Unesco-Kulturerbe

Was tut die Kunst in Zeiten des Krieges?

Auf den ersten Blick scheint es, als könne Kunst gegen Waffengewalt nichts ausrichten. Gemälde und Musik schützen nicht vor tödlichen Kugeln. Skulpturen zerfallen zu Staub, wenn Bomben explodieren.

Der deutsche Schauspieler Christoff Bleidt, die ukrainische Aktivistin Luba Michailova und der syrisch-palästinensische Pianist Aeham Ahmad kämpfen gegen den Krieg und seine Folgen – an völlig unterschiedlichen Ecken dieser Welt. Sie kämpfen für den Frieden, für Veränderungen und eine bessere Welt. Ihre Waffe ist die Kunst.


Das Storytelling-Projekt „Kunst in Zeiten des Krieges“ umfasst drei Teile. Weiterlesen…

Teil 1: „Kunst in Zeiten des Krieges – Die Interviews“

Teil 3: „Kunst in Zeiten des Krieges – Die Fakten“


Ukraine: Luba Michailova

Donetzk_1920x1080_klein.jpg
Das Izolyatsia Gelände in Donezk. Foto: Dima Sergeev

Luba Michailova ist ukrainische Aktivistin. Sie will der erstarrten Kultur im Donbass neues Leben einhauchen – selbst nachdem Separatisten ihr Kulturzentrum zerstörten und sie aus ihrer Heimat vertrieben.

Als die Männer mit den Kalaschnikows auf das Gelände der stillgelegten Fabrik kamen, leistete Luba Michailova keinen Widerstand. Am 9. Juni 2014 besetzten die Separatisten der „Donetsk People’s Republic“ das Kunstzentrum „Izolyatsia“ wegen der dort verbliebenen Atombunker aus Zeiten der Sowjetunion. Ausgerechnet am orthodoxen Dreifaltigkeitsfest rückten sie an. „Ich dachte mir: Lass sie machen“, sagt Michailova. Der Waffengewalt hatte sie nichts entgegenzusetzen.

Rund um die Großstadt Donezk liefern sich die ukrainische Armee und die Separatisten seit April 2016 wieder schwere Gefechte. Permanent verstoßen die Truppen gegen den vereinbarten Waffenstillstand.

In der Region herrsche schon seit langem ein kulturelles Klima, das dem nun ausgebrochenen Konflikt einen Nährboden gab, erklärt Michailova. In der Region bilde die Industrie den Lebensmittelpunkt der meisten Menschen. Kindergärten, Schulen, aber auch Freizeiteinrichtungen und Kulturstätten werden von den Fabriken finanziert. Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion gehören die verbliebenen Produktionsstätten russlandtreuen Oligarchen. Kultur wird für die Einwohner reduziert auf das, was die Oligarchen bieten: Fußball, Bier und Massenunterhaltung in den neu errichteten Stadien.

Schon vor dem Konflikt litt Michailova an diesem Zustand. „Einmal wollte ich Freunden aus Berlin Donezk zeigen und war wirklich schockiert.“ Aktuelle kritische Kunst sei überhaupt nicht vorhanden, es gebe nur alte Museen in schlechtem Zustand und eine verstaubte Oper, klagt Michailova. „Gerne würde ich Donezk irgendwann als europäische Stadt sehen“, befand die Aktivistin – und gründete ein Zentrum für zeitgenössische Kunst. Und zwar ausgerechnet in einer Fabrik, die einst Isoliermaterial herstellte und Angelpunkt des grauen Lebens hunderter Arbeiter war.

So entstand 2010 das Projekt „Izolyatsia“, zu Deutsch „Isolation“ oder „Isolierung“. Auf dem alten Industriegelände organisierte sie Ausstellungen und Veranstaltungen. International bekannte Künstler wie Daniel Buren schufen Werke für das Zentrum. Alles unter dem Leitgedanken, den Michailova und ihr Team „cultural conversion“ nennen. Sie wolle die Kultur beleben, aufklären, den Einwohnern von Donezk einen Blick über den Rand des Fußballstadions gewähren. Luba Michailova ist überzeugt: Nur weil viele Menschen dort einen engen Horizont haben, finden die Separatisten so viel Rückhalt in der Gesellschaft. Kunst, sagt sie, könne Konflikte entschärfen, indem sie aufklärt. „Kultur war in den letzten 25 Jahren dort nie ein Thema. Deshalb sind diese Menschen leicht zu manipulieren. Kultureller Wandel hätte sogar den Krieg verhindern können.“

Als sich die politische Lage im Land 2014 verschärfte, fanden im „Izolyatsia“ Diskussionsrunden statt. Europabefürworter und –gegner diskutierten miteinander. Wenige Monate später beschlagnahmten bewaffnete Soldaten das Kulturzentrum. Sie ließen Luba Michailova nicht einmal Zeit, die Kunstwerke in Sicherheit zu bringen. Was heute von der Anlage noch übrig ist, weiß sie nicht.

„Die Menschen mit den Kalaschnikows werden meine Argumente nie ernst nehmen.“ Luba Michailova

Doch aufgegeben hat das Team von „Izolyatsia“ nicht. Derzeit arbeitet Michailova aus dem Exil, einer Halle im Hafen von Kiew. Mit ihrem Team organisiert sie Aktionen im Grenzgebiet, diesmal aber auf der ukrainischen Seite der Front. Die Gruppe weiß, dass sie den Krieg im Land nicht im Alleingang beenden kann. Luba Michailova will allerdings ein Beispiel geben: „Wir wollen andere inspirieren, Kultur für den sozialen und wirtschaftlichen Wandel zu nutzen.“ Das Interesse in der Ukraine sei vorhanden, meint sie. Inzwischen erreichen sie Anschreiben aus anderen Städten, die sie um Rat fragen.

Einen Dialog zwischen den kämpfenden Parteien hält Michailova für aussichtslos: „Der Westen hat uns durchgängig empfohlen, mit den Besatzern zu sprechen. Das wird aber nie funktionieren. Die Menschen mit den Kalaschnikows werden meine kulturellen Argumente nie ernst nehmen – wenn ich nicht auch ein Gewehr in der Hand halte. Alle Aufforderungen zu reden, bringen uns nur dahin, wo wir jetzt sind.“

Text: Franz Knorr

Alevtina Kakhidze

Kämpft für die Unabhängigkeit der Kunst: Alevtina Kakhidze

Die ukrainische Künstlerin Alevtina Kakhidze hat erst mit dem Krieg begonnen, politische Kunst zu machen. Im Interview (in englischer Sprache) erzählt sie, wie sich ihre Haltung zur Kunst verändert hat.


Irak: Christoff Bleidt

Fluechtlingscamp.jpg
Ein Flüchtlingszentrum im irakischen Akre. Hier leben rund 280 Familien, rund 1000 Menschen in einer ehemaligen Kaserne der Saddam-Armee. Die Menschen leben hier zum Teil seit drei Jahren. Eine wirkliche Perspektive gibt es nicht, auch wenn Plakate seit Februar 2016 auf Rückführungsmöglichkeiten in befreite Gebiete aufmerksam machen. Foto: Nicole Otte

Christoph Bleidt hat seit 2006 über 20 Kulturprojekte im Irak organisiert. Der Schauspieler leitet das „Theaterhaus Berlin Mitte“ und ist Mitgründer des „Netwerks zum kulturellen Wiederaufbau im Irak“.

Was ist das „Netzwerk zum kulturellen Wiederaufbau im Irak?“

Wir haben es unter diesem Namen gegründet. Später sind wir aber dazu übergegangen, es „kulturaustausch.net“ zu nennen, weil unsere irakischen Partner schon viel gemacht hatten. Wir wollten den Wiederaufbau nicht mehr in den Fokus stellen. Es ging darum, die Strukturen und die Künstler im Irak zu unterstützen. Die Bedeutung der Kunst gegenüber der Politik sollte über rein folkloristische Aspekte hinausgehen. In einer sich öffnenden Gesellschaft ist Kultur und die Selbstfindung durch Kunst ein entscheidender Faktor zur Stärkung dieser Gesellschaft.

Warum ist Kunst in diesem Zusammenhang so wichtig?

Für einen deutschen Intendanten ist das Theater, das man im Irak erlebt, sehr beeindruckend: Das Theater ist Verhandlungsort für existenzielle Fragestellungen. Die Leute reisen zum Teil unter Lebensgefahr aus weit entfernten Gegenden an, um eine Aufführung zu sehen. Überhaupt ein Forum zu haben für existenzielle Fragen, ist entscheidend wichtig. Das Theater kann Fragen stellen, ohne sofort verdächtigt zu werden, die falschen Antworten zu geben. Gerade in den ersten Jahren nach dem Krieg war aber selbst das Fragen stellen riskant. Theater, insbesondere mit weiblichen Schauspielern, war in den religiösen Auseinandersetzungen nicht erwünscht.

Ein Theaterprojekt fand in irakischen Flüchtlingslagern statt. Die Menschen wurden aus ihrer Heimat vertrieben und sind zum Teil vom Krieg traumatisiert. Wie kann Theater dieser physischen Gewalt begegnen?

Die einfachste Formel dafür lautet „Tun als ob“. Das Spielen von Situationen ermöglicht, dass man im Innern verborgenen Gewalterfahrungen überhaupt äußern kann. Theater gibt die Möglichkeit, sich so an eigene Konfliktinhalte „heranzuspielen“. Außerdem ist das Leben in diesen Flüchtlingslagern sehr begrenzt. Ein geistiger und spielerischer Input ist Mangelware. Es geht darum, diesen tristen Alltag durch Lachen und Kreativität zu unterbrechen.
Wenn eine Aufführung in einem Flüchtlingslager stattfindet, ist das schon ein Schritt. Aber man darf sich keine zu großen Hoffnungen machen. Die Situation dort kann man objektiv gesehen als trostlos bezeichnen.

Interview: Franz Knorr


Syrien: Aeham Ahmad

Der syrisch-palästinensische Musiker Aeham Ahmad spielte unter Lebensgefahr auf seinem Klavier in den Straßen von Jarmuk. Er floh im August 2015 nach Deutschland. Inzwischen tourt er durch das Land und wiederholt seine Botschaft: „Die ganze Welt soll wissen, dass die Mehrheit der Syrer sich den Frieden wünscht“, sagt Aeham.

„Ich bin mein ganzes Leben lang schon Flüchtling“, sagt Aeham, der 1988 in Damaskus geboren wurde. Sein Großvater floh 1948 aus Palästina. Die Familie lebte seither in Jarmuk, einem Stadtteil am Rande der syrischen Hauptstadt Damaskus. Aeham erlebte, wie im Frühjahr 2015 der Stadtteil von der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) eingeschlossen wurde – doch ließ er sich nicht beirren. Der Musiker schnallte sein Klavier auf einen Rollwagen und spielte in den Trümmern der Stadt.

„Meine Musik haben vor allem Kinder und Jugendliche gehört, doch oft war ich allein auf der Straße, weil überall die Schüsse fielen“, erzählt Ahmad. Im Frühjahr 2015 verbrannten die Islamisten sein Klavier. „Das Klavier war mein Freund, es war, als hätten sie meinen Freund getötet“, erinnert sich Aeham, der sich nun in Lebensgefahr befand. Die Flucht über die Türkei, Griechenland, Serbien, Kroatien und Österreich nach Deutschland dauerte Monate. Seine Frau und die ein- und den dreijährigen Söhne musste er zurücklassen. In Deutschland wurde Aeham von einer Flüchtlingseinrichtung zur Nächsten geschickt, schließlich landete er in Wiesbaden. Die hessische Landeshauptstadt ist inzwischen seine neue Heimat.

Aeham macht nicht viel Aufhebens um sich. Vor einem Auftritt setzt er sich gerne auch mal mitten ins Publikum. Doch kaum sitzt er am Klavier, sprechen seine Hände. Seine Kompositionen erzählen von der Angst und den Schüssen, die ihn einmal fast erwischt hätten und eine Narbe in der Hand hinterlassen haben. Sie erzählen von den traumatischen Erlebnissen der Flucht, von Dankbarkeit, nun in Sicherheit zu leben, aber auch der Verzweiflung, die er täglich spürt, wenn er an Frau und Kinder denkt.

Das Klavier ist die einzige Konstante, die geblieben ist in dem unsteten Leben, dass Aeham inzwischen als gefragter Konzertpianist führt. Ob bei einer exklusiven Matinée im Schlosssaal der Evangelischen Akademie Tutzing oder einem Pop-Konzert mit den Sportfreunden Stiller, der Pianist wird nicht müde, seine Botschaft zu wiederholen: „Jarmuk ist immer noch besetzt. Täglich fallen Schüsse. Es gibt kein Trinkwasser, keine Lebensmittel, keine Medizin. Die ganze Welt muss hören, wie schlecht es den Menschen dort geht.“

Text: Rieke C. Harmsen


Hilfsprojekte

Unterstützung für Künstlerinnen und Künstler

Artist-Protection-Fund
Bedrohte Künstlerinnen und Künstler aus aller Welt können sich an den „Artist Protection Fund“ wenden. Die Stiftung des „Institute of International Education“ leistet finanzielle Unterstützung und Hilfestellung. Autoren, Malerinnen, Tänzerinnen oder Theaterschauspieler sollen damit auch im Exil im Ausland weiter Kunst machen können.

Magazin Nafas
Ein weiteres Projekt, dass sich mit der Kunst speziell im arabischen Raum beschäftigt, ist das Magazin Nafas des Kunstportals Universes in Universe. Die Webseite des deutschen Kunstkritiker Gerhard Haupt und der argentinischen Künstlerin Pat Binder fokussiert sich auf den Nahen Osten und informiert über aktuelle Ausstellungen und Veranstaltungen.

Pen-Deutschland
Mit dem Programm Writers-in-Exile unterstützt das Pen-Zentrum Deutschland verfolgte Schriftsteller, Journalisten und Verleger. In vier Städten gibt es Wohnungen für sieben Exilschriftsteller. Die Autoren werden maximal zwei Jahre finanziell unterstützt. Ähnlich funktioniert auch das Elsbeth-Wolffheim-Stipendium in Darmstadt sowie das Friedl-Dicker-Stipendium in Weimar.

Böll-Stiftung: Stipendien
Die Heinrich-Böll-Stiftung bietet Flüchtlingen, die ihr Studium beginnen oder fortsetzen wollen, ein Stipendium. Das Programm „Medienvielfalt, anders“ unterstützt junge Migrantinnen und Migranten, die eine journalistische Laufbahn einschlagen möchten. Damit soll die Vielfalt der Einwanderungsgesellschaft auch in der aktuellen Berichterstattung in den Redaktionen gefördert werden.

Goethe-Institut: Flüchtlinge
Das Goethe-Institut informiert auf seinem Portal „Migration und Integration“ Informationen zu Kultur- und Bildungsprogrammen. Ein Sprachführer erläutert erste Schritte und Worte; eine App unterstützt Flüchtlinge dabei, die ersten Wochen zu meistern. Zudem fördert das Institut Kulturprojekte mit und von Flüchtlingen – wie eine Gruppe von Designern, die eine Webplattform für Flüchtlinge in Berlin programmiert und eine Möbelwerkstatt eingerichtet haben.

Kunstfonds
Das Sonderprogramm des Kunstfonds fördert eigens Projekte mit Künstlerinnen aus Flüchtlingsländern. Bewerben können sich Künstler- und Kunstvereine, Städte, Gemeinden, Landkreise, Museen, Kunstschulen, Künstlerinitiativen und Kulturorganisationen aus dem gesamten Bundesgebiet.


Das Storytelling-Projekt „Kunst in Zeiten des Krieges“ umfasst drei Teile. Weiterlesen…

Teil 1: „Kunst in Zeiten des Krieges – Die Interviews“

Teil 3: „Kunst in Zeiten des Krieges – Die Fakten“


Impressum:
Die Tagung „Kunst in Zeiten des Krieges“ wurde in Kooperation mit der Deutschen UNESCO-Kommission durchgeführt.

Die „Tutzinger Thesen“ sind ein Multimedia-Format der Evangelischen Akademie Tutzing.
Produktion und Redaktion: Evangelische Medienagentur im EPV, Rieke C. Harmsen (verantwortlich).

Wir freuen uns über Ihr Feedback und Hinweise: cme@epv.de.

Tutzing, im April 2016.