Leben in der Utopie – Wie Gemeinschaften funktionieren

Sieben Linden, Schlossgemeinschaft Tempelhof und Findhorn sind die Namen von Ökodörfern, die sich in Deutschland etabliert haben. Bundesweit gibt es inzwischen mehr als hundert solcher ökologischen Wohnprojekte.

Die Ökodörfer suchen nach praktikablen Lösungen für die Konflikte der modernen Welt – soziale Ungleichheit, Umweltzerstörung, Kapitalismus. Die Fragen, die sich in den Gemeinschaften stellen, ziehen sich durch alle Lebensbereiche: Wie frei kann der Einzelne sein, wenn er Verantwortung für die Gemeinschaft übernehmen muss? Wie lassen sich Arbeit und Einkommen gerecht verteilen? Wie gehen wir mit Konflikten und unterschiedlichen Wertvorstellungen um?

Auf der Tagung „Ökodorf: Weltflucht oder Zukunftslabor“ von 28. bis 30. April 2017 diskutierten Bewohner, Interessierte und Experten über die unterschiedlichen Dimensionen, die ein Zusammenleben in utopisch gedachten und teils verwirklichten Gemeinschaften mit sich bringen. Eine multimediale Dokumentation der Ergebnisse.


Soziales Biotop: Ökodörfer

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Leben nach ökologischen Prinzipien

Michael Würfel lebt zusammen mit seiner Familie im Ökodorf Sieben Linden. Die Gemeinschaft zeichnet sich vor allem durch ihre ökologischen Prinzipien aus: energiesparende Strohballenhäuser, Komposttoiletten, Einsatz von fossilen Brennstoffen. Solche Baukriterien sind Regeln, nach denen die Gemeinschaft lebt. Aber Würfel weiß, dass jedes ökologische Konzept an soziale Grenzen stoßen kann. „Diskutieren Sie mit Erwachsenen über das richtige Lüften von Räumen – da sind sich die wenigsten einig“, sagt Würfel und lacht.

Grundstein sei der Aufbau einer Gemeinschaft mit Wertschätzung und Vielfalt. Das gelinge durch gemeinsame Erlebnisse etwa auf Reisen oder gemeinsame Projekte. „Nur durch die Beschäftigung miteinander, baut man gemeinsame Werte auf, die essentiell sind“, sagte Würfel.

Ökodörfer haben hohe soziale Kompetenzen

Um Konflikte bewältigen zu können, ist Würfel zufolge eine gute Kommunikation unabdingbar. Dazu benötige es viele Treffen, Absprachen, Abstimmungen und Sitzungen. Natürlich sei es ein langer Lernprozess, aber so könne die Gemeinschaft zu einem Konsens finden und respektvoll mit verschiedenen Meinungen umgehen.

„Das ‚Wir‘ setzt sich aus den vielen ‚Ichs‘ zusammen“, sagte Würfel. Nur wer sich selbst verwirkliche, könne sein größtmögliches Potential in die Gemeinschaft einbringen.

Kunst und Kreativität stärken die Gemeinschaft

Aber auch Kunst und Kreativität dürften nicht zu kurz kommen. „Wir müssen unsere kleinen Rituale selbst schaffen“, sagte Würfel. Besonders durch die Abgeschiedenheit auf dem Land sei es wichtig, kulturelle Angebote für die Gemeinschaft zu finden.

Zudem sollten Ökodörfer nie den Bezug zur Außenwelt verlieren. Es gebe immer Möglichkeiten zur Vernetzung – etwa durch den Kontakt mit zufällig vorbeikommenden Wanderern, die sich für das Grundstück interessierten, oder durch den Verkauf eigener Produkte. Vor allem tragen die tausenden Seminarteilnehmer, die jedes Jahr nach Sieben Linden kommen, die kreativen Innovationen in die Gesellschaft.


Ökodorfer & Finanzen

Wie finanzieren sich Ökodörfer und ökologische Gemeinschaften?

Doch wie sieht es mit der wirtschaftlichen Dimension von Ökodörfern aus? Wie lässt sich der Lebensunterhalt finanzieren? Wie werden Geld und Arbeit verteilt? Der Mitbegründer der  Kommune Lossehof in Kassel, Steffen Andreae, präsentierte dem Plenum das Konzept einer gemeinsamen Kasse, in die alles vorhandene Geld fließt. Der Autor und Kommunalpolitiker engagiert sich für die Grüne Liste Kaufungen und arbeitet für BTQ-Kassel, einem Beratungsbüro für Betriebsräte, das Unternehmen bei der Einführung neuer Technologien zur Seite steht und sich für die Interessen der Arbeitnehmer einsetzt.

Für Steffen Andreae ist die gemeinsame Kasse optimal für Gemeinschaften: Denn es gibt kein privates Vermögen mehr. „Wir haben die gleichen Wünsche und Verwirklichungsziele“, erklärt Andreae. „Deshalb funktioniert es.“

Wirtschaft & Ökodorf: Steffen Andreae lebt in Lossehof.


Andere Gemeinschaften finanzieren sich durch freiwillige oder verpflichtende Anteile. Welche Art der Finanzierung umgesetzt wird, hängt auch von der Organisationsform ab. Ungelöst ist für die Genossenschaften oder Vereine, wie Renten finanziert werden können.

Wirtschaftliche Faktoren sind für die Bewohner meist nicht das ausschlaggebende Argument für das Leben in der Gemeinschaft. Ihnen kommt es vor allem auf das Gemeinschaftsgefühl an. „Jeder Mensch will von Natur aus zur Gruppe etwas beitragen“, sagt Barbara Stützel aus dem Zentrum für Experimentelle Gesellschaft-Gestaltung (ZEGG). „Deshalb müssen wir Situationen schaffen, in denen das ermöglicht wird“. Und so gelänge auch eine Gemeinschaft auf Augenhöhe, die trotz Spannungen einander zuhört, bereit für Veränderungen ist und Lösungen finden könne.


Ökodörfer: Video-Interviews

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Die Studienleiterin der Tagung, Katharina Hirschbrunn, hat die zentralen Thesen in einem Bericht zusammengefasst und informiert über die nächsten Tagungen mit ähnlichem Themenschwerpunkt. Einen persönlichen Eindruck von der Tagung hat die  Teilnehmerin Angelina Schaefer auf dem Blog der Evangelischen Akademie Tutzing verfasst.

Die Landwirtin: Solidarische Landwirtschaft

Maja Lukoff, ökologische Landwirtin, Schlossgemeinschaft Tempelhof. Verbindender Hintergrund der Gemeinschaft von Schloss Tempelhof ist der gemeinschaftliche Einsatz für das Wir, um für jeden Beteiligten einen Raum zu gestalten, in dem er seine persönlichen geistig-spirituellen und praktischen Wege gehen kann. Als Vision formuliert die Gemeinschaft: „Wir haben kein geistiges, politisches Dogma oder theoretische Glaubensvorgaben irgendwelcher Art. Wir erkennen in dieser Vielfalt gleichzeitig – jeder auf seine Weise – eine geistige Wirklichkeit an, die größer ist, als unsere ganz persönliche.“

Maya Lukoff zu Ökodörfern in Deutschland

Der Autor: Visionen für Schloss Tempelhof

Dr. Geseko von Lüpke ist freier Journalist und Buchautor. Seit zwanzig Jahren publiziert der promovierte Politologe für Zeitungen, Zeitschriften und den Rundfunk Beiträge über alternative Lebensformen und Ökodörfer. Er wirkte mehrere Jahre am Aufbau der Gemeinschaftsinitiative mit, aus der dann das Schloß Tempelhof im schwäbischen Kreßberg wurde, und wohnt heute in einer kleinen Gemeinschaft im Südosten von München. Parallel bietet er Vorträge, Seminare und Fortbildungen zur Tiefenökologie und Visionssuche in der Wildnis an.

Geseko von Lüpke über Ökodörfer

Die Wissenschaftlerin: Zukunftsperspektiven leben

Dr. Iris Kunze ist Gemeinschaftsforscherin und arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für Globalen Wandel & Nachhaltigkeit der Universität für Bodenkultur Wien. Dort erforscht sie derzeit in drei Forschungsprojekten soziale Innovationen in gemeinschaftsbasierten Initiativen. Von 2001 bis 2011 hat sie den Forschungsschwerpunkt Gemeinschaftsforschung an der Universität Münster maßgeblich mit entwickelt. Kunze ist Gründungsmitglied des 2008 gegründeten unabhängigen Instituts für Integrale Studien in Freiburg und lebt im Ökodorf Sieben Linden.

Iris Kunze über Ökodörfer

Der Wissenschaftler: Klimaschutz in Ökodörfern

Dr. Marcus Andreas ist Affiliate am Rachel Carson Center for Environment and Society der Ludwig-Maximilians-Universität München, Mitbegründer des Forschungsnetzwerks Research in Community e.V. und als Projektmanager im Bereich des kommunalen Klimaschutzes bei adelphi in Berlin tätig. Andreas ist Ethnologe und interessiert sich für das Zusammenspiel zwischen Ökodörfern und den Regionen, in denen sie liegen.

Marcus Andreas über Ökodörfer

Die Kulturschaffende: Schreiberin im Ökodorf

Dr. Hildegard Kurt ist freie Kulturwissenschaftlerin und Autorin. Sie hat 1999 an der Humboldt-Universität zu Berlin über „Impulse aus der Kunst zur Überwindung der Konsumkultur“ promoviert. Außerdem ist sie Mitbegründerin des Berliner „und-Instituts“ für Kunst, Kultur und Zukunftsfähigkeit, das seit 2004 Kunst- und Kultur- sowie Wissenschafts- und Forschungsprojekte zu ökologischer Verantwortung, nachhaltiger Entwicklung und sozialer Teilhabe macht.

Hildegard Kurt über Ökodörfer

Praxis-Beispiel: Wie baue ich eine Kompost-Toilette?

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Die ökologische Toilette zum Nachbauen

„Bau und Funktionsweise einer Kompost-Toilette“ lautete der Titel des Workshops von Jorge Dzib und Ricardo Pfeiffer. Die gebürtigen Südamerikaner leben seit zwei Jahren in Freising, wo sie sich der solidarischen Landwirtschaft widmen. Eines ihrer Kernthemen ist die Kompost-Toilette.

Warum eine Kompost-Toilette?

Die Argumente für eine Kompost-Toilette liegen auf der Hand: sie spart Wasser, Exkremente und Urin sind natürliche sowie kostenlose Düngermittel. Außerdem muss keine zusätzlich Energie für Wassertransport oder -reinigung aufgewendet werden, was Klärwerke entlastet.

Welche Arten von Kompost-Toiletten gibt es?

Zunächst gibt es zwei Möglichkeiten: Der Kompostiervorgang kann entweder unterhalb der Toilette oder an einem anderen Ort stattfinden.

Wird der Kompost unter der Toilette gesammelt, benötigt es entweder ein mehrschichtiges Grubensystem, das tief in den Boden hineinreicht, oder zwei verschiedene Toiletten, von denen jede jeweils ein Jahr im Gebrauch ist. Danach wechselt der Nutzer zur anderen Toilette, während unter Ersterer die Exkremente kompostieren.

Soll die Kompostierung an einem anderen Ort stattfinden, kommt je nach Platz ein bewegbarer Container oder ein Eimer unter den Toilettensitz.

Gibt es gesundheitliche Bedenken?

Menschliche Exkremente können krankheitserregende Mikroorganismen enthalten, die jedoch in freier Umgebung nicht überlebensfähig sind. Daher ist die Zahl der Krankheitserreger gering, ein Restbestand bleibt jedoch immer. Die Vermehrung der Bakterien hängt vor allem von den Umweltbedingungen ab wie Temperatur oder Feuchtigkeit. Bei normalem Gebrauch und ordnungsgemäßer Kompostierung der Fäkalien gibt es allerdings keinen Grund für hygienische Bedenken.

Wie wird eine Kompost-Toilette gebaut?

Jorge Dzib und Ricardo Pfeiffer nutzten eine Software für die Planung ihrer Kompost-Toilette. Das Ziel war eine möglichst schlichte Toilette, die innerhalb der zwei Stunden Workshop gebaut werden konnte und essentielle Funktionsweisen erklärt. Das Ergebnis war ein Holzthron, der Urin und Exkremente getrennt voneinander sammelt.

Um Geruchsbelästigung zu vermeiden empfahlen die Bauherren grobes, zellulosehaltiges Material wie Hobelspäne für den Eimer und einen geschützten Platz im Freien als Standort. Ricardo Pfeiffer (li) und Jorge Dzib (re) brachten das Holz vorgefertigt zum Workshop mit.

Geplant haben die beiden Landwirte die Kompost-Toilette mit einer Software. Allerdings war das ursprüngliche Modell etwas zu aufwendig für die beschränkte Workshop-Zeit. Zuerst werden die Holzplatten so aneinandergeschraubt, dass der Unterbau der Toilette entsteht. An der Vorderseite des Unterbaus gibt es eine Stufe für die Füße. Mit wenigen Schrauben und Handgriffen ist der Unterbau fertig. Jetzt fehlen nur noch das Innenleben und die Sitzfläche.

Unter der Sitzfläche gibt es einen Eimer für die Fäkalien. Im Kanister darunter wird der Urin gesammelt. Der Trichter ist über einen Schlauch mit dem Kanister verbunden. Ein Filtersieb sorgt dafür, dass keine ungewollten Materialien im Urin-Behälter landen.

Hinter der Tür verschwindet das Innenleben des Unterbaus. Die Sitzfläche besteht aus zwei Balken. Wer mehr Zeit hat, kann auch ein Loch aussägen. Im Behälter neben der Kompost-Toilette befinden sich Sägespäne, die nach jeder Sitzung in den Eimer geschaufelt werden.


Impressum

Das Multimedia-Format „Tutzinger Thesen“ wird herausgegeben von der Evangelischen Akademie Tutzing.

Produktion & Projektleitung:
Rieke C. Harmsen, Leitung Abteilung Crossmedia im Evangelischen Presseverband für Bayern

Studienleitung Tagung Ökodörfer:
Katharina Hirschbrunn, Studienleiterin, Evangelische Akademie Tutzing
Dr. Manuel Schneider, Geschäftsführer, Selbach-Umwelt-Stiftung sowie Bündnis Nachhaltigkeit

Redaktion:
Rieke C. Harmsen, Cathrin Clemens.
Schreiben Sie uns Ihr Feedback: rharmsen@epv.de.

Tutzing, im Mai 2017.