Helden unserer Zeit? – Ein Projekt der Evangelischen Akademie Tutzing,
gefördert von Auswärtigem Amt und Bundeszentrale für politische Bildung

Die Welt ist aus den Fugen. Viele Menschen sehnen sich nach Sicherheit und Klarheit. Helden scheinen wieder Konjunktur zu haben. Mit besonderem Blick auf Osteuropa und im Dialog mit Autoren nähert sich das Projekt in zwei Teilen historischen Vorbildern, Helden des Alltags und neuen Heldinnen an. Es fragt nach Funktion, Identitätsstiftung und Instrumentalisierung des Helden in Krisenzeiten, und erörtert die Kontexte und Narrative erfolgreicher Heldenerzählungen. Kuratiert und organisiert wurde das Projekt von Judith Stumptner und Kateryna Stetsevych.

Judith Stumptner, stellvertretende Direktorin der Evangelischen Akademie Tutzing, Studienleiterin für Kunst, Kultur, Bildung, Digitales, Social Media

Kateryna Stetsevych, Kulturgenossenschaft e.V.


Teil 1 des Projekts „Helden unserer Zeit?“: Studienreise mit AutorInnen nach Kiew

Kiew - Stadt der Helden?

Unter diesem Motto stand der erste Teil des Projekts „Helden unserer Zeit?“, das in der gleichnamigen Tagung Anfang Dezember seine Fortsetzung findet. Mit sechs AutorInnen aus Deutschland, der Ukraine, Russland und Belarus sind wir zu einer Studienreise nach Kiew aufgebrochen, um in der Erkundung der Stadt, im Nachspüren aktueller gesellschaftlicher und politischer Entwicklungen sowie im Gespräch mit ganz unterschiedlichen Menschen der Frage nach der „Stadt der Helden“ nachzugehen.

Themen, die zur Sprache kamen, waren dabei zum Beispiel die „Maidan Hero City“, die als Helden verehrten „Himmlischen Hundert“, die wichtigsten Orte der „Revolution der Würde“ und die daraus resultierenden gesellschaftlichen wie politischen Entwicklungen. Beim Besuch des World War II Museums ging es angesichts der Darstellung nationaler Geschichte um die Frage, wie Helden entstehen, welche Funktion sie im Krieg erfüllen und wie ihre gesellschaftliche Bedeutung  über Jahrzehnte hinweg fortgeschrieben wird.

Kriegshelden, Revolutionshelden und Heldenerzählungen

Gegenstand eines Gesprächs mit dem Künstler Mykola Ridnyj war die Frage nach dem Umgang mit „Helden“ in der eigenen Familie und bei der Begegnung mit Serhii Leshchenko (Parlamentsmitglied im Block Poroschenko) sowie Daria Kaleniuk (Anti Corruption Action Center) drehte sich die Diskussion um den harten Kampf gegen die allgegenwärtige Korruption. Die Besichtigung der Redaktion von Hromadske TV, einem der jungen unabhängigen Fernsehsender und das Gespräch mit dessen Leiterin Angelina Kariakina über die Herausforderungen und Ziele ihrer Arbeit, rundeten die Reise ab.

Die Eindrücke von nationalen Kriegshelden, aktuellen Revolutionshelden und den Kiewer Helden des Alltags verarbeiteten die mitreisenden AutorInnen in Texten – Gedichten, Prosatexten, Essays. Sie finden die Arbeiten von Anja Kampmann, Sascha Reh, Volja Hapeyeva, Victor Martinowitsch, Alissa Ganijewa und Ostap Slyvynsky nachfolgend, gerahmt von einem einführenden Text des Wissenschaftlers Zaal Andronikashvili.

Wir wünschen Ihnen viel Freude bei der Lektüre hier auf der Seite! Persönlich vorgestellt wurden die Arbeiten am Samstag, den 2. Dezember, im Rahmen unserer Tagung in Tutzing.


Heldenerzählungen - Eine literarische Auseinandersetzung

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©Ekaterina Zershikova-Maus

Einführende Gedanken von Zaal Andronikashvili

Dr. Zaal Andronikashvili, Literaturwissenschaftler, Zentrum für Literatur- und Kulturforschung, Berlin


Alissa Ganijewa – Ohne Titel

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© Ekaterina Zershikova

Alissa Ganijewa ist eine Autorin aus dem Süden Russlands und Absolventin des Maxim-Gorki-Literaturinstituts in Moskau. Ihre erste lange Erzählung mit dem Titel „Salam Dalgat!“ veröffentlichte sie unter männlichem Pseudonym und gewann damit 2009 den russischen Debut Prize. Ihre folgenden Romane „Die russische Mauer“ (Suhrkamp Verlag, 2014) und „Eine Liebe im Kaukasus“ (Suhrkamp Verlag, 2016) wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt und für mehrere Preise nominiert.

Die Grenze zwischen guten und bösen Helden ist fließend, sagt Autorin Alissa Ganijewa. Warum das so ist - und wieso sie eigentlich lieber über ganz normale Menschen schreibt, erklärt sie im Video-Interview.

Volja Hapeyeva – Schwarzer Apfelbaum

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©Ekaterina Zershikova

Dr. Volja Hapeyeva (*1982, Minsk/Weißrussland) ist Lyrikerin, Linguistin und Übersetzerin. Sie hat an diversen Literaturfestivals teilgenommen, mehere Preise in Weißrussland gewonnen und Stipendien in Österreich, Deutschland und Lettland absolviert. Ihr Arbeiten wurden in mehr als zehn Sprachen übersetzt. Sie schreibt auch für Kinder. Ihr neustes Buch trägt den Titel „The Grammar of Snow“ (2017). Hapeyeva ist außerdem Mitglied der Schriftstellervereinigung PEN.

Lyrikerin Volja Hapeyeva erläutert im Interview unter anderem, warum es weibliche Helden schwerer haben als männliche und wieso es mehr Helden als Heldinnen gibt.

Anja Kampmann – Die Leere auf den Polstern

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©Ekaterina Zershikova

Anja Kampmann (*1983, Hamburg) ist Lyrikerin und Schriftstellerin. Sie studierte in Hamburg und Leipzig und war 2010 Stipendiatin des „International Writing Program“ der Universität Iowa/USA. Ihr Lyrik-Debüt trägt den Titel „Proben von Stein und Licht“ (Carl Hanser Verlag, 2016), ihr erster Roman „Wie hoch die Wasser steigen“ erscheint Anfang 2018. Kampmann wurde mit zahlreichen Preise geehrt und arbeitet an einer Dissertation zu Stille und Musikalität im Spätwerk Samuel Becketts.

Lyrikerin Anja Kampann erklärt im Video-Interview, welche kulturellen Unterschiede es bei Heldenerzählungen gibt.

Viktor Martinowitsch – Heroes on pizza delivery

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© Ekaterina Zershikova

Dr. Viktor Martinowitsch(*1977, Oshmiany/Weißrussland) ist Schriftsteller und außerordentlicher Professor an der European Humanities University in Vilnius/Litauen. Er hat fünf Romane geschrieben, „Mova“ (Voland und Quist, 2016) und „Paranoia“ (BTB, 2017) wurden auch ins Deutsche übersetzt.

Heldenbilder werden zu oft für Propaganda-Zwecke genutzt, sagt Schriftsteller Viktor Martinowitsch. Warum es trotzdem wichtig ist, Grundschülern Heldengeschichten zu erzählen, erklärt er im Interview.

Sascha Reh – Propagandamaschine

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© Ekaterina Zershikova

Sascha Reh (*1974, Duisburg) schreibt überwiegend Prosa. Er studierte Geschichte, Philosophie und Germanistik in Bochum und Wien. Nach dem Magisterabschluss absolvierte er eine Ausbildung zum Systemischen Familientherapeuten. Mit seinem Romandebüt „Falscher Frühling“ (btb, 2010) war er 2007 Stipendiat der Autorenwerkstatt Prosa des Literarischen Colloquiums Berlin. Sein letzter Roman „Gegen die Zeit“ (Schöffling & Co, 2015) war 2015 für den Alfred-Döblin-Preis nominiert.

Schriftsteller Sascha Reh erklärt unter anderem, warum er den Begriff Helden für überholt hält und welche Rolle Helden in seinen Büchern spielen.

Ostap Slyvynsky – Helden-ABC

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© Ekaterina Zershikova

Ostap Slyvynsky (*1978, Lemberg/Ukraine) ist Lyriker, Übersetzer, Literaturkritiker und Literaturwissenschaftler. Er hat zahlreiche Gedichtbände herausgebracht und erhielt unter anderem den Hubert-Burda-Preis für junge osteuropäische Lyrik. Slyvynsky ist Co-Autor von „Awesome Lviv“, einem alternativen Reiseführer für Lemberg. Derzeit lehrt er an der Lviv National University und der Ukrainischen Katholischen Universität slawische Gegenwartsliteratur.

Lyriker Ostap Slyvynsky spricht im Video unter anderem über die neuen Helden der Ukraine, die während der Maidan-Proteste 2013 und 2014 entstanden sind, und erklärt, warum der Begriff "Heavenly Hundred" nicht ganz passend ist.

Serhij Zhadan – Die Unheldenhaften

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© Ekaterina Zershikova

Serhij Zhadan (*1974, Luhansk/Ukraine) ist Schriftsteller. Er debütierte als 17-Jähriger und publizierte inzwischen zwölf Gedichtbände und sieben Prosawerke. Für Die Erfindung des Jazz im Donbass wurde er mit dem Jan-Michalski-Literaturpreis und mit dem Brücke-Berlin-Preis 2014 ausgezeichnet (zusammen mit Juri Durkot und Sabine Stöhr). Die BBC kürte das Werk zum „Buch des Jahrzehnts“. In seinem neusten Werk „Warum ich nicht im Netz bin“ (Suhrkamp, 2016) veröffentlichte er Prosa und Gedichte über den Krieg in der Ostukraine. Zhadan promovierte über den ukrainischen Futurismus.


Teil 2 des Projekts „Helden unserer Zeit?“: Öffentliche und interdisziplinäre Tagung in Tutzing

Die Tagung "Helden unserer Zeit?"

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„Helden unserer Zeit?“ hieß die Tagung, die vom 1. bis 3. Dezember an der Evangelischen Akademie Tutzing stattfand. Neben den Autoren waren Historiker, Literaturwissenschaftler und Osteuropa-Experten vor Ort, um sich ausführlich mit dem Thema Helden zu befassen. Das Programm, Tagungsmaterial der Referenten, Video-Interviews mit ausgewählten Experten und vieles mehr finden Sie auf dieser fortführenden Website.


Kooperationspartner und Förderer


Impressum

Das Multimedia-Format „Tutzinger Thesen“ wird herausgegeben von der Evangelischen Akademie Tutzing.

Produktion & Projektleitung:
Rieke C. Harmsen, Leitung Abteilung Crossmedia im Evangelischen Presseverband für Bayern

Studienleitung:
Judith Stumptner, Evangelische Akademie Tutzing
Kateryna Stetsevych, Kulturgenossenschaft e.V.

Redaktion:
Katharina Hamel und Rieke C. Harmsen
Frank Heinig (Kamera), Anja Schürenberg (Schnitt), Ekaterina Zershikova-Maus (Bilder)

Wir freuen uns über Ihr Feedback und Hinweise: rharmsen@epv.de.

Tutzing, im Dezember 2017.