Gewalt: Entgrenzungen und Einhegungen

Terror, Amokläufe, Kriege: Die Gewalt ist überall und sie scheint immer näher zu kommen. Auf einer Tagung in Tutzing wird deutlich, worauf es bei diesem Thema ankommt.

Studienleiterin Dr. Ulrike Haerendel erklärt im Interview, weshalb es so wichtig ist, sich mit dem Thema Gewalt zu beschäftigen.

Dr. Ulrike Haerendel, Studienleiterin der Evangelischen Akademie Tutzing, im Interview zum Thema Gewalt.

Monika Franz, Bayerische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit, erläutert, wie Bildungsarbeit in Sachen Gewalt aussehen kann.

Monika Franz, Bayerische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit

Gewalt in der Geschichte

Das 20. Jahrhundert gilt als das blutigste der Menschheitsgeschichte. In seinem Buch „Gewalt – Eine neue Geschichte der Menschheit“ sortiert der Psychologe Steven Pinker 21 von Gewalt geprägte Ereignisse seit dem 3. Jahrhundert neu. Seine Einstufung richtet sich danach, wie hoch die Opferzahlen gewesen wären, wenn die Bevölkerungszahl zur jeweiligen Zeit schon so hoch gewesen wäre wie Mitte des 20. Jahrhunderts. Unser Zeitstrahl stellt die wichtigsten Ergebnisse von Steven Pinker vor.

Zu den von ihm verwendeten Opferzahlen erklärt Steven Pinker in „Gewalt – Eine neue Geschichte der Menschheit“ (2011): „Bei den Opferzahlen handelt es sich jeweils um den Medianwert oder Modus der Zahlen, die in einer langen Reihe historischer Werke und Enzyklopädien genannt werden. Eingeschlossen sind nicht nur die Toten auf dem Schlachtfeld, sondern auch indirekte Todesfälle unter Zivilisten, die auf Hunger und Krankheit zurückzuführen sind; die Angaben liegen deshalb beträchtlich höher als Schätzungen für die Zahl der unmittelbaren Kriegstoten, das aber einheitlich für Ereignisse aus jüngerer und früherer Zeit.“

Als Basis für seine Einordnungen dient Pinker eine Skala von Matthew White („Selected Death Tolls for Wars, Massacres and Atrocities Before the 20th Century“).


Gewalt: Entgrenzungen

Paris, Brüssel, Nizza, Würzburg, München, Ansbach: Die Gewalt scheint in den vergangenen Monaten näher gerückt zu sein. Vor allem die Verunsicherung angesichts des Terrors des selbst ernannten Islamischen Staats ist groß. Gewalt – Entgrenzungen und Einhegungen lautete im November 2016 der Titel einer Tagung der Evangelischen Akademie in Tutzing in Kooperation mit der Bayerischen Landeszentrale für politische Bildungsarbeit.

Wie kann man sich Themen wie Völkermord, Krieg, Terrorismus und Amokläufen nähern, ohne das Unbehagen zu verstärken? In Tutzing waren Politikwissenschaftler, Historiker, Psychologen und Medienwissenschaftler geladen. Es sollte um Fakten gehen, denn die sind wichtig in einer Debatte, die im Moment vor allem von gefühlten Wahrheiten bestimmt wird. Es sollte nicht darum gehen, Ängste zu schüren, sondern zu verstehen und für die Zukunft zu lernen.

Völkermord und Vergewaltigungen

Die Geschichte beweist: Gewalt ist nicht Neues, sie war immer da. Der Historiker Dieter Pohl beschäftigte sich etwa mit dem nationalsozialistischen Vernichtungskrieg, in dem Gewalt häufig öffentlich inszeniert wurde. Auch nach 1945 ist die Zeit der Kriege nicht vorbei.

Prof. Dr. Dieter Pohl, Historiker im Interview zum Thema Gewalt.

Die Psychologin Barbara Abdallah-Steinkopff weiß, dass Vergewaltigungen in einigen Ländern Teil der Kriegsstrategie sind. Sie finden oft vor den Augen der Familien statt, viele Frauen werden danach verstoßen, ihnen bleibt meist nur die Flucht.

Barbara Abdallah-Steinkopff, Psychotherapeutin, Refugio München im Interview zum Thema Gewalt.

Gewalt gegen Flüchtende

Wirft man einen Blick auf die aktuellen Zahlen für Straftaten gegen Asylunterkünfte, wird deutlich, dass die meisten Übergriffe  „rechtsmotiviert“ sind:


Gewalt kann die Illusion schaffen, nicht ohnmächtig zu sein, sagte der Sozialpsychologe Heiner Keupp, der sich mit rechter Gewalt beschäftigt. Viele Menschen seien heute verunsichert und suchten in einer „alten Ordnung“ nach neuen Sicherheiten. Wer Gewalt ausübt, mache die Erfahrung, etwas bewegen zu können. Die Frage ist, weshalb manche Menschen solche Erfahrungen nicht auf einem gewaltfreien Weg machen können. Eine einfache Antwort darauf gibt es nicht.

Prof. Dr. Heiner Keupp, Sozialpsychologe über Gewalt - im Interview.

Computerspiele: Gefahr oder Chance?

Die Sehnsucht nach Gewissheit ist groß. Das zeigt sich auch bei der Suche nach Ursachen. Wenn ein Amoklauf passiert, stehen Computerspiele in der Kritik. Die Medienwissenschaftler Astrid Zipfel und Jochen Koubek finden es falsch, die Spiele zu verteufeln: Fiktive Welten dürften nicht mit der realen gleichgesetzt werden. Für Zipfel wird die Diskussion stark von Alltagsvermutungen bestimmt. Die Wissenschaft zeige dagegen, dass Mediengewalt kaum Effekte auf Aggression hat. Computerspiele zum Sündenbock zu machen, sei zu einfach. Sie zu verbieten, verstelle den Blick auf die wesentlichen Ursachen.

Prof. Dr. Jochen Koubek, Medienexperte

Einfache Antworten bestimmen den Referenten zufolge auch die Debatte um islamistischen Terrorismus, den viele mit Flüchtlingen in Verbindung bringen. „Alle Terroristen sind Moslems“ lautete der Titel des Vortrags von Andreas M. Bock. Der Politikwissenschaftler bezog sich damit auf ein Facebook-Zitat von Albert Deß (CSU). Bock fragte, wie ein deutscher Politiker eine solche Aussage vor dem Hintergrund der NSU-Morde machen könne.

Prof. Dr. Andreas M. Bock, Politikwissenschaftler

Das Verständnis für die Relationen scheine gestört zu sein. Gewalt produziere Bilder, die nicht mehr aus den Köpfen gehen, sie schaffe eine Atmosphäre der Unsicherheit. Zur Definition von Terrorismus gehöre, dass er Angst und Schrecken verbreitet. Das Bild eines gefährlichen islamistischen Terrorismus habe das Denken stark besetzt. Um die Realität der Fakten gehe es nicht mehr, sondern um die der Gefühle. Die Gesellschaft scheine in zwei Realitäten zu leben. Bock sieht weder im islamistischen Terrorismus noch im Rechtsterrorismus die größte Gefahr, sondern in der Spaltung der Gesellschaft.

Das Fazit der Tagung: Der Mensch neigt dazu, die Welt in Gut und Böse einteilen zu wollen. Doch das Bild, das die Wirklichkeit bietet, ist uneindeutig. Vorverurteilungen oder Verbote können jedoch wenig gegen eine Gewalt ausrichten, die keine Grenzen kennt. Auf der Tutzinger Tagung wurde klar: Man muss den Menschen Handlungsalternativen bieten. Dafür muss man mit ihnen sprechen. Das ist die Verantwortung, die die Gesellschaft trägt, um der Gewalt etwas entgegensetzen zu können.


Impressum:

Die „Tutzinger Thesen“ sind ein Multimedia-Format der Evangelischen Akademie Tutzing.
Produktion und Redaktion: Online-Redaktion im EPV, Rieke C. Harmsen (verantwortlich).

Interviews: Rieke C. Harmsen

Text: Ana Maria Michel
Kamera: Frank Heinig
Schnitt: Anja Schürenberg

Wir freuen uns über Ihr Feedback und Hinweise: cme@epv.de.

Tutzing, im Dezember 2016.