Unesco-Weltkulturerbe - Interviews

Sanft schwappt das Wasser ans Ufer der Parkanlage von Schloss Tutzing. Eine oberbayerische Idylle. Ein paar tausend Kilometer südlich herrscht Krieg. Bomben zerstören Menschenleben – und Kulturerbe.

„Kunst in Zeiten des Krieges“ – so der Titel einer Tagung der Evangelischen Akademie Tutzing.  Rund 70 Experten und Teilnehmer suchen nach Lösungen für den Schutz von Kultur und Kunst. Entfalten Thesen. Machen Vorschläge. Medienmacher und Juristen, Unesco-Mitarbeiter und Künstler.  Klar ist: Einfach ist die Aufgabe nicht.


Das Storytelling-Projekt „Kunst in Zeiten des Krieges“ umfasst drei Teile. Weiterlesen:

Teil 3: „Kunst in Zeiten des Krieges – Fakten zum Weltkulturerbe“

Teil 2: „Kunst in Zeiten des Krieges – Wie Künstler damit umgehen“


Das Richtige erzählen

Wenn die Gefahr für Kunst- und Kultur in Krisengebieten die westliche Gesellschaft einholt – dann platzt der Schrecken meist aus bewegten Bildern in die Wohn- und Arbeitszimmer. Es gibt sie, die Dokumente von Zerstörungen; etwa aus den historischen Stätten im syrischen Palmyra. Ob sie die ganze Wahrheit erzählen, ist indes unklar. Denn für Journalisten sind Kampfstätten nur unter Lebensgefahr zugänglich. Die Bilder der Zerstörung kommen also von den Tätern selbst. Im Falle Palmyras von der Propagandaabteilung des Islamischen Staates (IS).

Für den erfahrenen ZDF-Auslandsreporter Martin Niessen gehört der Umgang mit Propaganda-Bildern des IS-Terrors zum Alltag. Für ihn gibt es aber keinen Grund, nich auch gelegentlich Bilder der Zerstörung zu zeigen: „Unabhängig vom propagandistischen Zweck handelt es sich um tatsächliche Ereignisse“, sagt er. Information sei das wichtigste Ziel des Journalismus – insofern dürfe man dem Zuschauer „diese Information nicht vorenthalten und die Augen nicht verschließen“. Selbst wenn Irrtümer bei schwieriger Quellenlage auch bei bestmöglicher Recherche nicht ausgeschlossen sind. Deutsche Medien müssten sogar mehr über Zerstörungen wertvoller Kulturgüter berichten, findet Niessen. „Es geht nicht um das Erbe einzelner Menschen oder eines Landes, sondern der ganzen Menschheit.“

Der Medienwissenschaftler Bernd Zywietz ist Experte für dschihadistische Propaganda. Er weist auf einige Fußangeln bei der Berichterstattung über terroristische Angriffe auf Kulturstätten hin. Etwa darauf, dass die Propaganda des IS auf historisch wichtige Orte bisweilen erst vollends anspringt, wenn der Westen entsetzt auf erste Berichte reagiert hat. Eine Warnung westlicher Medien vor der Zerstörung der Kulturgüter könnte womöglich die Terroristen geradezu animieren, die Kulturstätten als „Zielscheibe“ zu begreifen.

Andererseits können Bilder den Zuschauern dabei helfen, die Geschehnisse zu verstehen und zu interpretieren, sagt Zywietz. Wenn Propagandamaterial, Archivmaterial und Herstellungskontexten von Bildern gekennzeichnet werden, können die Betrachter das Material auch besser einordnen. Für die Medien ist dies allerdings eine schwere Aufgabe, zumal die Aufmerksamkeitsspannen von Mediennutzern weiter sinken.

Unabhängig davon haben Fotos und Videos dem Medienwissenschaftler Zywietz zufolge starken emotionalen Einfluss: „IS-Propaganda affektiert, es ist sinnlich, es ist nachvollziehbar.“ Manchmal, etwa im Falle Palmyras, überlagere das Bild sogar die Realität – letztlich waren die Zerstörungen aktuellen Medienberichten wohl nicht so groß wie befürchtet. „Die Berichterstattung bleibt eine Gratwanderung“, sagt Zywietz.

Recht schaffen

Völkerrechtlerin Sabine von Schorlemer äußert hingegen einen optimistischen Appell: „Glauben Sie an das Völkerrecht!“ Die Professorin der TU Dresden sieht klare juristische Mittel, um Angriffe auf Kulturgüter völkerrechtlich zu ahnden. Die Zerstörung von Weltkulturerbe müsse als „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ betrachtet werden. Daher sei es wichtig, nach Wegen zu suchen, die Kulturstätten noch besser zu schützen.

Dem Schutz von Kulturerbe sind allerdings derzeit enge Grenzen gesetzt: Es existiere ein „Umsetzungsproblem“ und ein „Implementierungsdefizit“, so von Schorlemer. Blauhelmeinsätze in laufenden Konflikten, um unersetzbare Kultur zu schützen, werde es wohl nicht geben. Umso mehr müssten die Aktivitäten vor Ausbruch oder nach Ende eines Krieges verstärkt werden. Dazu gehörten etwa  zusätzliche Schutzmaßnahmen für Kulturgüter im Zuge von „Peace-Keeping-“ oder „Antiterror“-Missionen.

In jedem Falle werde die Bedeutung von Angriffen auf Kultur völkerrechtlich immer ernster genommen, so Schorlemer. Sinnlose und willkürliche Angriffe auf Kulturgüter dienten schließlich oft dazu, die kulturelle und religiöse Identität von Minderheitengruppen zu zerstören und geflüchtete Menschen von der Rückkehr in ihre Heimat abzuhalten. Die internationalen Strafgerichtshöfe würden sich künftig häufiger mit solchen Fällen beschäftigen, meint von Schorlemer. Und auch der UN-Sicherheitsrat habe die Problematik erkannt. Erst kürzlich habe das Gremium die Zerstörung von Kulturgütern als „weltweite und beispiellose Bedrohung des Weltfriedens und der internationalen Sicherheit“ gebrandmarkt.

Helfen, wenn Hilfe (an)gefragt ist

Welche Möglichkeiten die Unesco verfolgt, um das Weltkulturerbe zu schützen, berichteten die Unesco-Mitarbeiterinnen Léonie Evers und Jana Weydt. Sie bestätigten, dass die UN-Organisation für Bildung, Wissenschaft und Kultur derzeit im Falle einer kriegerischen Auseinandersetzung aus Sicherheitsgründen kaum eingreifen könne. Bestenfalls könnten mit Hilfe von Satellitenbildern Zerstörungen dokumentiert werden.

Gerade im Nahen Osten habe die Zerstörung zuletzt massiv zugenommen, warnen Evers und Weydt. Meist seien es „bewaffnete, nicht-staatliche Gruppen“ wie eben Terrormilizen, die verantwortlich seien für die Zerstörung. Jene Akteure also, mit denen das Völkerrecht gerade erst umzugehen lernt.

Unesco-Mitarbeiterin Jana Weydt kann auch von positiven Beispielen berichten. Sie betont, wie wichtig sei es, jede Art von Unterstützung sorgfältig zusammen mit der Bevölkerung vor Ort umzusetzen.

In Mali etwa, wo wie in Syrien islamistische Gruppen Angriffe auf Kulturstätten und -güter verübten, habe die Regierung die Unesco offiziell um Hilfe gebeten. Nach der Befriedung des Landes habe man mehrere Moscheen und traditionelle Mausoleen in Timbuktu wiederaufbauen und retten können – zusammen mit den Einwohnern der Städte und nach althergebrachten Bautechniken. Solche Aktionen könnten helfen, eine Identität zu stiften, sagt Weydt. Allerdings ist die Rettung bedrohter Kunst und Kultur auch in diesen  Fällen kein Selbstläufer: So fehlten Mitte April 2016 noch gut zwei Millionen US-Dollar, um die erste Phase eines Hilfsprojekts in Mali abzuschließen.

Anders auf Kunst blicken

Die gesellschaftliche Verantwortung der Museen im Umgang mit Kulturschätzen thematisierte Markus Hilgert , Direktor des Vorderasiatischen Museums in Berlin. Museen wie das Vorderasiatische Museum in Berlin verfügen über wichtige Kulturschätze aus dem Nahen Osten. Hilgert betonte, wie wichtig es sei, die Kunstschätze des Landes zu dokumentieren und sicherzustellen, dass diese Kunst auf legalen Wegen nach Deutschland gekommen sei. Dabei habe jedes Museum auch eine „Vorbildfunktion“.

Wichtig sei es aber auch, den Museumsbesuchern und Sammlern klar zu machen, dass alte Kulturgüter aus dem Nahen Osten mehr seien als nur handwerklich-künstlerisch interessante Stücke. Kunst lasse sich aus vielen Blickwinkeln betrachten: Ausstellungsstücke hätten „weit über ihren künstlerischen, wissenschaftlichen Wert hinaus auch eine Bedeutung für die kulturelle Identität“, oft sogar „konstituierende Bedeutung für die gegenwärtige Gesellschaft“ in Krisengebieten. „Wenn ein kleiner junge aus dem Irak im Museum das babylonische Ischtar-Tor sieht, dann sieht er etwas ganz anderes als etwa ich“, sagt der Altorientalist Hilgert.

Auch Zusammenarbeit mit den Institutionen und Forschern in Ländern wie Syrien oder dem Irak sei eine wichtige Verantwortung für deutsche Museen – und die Zusammenarbeit müsse so weit wie möglich auf Augenhöhe geschehen. Allerdings sei eine solche Kooperationen häufig erst möglich, wenn in den betroffenen Ländern wieder Frieden herrsche.

Text: Florian Naumann


Das Storytelling-Projekt „Kunst in Zeiten des Krieges“ – umfasst drei Teile. Hier gehts weiter:

Teil 2: „Kunst in Zeiten des Krieges – Die Künstler“

Teil 3: „Kunst in Zeiten des Krieges – Die Fakten“


Impressum:
Die Tagung „Kunst in Zeiten des Krieges“ wurde in Kooperation mit der Deutschen UNESCO-Kommission durchgeführt.
„Tutzinger Thesen“ – ein Format der Evangelischen Akademie Tutzing.

Eine Produktion des Evangelischen Presseverbands für Bayern e.V. (EPV).
Kamera: Alexander Hirl.
Redaktion: Rieke C. Harmsen (verantwortlich).
www.epv.de

Wir freuen uns über Ihr Feedback: cme@epv.de.

Tutzing, im April 2016.