Fakten Unesco

Mit Bulldozern und Sprengstoff zerstören Extremisten antike Gebäude oder graben in archäologischen Stätten nach Kunstwerken, die sie im Ausland verkaufen. Die Liste der Kulturstätten, die in kriegerischen Auseinandersetzungen zerstört werden, wird immer länger.

Doch wie können wir unser Kulturerbe schützen? Von 15. bis 17. April treffen sich Wissenschaftler, Künstler und Experten in der Evangelischen Akademie Tutzing, um nach Lösungen zu suchen. Die Tagung „Kunst in Zeiten des Krieges“ der Evangelischen Akademie Tutzing wurde in Kooperation mit der Deutschen UNESCO-Kommission durchgeführt und erstmals multimedial begleitet. Hier finden Sie Hintergrundinformationen zum Thema.


Das Storytelling-Projekt „Kunst in Zeiten des Krieges“ umfasst drei Teile. Weiterlesen…

Teil 1: „Kunst in Zeiten des Krieges – Weltkulturerbe: Interviews“

Teil 2: „Kunst in Zeiten des Krieges – Die Künstler“


Insgesamt 48 Welterbestätten der Unesco sind von Zerstörung bedroht. Eine Auswahl (für die Navigation bitte auf Pfeile klicken):

Programm

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Ruinen des Simeonsklosters, Syrien

Die Buddhastatuen in Bamiyan, die Bibliothek von Timbuktu, der Markt von Aleppo, die Tempelanlagen von Palmyra – Extremisten attackierten in den letzten Jahren Menschen und jahrtausendealte Kulturschätze gleichermaßen.

Gezielte Zerstörungen, wie sie vom IS als Machtdemonstrationen inszeniert werden, schrecken die Weltgemeinschaft auf und lenken den Blick darauf, dass Krieg auch immer die Vernichtung von Kulturgütern bedeutet.

Plünderung und Raub sind an der Tagesordnung, Länder wie Syrien verlieren ihre Schätze, ihre Kunst, ihre Geschichte und damit Teile ihrer Identität. Nicht zuletzt deshalb bezeichnet die Unesco die Zerstörungen von Palmyra und weiteren Welterbestätten als Kriegsverbrechen und setzt sich für ihre Ahndung ein.

Doch auch das kulturelle Leben und seine Infrastruktur kommen im Kriegsfall zum Erliegen. Einst lebendige Spielstätten stehen leer, werden umfunktioniert oder zerstört. Künstler und Kulturschaffende werden verfolgt, getötet, verstummen oder verlassen das Land. Inmitten von Angst und Gewalt erscheinen Malerei, Theater, Musik und Poesie absurd.

Und doch sind es oft genug die Künstler, die sich zu Wort melden und Gehör finden – vor Ort und im Exil. Sie machen aufmerksam auf die Geschehnisse im Land, sie dokumentieren und verarbeiten, sie schaffen Momente der Hoffnung für sich und andere.

Diese Hoffnung mit Blick auf Gegenwart und Zukunft zu nähren und Verantwortung zu übernehmen für Kulturerbe, kulturelle Vielfalt und Kulturschaffende, liegt auch in der Verantwortung der Weltgemeinschaft. Der Maßnahmenkatalog von international tätigen Organisationen und lokalen Initiativen reicht dabei von präventiven Dokumentationsprojekten und dem Wiederaufbau von Infrastruktur und zerstörten Stätten bis hin zur Förderung kultureller Vielfalt und Unterstützung von Künstlern.

In der Tagung „Kunst in Zeiten des Krieges“ beschäftigen wir uns mit den Auswirkungen aktueller Kriege auf Kunst und Kultur. Was bedeutet der Verlust wichtiger kultureller Stätten für die betroffenen Länder, was für die Weltgemeinschaft? Welche Auswirkungen haben die provozierenden Bilder des IS, wie gehen Medien und Öffentlichkeit damit um? Welche Maßnahmen kann die internationale Staatengemeinscha ergreifen, um zu bewahren und zu schützen? Wie schlägt sich die Kriegserfahrung der Menschen in den Künsten nieder? Und was kann mit Blick auf eine friedlichere Zukunft schon heute für Künstler und das kulturelle Leben von Ländern, die sich im Krieg befinden, getan werden?

Judith Stumptner,
Studienleiterin, Evangelische Akademie Tutzing

Dr. Roland Bernecker,
Deutsche UNESCO-Kommission, Bonn

Referenten

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Die Zitadelle von Aleppo (Foto: Dominik Tefert)

Die Tutzinger Tagung setzt drei Schwerpunkte. Die Timeline zeigt Ihnen eine Auswahl der Speaker (bitte auf den rechten Pfeil klicken):

Im ersten Teil der Tagung geht es um die aktuelle Zerstörung des Unesco-Weltkulturerbes. Die Völkerrechtlerin Sabine von Schorlemer leitet den weltweit ersten Lehrstuhl für Internationale Beziehungen an der TU Dresden. Sie spricht über die völkerrechtlichen Herausforderungen für die Weltgemeinschaft.

Die Medien und deren Umgang mit IS-Propangadafilmen zur Zerstörung des Kulturerbes analysieren der Politologe und ZDF-Journalist Martin Niessen und Bernd Zywietz, Leiter des Netzwerks Terrorismusforschung (siehe auch dessen Blog „Terrorismus und Film“).

Die aktuelle Situation und den Zustand der Zerstörung des Weltkulturerbes in Palmyra, Timbuktu und Bamiyan schildert der Archäologe Harald Meller. Die Aktivistin Rana Yazaji informiert über den Mittleren und Nahen Osten und berichtet aus Damaskus.

Im zweiten Teil der Tagung geht es um die Frage, wie Kulturerbe geschützt werden kann. Strategien für die Bewahrung des kulturellen Erbes im Irak und Syrien präsentiert der Direktor des Vorderasiatischen Museums in Berlin, Markus Hilgert.

Unesco-Mitarbeiterin Léonie Evers stellt das Notfallprogramm der Unesco für den Schutz der Kulturgüter vor. Jana Weydt berichtet darüber, wie die Kulturstätten in Timbuktu (Mali) wieder aufgebaut wurden. Einen Blick auf die Situation in der Ukraine werfen die Aktivistinnen Luba Michailova und Alevtina Kakhidze.

Der Umgang von Künstlerinnen und Künstler mit der Zerstörung ihres Kulturerbes bildet einen weiteren Schwerpunkt der Tagung. Der syrisch-palästinensische Pianist Aeham Ahmad berichtet über seine Erfahrungen in Syrien. Weitere Gäste der Tagung sind die Künstler Tammamm Azzam, Hiba Al Ansan und Rosa Yassin Hassan. Zur Einstimmung hier ein Porträt des Pianisten Aeham Ahmad:

Zerstörung

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Ruinen in Palmyra, Syrien

Die antike Wüstenstätte Palmyra liegt in Trümmern. IS-Terroristen haben das Kulturerbe nachhaltig zerstört. Die tiefen Narben werden wohl nie verheilen.

Nach zehn Monaten Gewaltherrschaft hat sich das Bild der Kulturstätte start geändert. Journalisten und Wissenschaftler reisten nach Syrien, um das Ausmaß der Zerstörung zu dokumentieren. Statuen wurden umgestroßen, Tempelmauern zerstört, Wände von Kugeleinschlägen übersäht oder mit Graffitti beschmiert. Das römische Theater wurde für öffentliche Hinrichtungen genutzt.

Experten schätzen, dass der Wiederaufbau viele Jahre dauern wird. Und vieles wird nie mehr so aussehen, wie es einmal war. Auch das Nationalmuseum von Palmyra wurde beschädigt. Hier wurden Bilder von den Wänden gerissen und Steinskulpturen zerstört.

Die UN-Organisationen Unitar und Unosat liefern inzwischen regelmäßig Satellitenbilder, an denen der Grad der Zerstörung abgelesen werden kann. Ein aktueller Bericht vom 6. April 2016 geht hervor, dass in der antiken Stadt rund 37 Objekte zerstört wurden. 14 Objekte wurden dem Erdboden gleichgemacht, acht weitere Objekte schwer zerstört. In dem Gebiet wurden zudem 59 Bombenkrater registriert.

Zerstörungen in Palmyra: Rote Quadrate bezeichnen zerstörte Bauwerke, orange Bauwerke sind schwer beschädigt, grüne Quadrate bezeichnen Bombenkrater.

Zerstörungen in Palmyra: Rote Quadrate bezeichnen zerstörte Bauwerke, orange Bauwerke sind schwer beschädigt, grüne Quadrate bezeichnen Bombenkrater.


Wie die Medien mit dem Thema umgehen

Der Medienwissenschaftler Bernd Zywietz hat auf seinem Blog festgestellt, dass die IS-Propaganda eine besondere Herausforderung für die Medienberichterstattung bedeutet. Denn die „Verführungskraft“ der Bilder sei selbst in Ablehnung und Abscheu nur „schwierig zu brechen oder zu parieren“. Material und Werkzeug der radikalen Islamisten seien „viel zu gleichartig“ zu dem Ausdrucksreservoir der westlichen Medien. Diese mache eine Verteidigung der Werte umso schwieriger.

Zum Vergleich finden Sie hier ein paar Medienberichte zum Thema – unter anderem von CNN, Al Jazeera oder der Deutschen Welle:

Fakten

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Krak des Chevaliers, Syrien

„Jede Schädigung von Kulturgut, gleichgültig welchem Volke es gehört, bedeutet eine Schädigung des kulturellen Erbes der ganzen Menschheit, weil jedes Volk seinen Beitrag zur Kultur der Welt leistet.“

Die von der UNESCO geführte Liste des Welterbes umfasst 1.031 Stätten in 163 Ländern (Stand: Juli 2015). Davon sind 802 Kulturdenkmäler und 197 Naturstätten. Weitere 32 Stätten gehören sowohl dem Kultur- als auch dem Naturerbe an. Viele Kulturstätten sind bedroht. Deshalb gibt es eine sogenannte „Rote Liste“ des Unesco-Weltkulturerbes. Diese umfasst 48 Objekte. Sie hat unter andem das Ziel, eine breite Öffentlichkeit über die drohende Gefahr für die Kulturschätze zu informieren. Eine bedeutende Rolle spielt dabei die Berichterstattung in den Medien. Im ersten Teil der Tagung wird es darum gehen, wie die Medien und Berichterstatter mit der IS-Propagandafilmen umgehen. Bereits 1954 wurde in der Haager Konvention der Begriff „kulturelles Erbe“ (héritage) zum Schutz von Kulturgut entwickelt. Im „Übereinkommen zum Schutz des Kultur und Naturerbes der Welt“der Unesco von 1972 verpflichten sich die Länder, Kunstschätze und Naturlandschaften vor Untergang und Zerstörung zu bewahren. Einmal im Jahr entscheidet das zwischenstaatliche „World Heritage Committee“ über die Aufnahme neuer Welterbestätten und prüft, ob die Kriterien der Welterbekonvention auch eingehalten werden. Doch wie arbeitet die UNESCO in Sachen Weltkulturerbe? Unsere Infografik gibt die Antwort:

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Was ist die „Rote Liste“ der Unesco, und wie wird sie eingesetzt?

Insgesamt 48 Objekte stehen auf der „Roten Liste“ des Unesco-Weltkulturerbes. Diese Kulturstätten sind bedroht durch Krieg, Naturkatastrophen, Verfall, städtebauliche Vorhaben oder infrastrukturelle Großvorhaben. Einige davon existieren inzwischen nicht mehr.

Mit der Eintragung in die sogenannte „Rote Liste“ will das Welterbekomitee die Aufmerksamkeit der politisch Verantwortlichen wecken und das öffentliche Interesse am Schutz der gefährdeten Kultur- und Naturerbestätten erhöhen.

Die Rote Liste ist nicht Selbstzweck, sondern ein Mittel, den Staat zum Handeln und die Staatengemeinschaft zur Unterstützung zu bewegen. Die Liste wird jährlich auf der Sitzung des Welterbekomitees überprüft.

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Was kann gegen die Zerstörung des Unesco-Weltkulturerbes getan werden?

Die UNESCO bekommt keine militärische Unterstützung zum Schutz der Kulturstätten. Dennoch kann sie versuchen, die Bemühungen der internationalen Gemeinschaft zu flankieren. Sie kann die Streitkräfte über das Kulturerbe informieren und kann im Vorfeld versuchen, Sicherungsmaßnahmen an den Stätten einzuleiten. Die Mitarbeiter unterstützen die Dokumentation und Archivierung der Kunstschätze.

Außerdem wird daran gearbeitet, digitale Archive zu schaffen, in denen archäologische Stätten und Funde möglichst detailliert in einer 3D-Digitalisierung abrufbar und zumindest virtuell erlebbar sind.

Mechtild Rössler ist Direktorin der Abteilung für das Kulturerbe und das Welterbezentrum am Unesco-Hauptsitz in Paris. Im Interview erklärt sie, wie die Unesco vorgeht.

Frau Rössler, was tut die UNESCO, um das kulturelle Erbe in kriegerischen Konflikten zu schützen?

Rössler: In extrem schwierigen bewaffneten Konflikten wie in Mali ist die UNESCO auf zahlreichen Ebenen aktiv. Wir richten Schutzzonen um die betroffenen Stätten oder Regionen ein, um sicherzustellen, dass Kulturgüter nicht illegal exportiert werden.

Raubgrabungen zerstören archäologische Stätten und sind häufig eine Ursache für einen langsamen Verfall von Welterbestätten und tragen zudem zur Finanzierung des Terrorismus bei. Wir arbeiten hier eng mit den jeweiligen Nachbarstaaten, Interpol, Zollämtern und Kunsthändlern zusammen, um den illegalen Handel mit Kulturgütern zu unterbinden.

Auf der Grundlage einer Resolution des UN-Sicherheitsrats, die den Handel mit Kulturgütern aus Syrien und dem Irak untersagt, konnten wir bereits erste Erfolge feiern: Antiken aus den zwei Ländern konnten in Finnland, Jordanien, dem Libanon, der Türkei, Großbritannien und den USA beschlagnahmt werden.

Außerdem unterstützen wir unsere lokalen Experten in den Konfliktregionen, die sich häufig unter Lebensgefahr für das kulturelle Erbe einsetzen, durch Schulungen zu Notfallmaßnahmen und vielem mehr. Wir sind dabei zu untersuchen, ob ein Transport von beweglichen Kulturobjekten an sichere Orte sinnvoll ist, wenn die Gefahr der Zerstörung absehbar ist.

Und nicht zuletzt dokumentieren und bewerten wir gemeinsam mit Partnern die entstandenen Schäden an Welterbestätten, auch um die Täter eines Tages zur Rechenschaft ziehen zu können – wie beispielsweise bei der Verfolgung der Zerstörungen der Mausoleen in Timbuktu, Mali, die jetzt vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag verhandelt wird.

Was hat die UNESCO nach der Zerstörung der 14 Mausoleen in Timbuktu 2013 getan?

Rössler: Während der militärischen Operationen in Mali haben wir sehr eng mit den beteiligten Mitgliedstaaten kooperiert, um das Bewusstsein für den Schutz der Stätten zu erhöhen. Wir haben zum Beispiel über 8.000 Karten und Dokumente an Soldaten verteilt, um sie für das kulturelle Erbe zu sensibilisieren. Der Schutz des Kulturerbes wurde zudem in das Mandat der UN-Friedenstruppe integriert. Dann haben wir mit der Hilfe der Menschen in Timbuktu die 14 attackierten Mausoleen restauriert und wiederaufgebaut.

Als die Extremisten vor zwei Jahren das Welterbe in Timbuktu zerstörten, sagten sie, dass das „Weltkulturerbe nicht vorhanden sei“ und dass die Idee eines gemeinsamen Erbes der Menschheit „reine Ketzerei“ wäre. Heute sind die Mausoleen wieder Teil des Stadtbildes, ihr Wiederaufbau war ein positives und einigendes Projekt zur Konsolidierung des Friedens.

Wir kooperieren mit dem Internationalen Strafgerichtshof und unterstützen bei dem aktuellen Prozess, bei dem ein mutmaßlicher Islamist wegen der Zerstörung der Mausoleen angeklagt ist.

Die Zerstörung von Kulturgütern ist ein Kriegsverbrechen, das aufgeklärt werden muss. Es ist das erste Mal, dass ein Angeklagter wegen eines Angriffs auf eine Welterbestätte an den Internationalen Strafgerichtshof ausgeliefert wurde. Das ist Gerechtigkeit für Mali und auch für die Identität und Geschichte der Menschen.

(Interview/Quelle: Deutsche Unesco)

Illegaler Handel

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Inschrift in den Tempelruinen von Palmyra, Syrien

Terrororganisationen wie der „Islamische Staat“ finanzieren sich zu großen Teilen von gestohlener Kunst. Raubgrabungen in Syrien und Irak haben ein industrielles Ausmaß erreicht. Deutschland gilt aufgrund seiner Gesetzeslage als Drehscheibe für den Verkauf.

Ein erheblicher Teil der sechs bis acht Milliarden Euro, die jährlich mit dem Handel von Antiken umgesetzt werden, dient dazu, Terror und organisierte Kriminalität zu finanzieren. In einem UN-Bericht vom Januar 2016 zur Gefahr der IS wurde explizit auf das Kulturerbe Bezug genommen. Demnach befinden sich inzwischen zahlreiche archäologische oder kulturelle Stätten unter der Kontrolle der IS, die die Kulturschätze als Finanzierungsinstrument nutzt.

Rund 25 Prozent der archäologischen Stätten in Syrien sind dem UN-Bericht zufolge von Plünderungen und Grabungsarbeiten betroffen. Gräberfelder in Syrien und dem Irak werden systematisch durchbohrt, um Kunstschätze zu ergattern. Weil die Gegenstände von ihrer Fundstelle entfernt werden, wird es unmöglich, ihre Herkunft und Zugehörigkeit eindeutig zu rekonstruieren. Damit geht ein Stück Kulturerbe unwiderbringlich verloren.

Dem Bericht zufolge konnten in Syrien in den vergangenen vier Jahren mehr als 6.000 Artefakte gesichert werden. Gleichwohl verzeichnen Behörden einen weiteren Anstieg der illegalen Verkäufe von Objekten. Zwar ist der Handel mit syrischen oder irakischen Kunstwerken laut UN-Resolution von 2015 weltweit verboten ist („Security Council Resolution“ Nr. 2199), doch wird weiterhin ein reger Handel betrieben mit Kunstwerken.

Vor allem kleine Artefakte wie Münzen oder Statuetten werden aus dem Land geschmuggelt und über Internetplattformen verkauft. Illegale Händler, die direkt oder indirekt mit der IS in Verbindung stehen, nutzen insbesondere soziale Medien, um Kunden zu finden und ihre Ware zu verkaufen.

„Deutschland ist zu einem wichtigen Umschlaggebiet für den illegalen Handel mit geraubter Kunst geworden. Wir brauchen eine breite gesellschaftliche Ächtung dieses Handelns.“ Sabine von Schorlemer, UNESCO-Lehrstuhl für Internationale Beziehungen, TU Dresden.

Um den illegalen Handel zu begrenzen, fordert der UN-Bericht zahlreiche Maßnahmen. In einem ersten Schritt sollen transnationale Organisationen besser vernetzt werden. Zudem müssten die internationalen Gesetze zur Bekämpfung von illegalem Handel stärker aufeinander abgestimmt werden. Ferner sollen Fachkräfte speziell auf das Thema „illegaler Handel“ trainiert und in den Behörden neues Personal eingesetzt werden.

Der UN-Bericht fordert, die Grenzkontrollen zu verstärken. Bislang seien viele Kontrollen nicht sorgfältig genug . Ziel sei es, gestohlene und illegal gehandelte Kunstwerke sicherzustellen, aber auch mögliche Verbindungen zur IS auszuloten und langfristig zu verhindern.

Um das Kulturerbe künftig besser schützen zu können, wird der Sicherheitsrat in dem UN-Bericht zudem aufgefordert, den Schutz des Kulturerbes künftig in humanitäre Aktionen mit einzubeziehen. Auch bei der Entwicklung von Sicherheitsstrategien, Terrorismusbekämpfung oder von Friedensprozessen müssten die Belange des Kulturerbes berücksichtigt werden, so der Bericht.


Zur Situation in Deutschland

Deutschland steht bei der Bekämpfung des illegalen Handels von Kulturgütern eher im Hintertreffen – bislang gab es fast keine Regulierung des Kunsthandels.

Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) hat inzwischen das Gesetz überarbeiten lassen, das 2016 in Kraft treten soll. Darin geht es um einen „Paradigmenwechsel“: Die Einfuhr von Kulturgut soll künftig streng überwacht werden. Angaben wie „aus einer Privatsammlung“ dürften dann nicht mehr ausreichen für den Verkauf einer antiken Vase.

Zum anderen soll Kulturgut aus Deutschland ab einer bestimmten Alters- und Wertgrenze künftig nur mit Ausfuhrgenehmigung exportiert bzw. verkauft werden dürfen. Wird das Objekt als „national wertvolles Kulturobjekt“ eingestuft, darf es nicht auf dem internationalen Markt verkauft werden.

Diese auf nationaler Ebene angestoßenen Reformen müssen laut Ministerin Grütters natürlich durch Maßnahmen auf europäischer Ebene gestützt werden. Notwendig seien „einheitliche Normen zum Schutz des Kulturerbes und einheiltiche Ein- und Ausfuhrbestimmungen auf europäischer Ebene“, so Grütters im April 2016.

Der Bundesverband Deutscher Galerien und Kunsthändler kritisierte das geplante Kulturgutschutzgesetz und erklärte, damit werde der „Kunstmarktstandort Deutschland“ gefährdet. In einem 8-Punkte-Programm forderte das „Aktionsbündnis Kulturgutschutz“ im Februar 2016 etwa eine Herabsetzung der „Sorgfaltsanforderungen“, zumal damit der Handel mit außereuropäischen Kunstobjekten in Deutschland „zum Erliegen“ komme.

notfalliste-600Immerhin: Deutschland hat erkannt, dass der illegale Handel des IS nur bekämpft werden kann mit eigenen Mitteln. Wenn der Verkauf von antiken Kulturschätzen kein lukratives Geschäft mehr ist und noch dazu drastisch geahndet wird, dann sinkt auch das Interesse.

Um auf das Thema aufmerksam zu machen, stellt der Internationale Museumsrat (ICOM) inzwischen eigene Flyer her, mit denen auf das gefährdete Kulturgut hingewiesen wird. Anfang 2016 erschien etwa die „Rote Liste der gefährdeten Kulturgüter des Irak“ in deutscher Sprache. Diese Liste ist kein Verzeichnis gestohlener Gegenstände; sie soll vielmehr helfen, Objekte zu erkennen und zu kategorisieren – wie etwa Tontafeln, Vasen, Stempel und Siegel, Skulpturen oder Münzen.


Gesetzliche Grundlage

Internationale Abkommen:

Das weitreichendste internationale Instrument gegen den illegalen Handel mit Kulturgut bildet das 1970 von der UNESCO verabschiedete „Übereinkommen über Maßnahmen zum Verbot und zur Verhütung der unzulässigen Einfuhr, Ausfuhr und Übereignung von Kulturgut“.

UNESCO-Konvention gegen illegalen Handel mit Kulturgut, 14. November 1970, deutsche Übersetzung

Der Bundestag hat am 18. Mai 2007 das „Gesetz zur Ausführung des UNESCO-Übereinkommens vom 14. November 1970 über Maßnahmen zum Verbot und zur Verhütung der rechtswidrigen Einfuhr, Ausfuhr und Übereignung von Kulturgut“ beschlossen. Das Gesetz ist Ende Mai 2007 in Kraft getreten.

Europäisches Recht:

Drei Verordnungen spielen hier eine Rolle:

EU-Verordnung über die Ausfuhr von Kulturgütern, Nr. 116/2009 vom 18. Dezember 2008

EU-Richtlinie über die Rückgabe von unrechtmäßig aus dem Hoheitsgebiet eines Mitgliedstaats verbrachten Kulturgütern, Nr. 93/7 vom 15. März 1993

EU-Richtlinie über die Rückgabe von unrechtmäßig aus dem Hoheitsgebiet eines Mitgliedsstaates verbrachten Kulturgütern und zur Änderung der Verordnung Nr. 1024/2012, Neufassung Nr. 2014/60 vom 15. Mai 2014.

Deutsches Recht:

Das Kulturgutschutzgesetz dient seit 1955 der Wahrung deutschen Kulturguts. Es regelt die Eintratung von national wertvollem Kulturgut in das jeweilige Verzeichnis des zuständigen Bundeslandes. Eingetragenes Kulturgut darf nur mit Genehmigung des Kulturministeriums ausgeführt werden.

Gesetz zum Schutz deutschen Kulturgutes gegen Abwanderung, 1955

Kulturgüterrückgabegesetz – KultGüRückG, 18. Mai 2007

Deutschland hat am 30. November 2007 das von der UNESCO verabschiedete „Übereinkommen über Maßnahmen zum Verbot und zur Verhütung der unzulässigen Einfuhr, Ausfuhr und Übereignung von Kulturgut“ als 115. Staat unterschrieben.

Um den Schutz von Kulturgut besser zu stärken, will die Bundesregerung die bisher bestehenden Gesetze in einem neuen, einheitlichen Gesetz zusemmenführen. Das Bundeskabinett hat dem Gesetzentwurf am 4. November 2015 zugestimmt. Anfang Februar 2016 wurden einzelne Vorschläge gemacht. In bestimmten Punkten besteht noch Prüfbedarf im parlamentarischen Verfahren. Das Gesetz soll in der ersten Jahreshälfte 2016 in Kraft treten. Der Entwurf eines Gesetzes zur Neuregelung des Kulturgutschutzrechts, Stand 14. September 2015, Referentenentwurf nach der ersten Runde der Ressortabstimmung:

Kulturschutzrechtgesetz, Referentenentwurf, 14. September 2015.

Zukunft

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Amphitheater in Bosra, Syrien

Die Unesco hat eine Reihe von Maßnahmen und Aktivitäten gestartet, die das Kulturerbe schützen und bewahren helfen sollen. Jeder von uns kann dazu beitragen, die Kulturstätten zu schützen.

Kampagne: #United4Heritage

instagram_heritage-333x333Die Kampagne #Unite4Heritage versteht sich als globale Bewegung zum Schutz des Weltkulturerbes und wurde 2015 von der Unesco ins Leben gerufen. Sie will die Aufmerksamkeit auf bedrohte Kunstwerke lenken und eine breite Öffentlichkeit dazu animieren, sich für das Kulturerbe einzusetzen: www.unite4heritage.org.

 

Sieben Ideen und Anregungen zur Unterstützung der Kampagne:

1. Kampagne über Social-Media-Kanäle unterstützen
Poste das Logo auf Facebook, Twitter oder Instagram und darin erklären, was Kulturerbe bedeutet und warum es wichtig ist, die Kunstschätze zu bewahren.

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2. Dokumentiere das kulturelle Erbe in deiner Umgebung
Besuche die Stätten des Weltkulturerbes in deiner Nähe! Finde Weltkulturerbestätten oder besuche die Internetseiten, die sich mit dem Thema beschäftigen. Überlege, welchen Beitrag zum Schutz des Kulturerbe du leisten könntest.

3. Organisiere ein #Unite4Heritage Event
Plane und organisiere mit Freunden oder Arbeitskollegen eine Veranstaltung zum Weltkulturerbe. Überlege, ob du einen Vortrag organisieren kannst oder ein Museum zur Mitarbeit bewegen kannst. Informiere die UN über die Aktivitäten, damit diese im Veranstaltungskalender aufgenommen werden.

4. Erkläre deinen Lokalpolitikern und Ministern, warum Kulturerbe wichtig ist
Sei ein Anwalt für die Initiative #Unite4Heritage. Sorge für Pressearbeit in deiner Region; fordere von Lokalpolitikern, Ministerien und Verantwortlichen, dass sie sich für Kulturgut einsetzen.

5. Übernehme eine Ehrenamt zum Schutz von Kulturgut
Suche den Kontakt zu Kulturinstitutionen oder Einrichtungen zum Schutz von Kulturerbe in deiner Gegend. Informiere dich über das englischsprachige Freiwilligenprogramm für das Weltkulturerbe, mit dem du einen Einsatz in einem anderen Land absolvieren kannst.

6. Spenden für den „Kulturerbe-Notfonds“
Wer die Rettung von aktuell bedrohten Kultuerbestätten unterstützen möchte, überweist eine Spende an den Heritage Emergency Fonds.


Digitalisate

Zu den vielversprechenden neuen Verfahren der Unesco gehört die Idee, das Weltkulturerbe zu digitalisieren. Eine Datenbank mit Fotografien, Dokumenten und weiteren Unterlagen zum jeweiligen Objekt wird schon seit vielen Jahren gepflegt.

Aufgrund der schwierigen politischen Lage in Syrien und im Irak wurde in den letzten Jahren verstärkt an einem neuen System gearbeitet. Das Projekt “Emergency Safeguarding of the Syrian Cultural Heritage” zielt auf mehrere Bereiche. Das Teilprojekt Anqa setzt auf moderne technischen Verfahren: Mit Hilfe von 3D-Technologie sollen die Kunstwerk digitalisiert und in einer Datenbank erfasst werden.

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Training von Fachkräften im Sursock Museum in Beirut, Februar 2016. Foto: Unesco

Das Projekt ist spezialisiert auf das Training von technischen Experten aus der Region. Im Januar 2016 wurden die ersten Mitarbeiter in Beirut geschult – wie etwa Ingenieure und Architekten. Diese sollen wiederum Mitarbeiter vor Ort in das Digitalisierungs-System einführen.

Das Digitalisierungsprojekt Anqa wird von einem internationalen Konsortium unterstützt, zu dem unter anderem die ICOMOS (International Council on Monuments and Sites), CyArk (eine Nonprofit-Organisation mit dem Ziel, eine kostenlose 3D-Online-Bibliothek zu gründen) und ist Teil des UNESCO-Projekts zum Schutz des syrischen Welterbes (International Observatory of Syrian Cultural Heritage).

Das Forschungsprojekt ILLICID wurde 2015 ins Leben gerufen. Es will vor allem den illegalen Handel in Deutschland untersuchen. Dafür vernetzen sich Einrichtungen wie die Stiftung Preußischer Kulturbeseitz, das Deutsche Archäologische Institut, das Bundeskriminalamt und das Zentrum für Europäische Straftrechtsstudien. Gemeinsam wollen die Mitarbeiter Daten und Fakten sammeln über den illegalen Handel mit Kulturgütern in Deutschland.

Langfristig soll eine bundesweite Datenbank zur systematischen Dokumentation von legal und illegal gehandeltem Kulturgut eingerichtet werden. Weiterhin sollen Handlungsempfehlungen für Akteure im Bereich des Kulturgüterhandels formuliert und verbreitet werden.


Satelliten und Drohnen

Auch aus der Luft sollen die Kultur- und Naturschätze künftig gesichert werden. Unesco und UNITAR (das UN-Institut für Training und Forschung) wollen die Welterbestätten künftig mit Satellitentechnik überwachen und sichern helfen. Der Name des Projekts: Operational Satellite Applications Programme (UNOSAT).

Das Projekt soll die Zusammenarbeit von Organisationen und Staaten insbesondere in Konfliktsituationen oder Naturkatastrophen verbessern helfen. Satellitenbilder sind in Zeiten der Not oft die einzige sichere Informationsquelle. Sie helfen der internationalen Gemeinschaft, die Situation vor Ort richtig einzuschätzen und Nothilfeprojekte zu planen.

Bestes Beispiel für diese Zusammenarbeit ist ein Bericht über das Weltkulturerbe in Syrien. Die Satellitenbilder von UNITAR-UNOSAT offenbarten das wahre Ausmaß der Zerstörung des Weltkulturerbes und bestätigte viele Informationen, die bis dahin nur über inoffizielle Quellen belegt worden waren.

Zu den weiteren technischen Geräten, die inzwischen eingesetzt werden, gehört die Crowd-Sourcing-App UN-ASIGN, die erfolgreich nach dem Erdbeben in Nepal eingesetzt werden konnte. Auch der Einsatz von Drohnen gehört inzwischen zum Instrumentarium der Unesco. Die technischen Hilfsmittel werden kombiniert mit Geografischen Informationssystemen (GIS) und aktuellen Webtechnologien. Ziel der Unesco ist es, das Management und den Schutz des Weltkulturerbes damit noch weiter voranzubringen.


Wiederaufbau

Kulturstätten sind mit kollektiver Erinnerung, mit Heimat und Verortung, mit Gemeinschaft und Gemeinsinn verbunden. Aus diesem Grund gibt es einige Initiative und Projekte, die sich für den Wiederaufbau von zerstörten heiligen Gebäuden oder Einrichtungen einsetzen.

In Timbuktu, Mali, haben sich die Bewohner dafür eingesetzt, zumindest einen Teil der 14 zerstörten Mausoleen in mühevoller Kleinarbeit wieder aufzubauen. Die historischen Gebäude in der Altstadt von Timbuktu waren 2012 von Islamisten zerstört worden.

Die Mausoleen gehören zum Unesco-Weltkulturerbe und dienten der Heiligenverehrung. In den Kulturstätten befanden sich die sterblichen Überreste islamischer Gelehrter.

Anfang Februar 2016 wurden die Mausoleen Sheik Baber Baba Idjé und Sheik Mahamane Al Fullani wieder eröffnet. Es war der feierliche Abschluss einer langen Geschichte des Wiederaufbaus.


Das Storytelling-Projekt „Kunst in Zeiten des Krieges“ umfasst drei Teile. Lesen Sie hier weiter:

Teil 1: „Kunst in Zeiten des Krieges – Weltkulturerbe-Interviews“

Teil 2: „Kunst in Zeiten des Krieges – Die Künstler“


Impressum:
„Tutzinger Thesen“ – ein Format der Evangelischen Akademie Tutzing.

Eine Produktion des Evangelischen Presseverbands für Bayern e.V. (EPV).
Kamera: Alexander Hirl.
Redaktion: Rieke C. Harmsen (verantwortlich).
www.epv.de

Wir freuen uns über Ihr Feedback: cme@epv.de.

Tutzing, im April 2016.

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