uhr

15.30 Uhr Tee, Kaffee & Butterbrez´n

16.00 Uhr Widerstand – die Kunst der Revolte Begrüßung und Einführung – Pfr. Dr. phil. Jochen Wagner

16.15 Uhr Widerstand 2.0 – transnational – Dr. Frauke Höntzsch

17.00 Uhr Vorträge

Widerstand statt Ergebung? – Dr. Claudia Jahnel, Dr. Jürgen Bergmann

Widerstand gegen einen entgrenzten Freihandel – Gertraud Gafus

18.00 Uhr Abendessen

19.00 Uhr Vorträge

Widerstand gegen ein ausbeuterisches Wirtschaftssystem – Dr. Harald Klimenta

Sondierung des Anderen: Kunst als Irritation – Prof. Dr. Elisabeth Schweeger

Spiritualität als Widerstand – Dr. Mathias Eichhorn

21.30 Uhr Gespräche in Gruppen

Piano-Musik und Geselligkeit in den Salons

Samstag, 01. Juli 2017

07.45 Uhr Morgenandacht in der Schlosskapelle – Pfr. Dr. phil. Jochen Wagner

09.00 Uhr Formen des Widerstands. Zur Aktualität des Essays – Sarah Scheibenberger

10.00 Uhr Widerstand weltweit – Uwe Kekeritz

11.00 Uhr Kaffeepause

11.30 Uhr Wider den MainstreamVerantwortung der Medien im postfaktischen Zeitalter – Dr. Gualtiero Zambonini

12.30 Uhr Mittagessen

14.30 Uhr 1967 – als Pop unsere Welt für immer veränderte – Ernst Hofacker

15.00 Uhr Amok – Ausweitung der Kampfzone als Revolte der Negation Wenn junge Männer kollabieren, implodieren, explodieren – Prof. Ines Geipel

16.00 Uhr Kaffeepause

16.30 Uhr Jazz – Aufstand der blue notes Der Rebell am BassEin Leben als Passionsgeschichte – Julian Benedikt
Film über Eberhard Weber von Julian Benedikt Gespräch mit dem Regisseur

17.00 Uhr „Unter den Pflastersteinen wartet der Sandstrand.“
Vom Widerstand und der Wiederaneignung der Zukunft Impuls von jungen Leuten & Abschlussplenum – Johannes Kahlau, Sophie Helene Kahlau

18.30 Uhr Ende der Tagung mit dem Abendessen

20.00 Uhr Angebot in der Rotunde: Der Rebell am Bass – Film von Julian Benedikt (Deutschland, 2017)

Wegen der Tutzinger Fischerhochzeit am Sonntag, 02. Juli 2017, findet die Tagung in einem vorgezogenen Zeitrahmen statt.


Preise und Informationen

Preise
für die gesamte Tagungsdauer:
– Teilnahmebeitrag 45.– Euro
– Verpflegung (ohne Übernachtung/Frühstück) 43.– Euro

Vollpension
– im Einzelzimmer 101.50 Euro
– im Zweibettzimmer 79.50 Euro
– im Zweibettzimmer als Einzelzimmer 109.50 Euro


Anmeldung zur Tagung unter diesem Link:
www.ev-akademie-tutzing.de/veranstaltung/widerstand-die-kunst-der-revolte


Impressum

Das Multimedia-Format „Tutzinger Thesen“ wird herausgegeben von der Evangelischen Akademie Tutzing.

Produktion & Projektleitung:
Rieke C. Harmsen, Leitung Abteilung Crossmedia im Evangelischen Presseverband für Bayern

Autoren und Autorinnen:
Pfr. Dr. phil. Jochen Wagner, Evangelische Akademie Tutzing
Dr. Claudia Jahnel, Mission EineWelt, Neuendettelsau
Dr. Jürgen Bergmann, Mission EineWelt, Nürnberg

sowie
Katharina Hamel, Rieke C. Harmsen, Cathrin Clemens, Patricia Stoßberger.

Wir freuen uns über Ihr Feedback und Hinweise: rharmsen@epv.de.

Tutzing, im Mai 2017.