Bei der Kanzelrede der Evangelischen Akadamie Tutzing und des Freundeskreises der Akademie halten ausgewählte nichtordinierte Laien einen Vortrag über ein bestimmtes Thema. So wie die kirchlichen Akademien in Tagungen und Seminaren aus dem Spannungsbogen von Gott und Welt Funken schlagen, setzt die Kanzelrede einen kräftigen rhetorischen Einzelakzent. Dabei können ihr die deutliche Sprache und der Bekennermut der protestantischen Predigt-Tradition in besonderer Weise zugute kommen.

Die Kanzelrede zeigt: Kirche öffnet sich der Welt

Die Kanzelrede unserer Zeit findet ihr Thema in jedem ernsthaft diskutablen Feld unseres gegenwärtigen geistigen, politischen, sozialen und kulturellen Lebens. Als mediales Ereignis heben sich Kanzelreden schon deshalb vom Üblichen ab, weil sie sich als engagierte Darstellung einer Persönlichkeit präsentieren, die für ihre Sache einsteht und somit Verantwortung übernimmt.

Wir laden Sie herzlich ein in die Erlöserkirche – das nächste Mal am Sonntag, 8. Oktober um 11.30 Uhr mit Kabarettist Christian Springer!

Udo Hahn
Direktor der Evangelischen Akademie Tutzing

Brigitte Grande
Vorsitzende des Freundeskreises der Evangelischen Akademie Tutzing


Was ist die Kanzelrede?

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Schauplatz der Kanzelrede: Die Erlöserkirche in München
Schauplatz der Kanzelrede: Die Erlöserkirche in München

EAT Archiv/Oryk Haist

Die Kanzelrede ist eine gemeinsame Veranstaltung der Evangelischen Akademie Tutzing und des Freundeskreises der Akademie. Sie wurden 1997 von dem damaligen Akademiedirektor Friedemann Greiner und dem damaligen Freundeskreisvorsitzenden Jürge Kolbe ins Leben gerufen und findet seitdem regelmäßig in der Erlöserkirche in München-Schwabing statt.

Was bedeutet Kanzelrede?

Die Kanzelrede – so sagt es die Definition – ist eine Sprachform, die zwischen Predigt und Vortrag angesiedelt ist. Ihr Ort ist nicht der Gottesdienst, wohl aber der Kirchenraum. Nichtordinierte Laien sprechen zu einem Thema ihrer Wahl. Die besondere Ortschaft der Kirche zeigt den ethischen Umkreis und die theologische Dimension an, der sich der Kanzelredner oder die Kanzelrednerin verpflichtet oder zumindest nahe fühlt, so weit er oder sie sich auch von der formalen und inhaltlichen Bindung der Predigt entfernen mag. Die Gestaltung von Welt und Gesellschaft entspringt dem biblischen Auftrag. Jeder und jede ist unverzichtbar, seinen oder ihren spezifischen Beitrag zu leisten.


Wer hält die Kanzelrede?

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Akademiedirektor Udo Hahn hält das Grußwort bei der Kanzelrede
Akademiedirektor Udo Hahn hält das Grußwort bei der Kanzelrede

EAT Archiv/Oryk Haist

Bei der Kanzelrede in der Münchner Erlöserkirche referieren ganz unterschiedliche Menschen aus den Bereichen Politik, Kultur, Medien, Religion, Wissenschaft und Bildung. Seit 1997 waren insgesamt 49 Personen als Rednerinnen und Redner zu Gast, darunter zwölf Frauen. Charlotte Knobloch ist die einzige Rednerin, die zwei Mal gesprochen hat. Felix Finkbeiner war bisher der einzige minderjährige Redner.

Wer in 20 Jahren Kanzelrede zu Gast war


Worum geht es in der Kanzelrede?

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Die Referentinnen und Referenten dürfen ihr Thema frei wählen. Oft hat die Rede inhaltlich mit einem Bereich zu tun, mit dem sie beruflich zu tun haben oder für den sie sich ehrenamtlich besonders engagieren. Dabei sind in den vergangenen 20 Jahren ganz unterschiedliche Themen zur Sprache gekommen.

Eine Auswahl der Themen und Thesen, gespickt mit Links zu Video-Aufnahmen der gesamten Rede, dem digitalisierten Redemanuskript oder gedruckten Auszügen davon, finden Sie im Folgenden.

Worüber bisherige Redner in der Erlöserkirche gesprochen haben

BILDUNG

Mit der Präsidentin des Bayerisch Lehrer- und Lehrerinnenverbands Simone Fleischmann hat erstmals eine Lehrerin die Kanzelrede gehalten. Sie forderte Politik und Gesellschaft auf, die Aufgaben von Schule sehr viel ernster zu nehmen und sie besser mit Zeit, Geld und Lehrkräften auszustatten.

"Die Schule entscheidet über die Zukunft der Gesellschaft."

Die ganze Rede ist zu sehen in der Mediathek von BR-Alpha.

MEDIEN

Der Münchner Verleger Dirk Ippen hat in seiner Kanzelrede 2016 eine zunehmend gleichförmige Presselandschaft beklagt. Der Besitzer der Zeitungsgruppe Ippen, die zu dem Zeitpunkt mehr als zehn Blätter und eine Auflage von über 800.000 Exemplaren vereinte, kritisierte, dass die Redaktionen nur bestimmte Themen, die gerade aktuell sind, bearbeiteten. Andere Themen, die nicht im Trend der Zeit liegen, blieben dagegen unbeachtet.

"Was aber nützt uns die ganze schöne Pressevielfalt, wenn letzten Endes alle von Flensburg bis Garmisch über dasselbe schreiben und auch dieselben Themen auslassen?"

Sie möchten den ganzen Vortrag sehen? Dann schauen Sie sich den Mitschnitt von BR Alpha in der Sendreihe „Denkzeit“ im Internet an.

KIRCHE

Die Synodenpräsidentin der Evangelisch-lutherischen Kirche in Bayern, Annekathrin Preidel widmete sich in ihrem Vortrag 2016 der Reformation. Dabei bezog sie sich auf das Lied „Wind of Change“ der Scorpions, das als „Hymne der Wende“ in Deutschland bekannt wurde. Wie nach dem Mauerfall habe der Wind der Veränderung vor 500 Jahren der damaligen Zeit und Kirche ins Gesicht geblasen, sagte die Theologin. Der Geist der Veränderung sei gewissermaßen Motto der Reformation. Sie mahnte aber auch an, dass ständige Veränderungen anstrengend seien:

"Wem der Wind of Change all zu heftig ins Gesicht bläst, kann ja durchaus auf den Gedanken verfallen, ihm den Rücken zuzukehren, eine Kehrtwende zu vollziehen und sich auf den Rückweg zu machen."

Die Kanzelrede hat der Bayerische Rundfunk mitgeschnitten. In der Mediathek können Sie sie ungekürzt angucken.

GESCHICHTE

Die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, Charlotte Knobloch, referierte im November 2014 zu dem Moto „Nie wieder!? Geschichte prüft uns in der Gegenwart„. Bei der Veranstaltung wurde sie mit dem „Tutzinger Löwen“ geehrt, einer Auszeichnung, die an Personen aus Politik, Kultur, Wissenschaft und Medien vergeben wird, die sich in besonderer Weise verdient gemacht haben.

In ihrem Vortrag ging sie auf das „Supergedenkjahr“ 2014 ein, in dem der Beginn Erste Weltkriegs 100 Jahre, der Beginn des Zweiten Weltkriegs 75 Jahre und der Mauerfall 25 Jahre her ist. Dabei wies die ehemalige Präsidentin des Zentralrats der Juden auf die Auswirkungen der Ereignisse auf die heutige Welt hin.

"Unsere Gesellschaft, unsere Demokratie lebt von Zivilcourage. Sie lebt von dem Willen und der Bereitschaft jedes Einzelnen, diesen Staat, das Funktionieren unseres Miteinanders als seine Aufgabe zu begreifen."

Knobloch ist die einzige Redner, die schon zwei Mal eine Kanzelrede in der Erlöserkirche in München gehalten hat.

GERECHTIGKEIT

Der Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) Bayern, Matthias Jena, hat sich in seiner Kanzelrede 2012 mit dem Mindestlohn auseinandergesetzt. Dazu befasste er sich mit dem Gleichnis der Arbeiter im Weinberg (Matthäus, 20,1-16), in dem der Weinbergbesitzer seinen Arbeitern genau das gebe, was sie zum Leben benötigten. In der biblischen Geschichte werde ein völlig anderer Gerechtigkeitsbegriff deutlich als er heute üblich sei: „Nicht ‚jedem nach seiner Leistung‘ gilt hier, sondern ‚jedem so viel, wie er und die Seinen zum Leben brauchen‘ – und zwar bedingungslos“, unterstrich Jena.

"Es sind nicht alle gleich, und es brauchen nicht alle das Gleiche, aber - und darum geht es in diesem Gleichnis - alle sollen genug zum Leben haben."

ETHIK

Die frühere Präsidentin des bayerischen Verfassungsgerichtshofes, Hildegund Holzheid, hat bei ihrer Kanzelrede 2011 ihr Votum für die eingeschränkte Zulassung der Präimplantationsdiagnostik (PID) im deutschen Ethikrat verteidigt. Mithilfe der PID ist es Paaren in Zukunft in Einzelfällen möglich, vor dem Einsetzen der befruchteten Eizellen diese auf schwere Erbkrankheiten und Sterblichkeit untersuchen zu lassen. Da aber keine Suche nach erwünschten Merkmalen erlaubt sei, sei keine Gefahr für das Entstehen von sogenannten Designerbabys gegeben, betonte Holzheid, die von 2008 bis 2012 Mitglied des Rates war. Der Ethikrat sei zwar zu keinem einheitlichen Ergebnis bezüglich der PID gekommen, allerdings sei es seine Aufgabe, verschiedene Aspekte eines Problems zu beleuchten und nicht, sie zu lösen.

„Ethik verlangt nach Diskussion, nach Kommunikation.“

GESELLSCHAFT
Der Ressortleiter für Innenpolitik der Süddeutschen Zeitung, Heribert Prantl, hat in seiner Kanzelrede 2010 ein Plädoyer für eine tolerante, gerechte und lebenswerte Gesellschaft gehalten. Unter der Frage „In was für einer Gesellschaft wollen wir leben?“ rief er zu mehr Respekt und Haltung im Zusammenleben auf.

"Haltung ist das, was einer Gesellschaft Halt gibt."

ANTISEMITISMUS

Der damalige stellvertretende Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Michel Friedman, hat in seiner Kanzelrede 2002 gegen Hass und wachsenden Antisemitismus in Deutschland aufgerufen. Friedmann appellierte an die Menschen, sich für eine selbstverantwortete Gesellschaft zu engagieren. „Wenn wir eine humane und zivilisierte Welt aufbauen wollen, dann müssen wir bei uns selbst beginnen“, sagte er. Benötigt werde daher eine politische Gesellschaft, in der Streit nicht eine Last, sondern Voraussetzung für die Entstehung einer neuen Kultur sei.

"Zivilisation ist etwas sehr Anstrengendes, Baberei ist etwas Tödliches."

ÖKUMENE

Die damalige Bundestagsvizepräsidentin Antje Vollmer beschwor in ihrer Kanzelrede im Jahr 2000 die Einheit der christlichen Kirchen. Die Grünen-Politikerin rief die Gläubigen dazu auf, sich gegenseitig in den Kirchen der jeweiligen anderen Konfession zu besuchen und die entsprechenden evangelischen und katholischen Regeln und Gebräuche mitzumachen.

"Wir werden uns kennen lernen und wir sollten ab dann sehr viel mehr zusammen tun als die Führungen der Kirchen uns allen bisher zutrauen."

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Kanzelrede-1998-compressor
Ankündigung der ersten Kanzelrednerin 1997.

EAT Archiv


Wann und wo ist die nächste Kanzelrede?

Sonntag, 08. Oktober 2017

Kanzelrede – mit Kabarettist Christian Springer

11.30 Uhr

VERANSTALTUNGSORT

Erlöserkirche an der Münchner Freiheit, München-Schwabing
Germaniastraße 4
80802 München-Schwabing

ANFAHRT

  • In München mit der U-Bahn U 3 und U 6, dem MetroBus 53 und 54, der Tram 23
  • oder mit dem Stadtbus N40, N41, N42 bis Haltestelle Münchner Freiheit.
  • Die Kirche ist von der Ungererstraße her für Rollstuhlfahrer zugänglich.
  • Gegenüber der Erlöserkirche gibt es für Autofahrer einen gebührenpflichtigen Parkplatz an der Münchner Freiheit.

Der Eintritt ist frei.

Den Einladung zur Veranstaltung und mehr Informationen über den Redner Christian Springer finden Sie hier.


Impressum

Das Multimedia-Format „Tutzinger Thesen“ wird herausgegeben von der Evangelischen Akademie Tutzing.

Produktion & Projektleitung:
Rieke C. Harmsen, Leitung Abteilung Crossmedia im Evangelischen Presseverband für Bayern

Ansprechpartner „Kanzelrede“:
Udo Hahn, Akademiedirektor, Referat Theologie, Politik, Ökumene, Medien
Brigitte Grande, Vorsitzende des Freundeskreises der Evangelischen Akademie Tutzing e. V.

Redaktion:
Katharina Hamel, Rieke C. Harmsen
Schreiben Sie uns Ihr Feedback: rharmsen@epv.de.

Bilder:
Foto-Archiv der Evangelischen Akademie Tutzing

Tutzing, im Oktober 2017.