Home
Tutzinger Erklärung
Schritte zu einem nachhaltigen Konsum

Status: 2. Vor-Entwurf

  • Die Diskussion zu einer Erklärung zum nachhaltigen Konsum wurde im Rahmen eines am 9./10.Mai 1996 im Umweltbundesamt durchgeführten Fachgespräches begonnen.
  • Sie wurde im Rahmen der Tagung "Trendsetter - Schritte zum nachhaltigen Konsumverhalten am Beispiel der privaten Haushalte (Initiativen-Projekte-Rahmenbedingungen)" der Evangelischen Akademie Tutzing am 7.-9. März 1997 anhand eines 1. Vor-Entwurfs in einer Arbeitsgruppe und im Abschlußplenum fortgesetzt.
  • In den vorliegenden 2. Vor-Entwurf (Stand 18.3.1997) wurden die Anregungen aus diesen Diskussionen eingearbeitet.
  • nächste Schritte:
    Das vorliegende Papier dient als Grundlage für die weiteren Diskussionen der Akteure. Stellungnahmen und Verbesserungsvorschläge sind zu richten an Harald Neitzel oder Dr. Martin Held.
    Fortsetzung der gemeinsamen Diskussion mit Vertreterinnen und Vertretern aller interessierten Akteure (Ort und Zeit werden noch geklärt)


0. Zur Begründung der Erklärung

Nachhaltiger Konsum ist ein gesellschaftlicher Prozeß, an dem sich zum Beispiel (alphabetisch geordnet) entwicklungspolitische Organisationen, Gewerkschaften, Handel, Handwerk, Industrie, Kirchen, Kommunen, Landwirtschaft, soziale Organisationen, Staat, Umweltverbände, Verbraucherorganisationen und die Wissenschaft beteiligen.

Diese Initiative zu einer "Tutzinger Erklärung" ist eine Einladung zu einer gemeinsamen Diskussion über Ziele und Schritte zum nachhaltigen Konsum. Dabei sollen sowohl der erreichte Konsens formuliert als auch Interessensunterschiede beachtet und - wenn möglich - überbrückt werden. (Diese Initiative knüpft an die Ende der 80er Jahre entstandene "Tutzinger Erklärung zur umweltorientierten Unternehmenspolitik" an, die in der Wirtschaft eine Fülle von konstruktiven Diskussionen und Maßnahmen ausgelöst hat.)

Unter dem Begriff "nachhaltiger Konsum" wird ein Niveau des Verbrauchs an Ressourcen und der Belastung der Umwelt verstanden, das als zukunftsfähig für spätere Generationen und auch als gerecht im Hinblick auf die derzeitige globale Verteilung der Ressourcen angesehen werden kann. Dabei werden soziale Aspekte des Konsums berücksichtigt.

Die Förderung und Entwicklung des nachhaltigen Konsums gehört zu den essentiellen Bestandteilen des Leitbildes einer nachhaltigen Entwicklung weltweit. Leider haben einer Umfrage zufolge erst 11 % (West) bzw. 7 % (Ost) der Bevölkerung von dem Konzept der nachhaltigen Entwicklung gehört, obwohl allein der private Verbrauch - also der durch "Konsum" abgedeckte Teil der Wirtschaft - 56 % des Bruttoinlandsprodukts in Deutschland ausmacht. Aus Ökobilanzen wird deutlich, daß die überwiegende Umweltbelastung bei vielen Produkten in der Nutzungsphase entsteht. Schließlich ist festzuhalten, daß derzeit ca. 80 % der weltweit jährlich verbrauchten Ressourcen von lediglich 20 % der Weltbevölkerung in Anspruch genommen werden.

Im Rahmen der Konkretisierung der Schritte zu einem nachhaltigen Konsum ist von Interessensunterschieden zwischen Wirtschaft, Staat und den Nichtregierungsorganisationen und begrenzten Handlungsspielräumen der einzelnen Bürgerinnen und Bürger auszugehen. Die Bedingungen für eine breite Umsetzung nachhaltigen Konsums zu verbessern ist vorrangig eine Aufgabe von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft über Zukunftsgestaltung und kann nicht primär vom Einzelnen und seinem individuellen Verhalten abhängig gemacht werden. Allerdings stehen dem Einzelnen auch heute schon im Rahmen seiner unterschiedlichen Rollen bzw. seines Rollenverhaltens eine Fülle von Möglichkeiten zu "nachhaltigem Verhalten" zur Verfügung. Alle Akteure sollten dazu beitragen, hierüber zu informieren, zu motivieren und Handlungsmöglichkeiten zu schaffen. Initiativen für Schritte zu nachhaltigem Konsumverhalten, die bereits derzeit in vielen Projekten und Aktionen auf den Weg gebracht werden, sind dabei zu fördern. Ebenso bestehen für die Marktanbieter bereits heute Spielräume, Angebote für ökologisch orientierte Konsumentinnen und Konsumenten zu schaffen.

Grundlage für nachhaltigen Konsum ist die Entwicklung neuer Wohlstandsorientierungen in Anlehnung an die Diskussion um "neue Wohlstandsmodelle". Diese sind von den Pionieren in allen gesellschaftlichen Gruppen zu entwickeln, in die eigenen Kreise hinein zu tragen und dort in dem jeweiligen Handlungsrahmen umzusetzen. Besondere Beiträge für diesen sozialen Lern- und Suchprozeß können hierzu durch die Aus-, Fort- und Weiterbildungseinrichtungen sowie durch Kultur und Kunst eingebracht werden.


1. Die Verständigung über neue Leitbilder

Nachhaltiger Konsum erfaßt alle Lebens- und Haushaltsbereiche. Bei der Verständigung über Leitbilder nachhaltiger Konsummuster muß von der Pluralität der unterschiedlichen Lebensstile ausgegangen werden. Unterschiedliche Lebensabschnitte sind dabei ebenso von Bedeutung wie die Berücksichtigung des Geschlechterverhältnisses. Leitbilder können für die Allgemeinheit Orientierung geben und zugleich Pionieren eines veränderten Konsumverhaltens Unterstützung und Anreize für deren Fortentwicklung bieten. Damit ist der zunehmenden Aufsplitterung zu entgehen, bei der nachhaltiger Konsum in einem Bereich und nicht nachhaltige Konsumgewohnheiten in anderen Bereichen gegeneinander ausgespielt werden können.

Bei der Formulierung von Zielen für einzelne Teilgebiete wie Abfall, Energie, Ernährung, Freizeit, Verkehr, Wasser, Wohnen und Gesundheit sind Indikatoren und Zeitpläne für geeignete operational umsetzbare Zwischenziele zu finden und festzulegen. Auf dieser Basis sind gegebenenfalls Prioritäten zu setzen.


2. Erschließung neuer Themen

Eine effektive Änderung des Konsums umfaßt mehr als ein umweltbewußtes Kaufverhalten. Daher sind neue Themen zu erschließen und zu aktivieren, wie

  • Verringerung der Energie- und Stoffströme durch Energieeinsparung und weniger Material- und Produktverbrauch;
  • Entwickung und Stärkung regionaler Wirtschaftskreisläufe, auch um mehr Transparenz und Vertrauen/Verständnis für Wirtschaftsprozesse zu gewinnen;
  • gemeinsame Nutzung von Produkten, wie z.B. beim Car-Sharing;
  • Förderung ökologisch vorteilhalfter langlebiger Produkte (durch Garantie- und Reparaturleistungen, Preisstruktur); dabei aber auch ökologisch vorteilhafte Innovationen nicht abbremsen;
  • reparaturfreundliche Konstruktionen;
  • Rücknahmestrukturen und recycelbare Komponenten;
  • Ausweitung des Angebotes ökologischer Landbauprodukte;
  • sozialverträglich und ökologisch hergestellte Produkte aus Entwicklungsländern im Rahmen eines fairen Handels.

3. Voraussetzungen zur Förderung des nachhaltigen Konsums

Die einzelnen Schritte hängen von einer Reihe von grundsätzlichen Voraussetzungen ab, z.B.:

  • Anerkennung dieses Themas als Herausforderung für die staatliche Politik;
  • "wahre" Produktpreise durch eine ökologische Durchdringung des Steuersystem ("ökologische Steuerreform") und fairem Handel mit Produzentenstaaten des Südens;
  • weitere Stärkung des umweltbewußten Managements der Unternehmen in Industrie und Handel, das auch die Folgen für ein umweltorientiertes Verbraucherverhalten einbezieht und einschlägige Angebote schafft;
  • Fortentwicklung und Förderung bereits vorhandener Initiativen und Instrumente der Produktkennzeichnung und -bewertung einschließlich der besseren Information;
  • Fortentwicklung der Umweltberatung und Verbraucherinformation durch nichtstaatliche Organisationen sowie deren Förderung durch staatliche Stellen und Stiftungen;
  • Fortentwicklung des Umweltbewußtseins durch Bildung und Pflege eines Bewußtseins für Nachhaltigkeit in der Bevölkerung, auch in der schulischen Ausbildung und der Umweltkommunikation sowie Förderung des Schrittes vom Bewußtsein zum Verhalten.

Die Umsetzungschritte sind nach den verschiedenen Handlungsebenen zu präzisieren. Dies gilt sowohl für die verschiedenen Akteure wie Politik, Wirtschaft und Verbände als auch für die staatlichen Ebenen in Bund, Ländern und Kommunen. Dies gilt zugleich für die Ebene des Verbraucherverhaltens einschließlich der Initiativen zum nachhaltigen Konsum und die Ebene der Marktanbieter "vor Ort".

4. Wissenschaftliche Fundierung

Erforderlich ist dabei eine wissenschaftliche Fundierung, um durch Modellprojekte das Wissen um die Zusammenhänge von Umweltbewußtsein, Umweltverhalten und Lebensstilfragen im Rahmen der Nachhaltigkeit fortzuentwickeln und auch die Potentiale, Effekte und Prioritäten eines nachhaltigen Verbraucherverhaltens erkennen zu können. Dabei ist besonders zu erforschen, wie die drei Quellen der Nachhaltigkeit - Ökologie, Ökonomie und Soziales - sinnvoll miteinander verknüpft werden können:

  • wissenschaftliche Begleitung, Auswertung und Unterstützung von Modellprojekten nachhaltiger Konsumweisen und beispielhafter Initiativen zu nachhaltigen Lebensstilen unter Beteiligung der Akteurskette, insbesondere Wirtschaft und Verbraucher;
  • Auseinandersetzung mit den hemmenden und fördernden verhaltensbezogenen Faktoren des nachhaltigen Konsums; Ausarbeitung des Konzepts sozialer Innovationen als Komplement zu den technischen Innovationen sowie Untersuchung beispielhafter sozialer Innovationen für nachhaltigen Konsum; Aktivierung von Aus-, Fort- und Weiterbildung zur Schaffung von Bewußtsein für die Notwendigkeit nachhaltigem Konsums;
  • Ökobilanzen über die Herstellungs- Nutzungs- und Entsorgungsphase von Produkten einschl. der Konzepte zur Umsetzung der in Ökobilanzen erkennbaren Schwachstellen;
  • Potentialrechnung der Effekte von Handlungsempfehlungen einschl. der hiermit verbundenen Aufwertung der sogenannten "Marginalien" des Verbraucherverhaltens ("30-Millionen-Haushalte-Effekt");
  • Entwicklung von Indikatoren einer Erfolgskontrolle.

5. Probleme und Schwierigkeiten

Zahlreiche gesellschaftliche und individuelle Faktoren hemmen ein nachhaltiges Verbraucherverhalten. Sie sind als Problem und Schwierigkeit zu erkennen. Gleichzeitig gilt es, solche Hemmnisse zu überwinden. So können Chancen eher wahrgenommen werden, Motivation für nachhaltiges Verbraucherverhalten zu schaffen bzw. die vorhandenen wesentlichen Motive wie Gesundheit, finanzielle Einsparpotentiale und Verantwortung für die nachfolgenden Generationen zu stärken.

6. Beiträge der Beteiligten im Rahmen eines gemeinsamen Umsetzungsprozesses

Die Förderung nachhaltigen Konsumverhaltens ist eine Gemeinschaftsaufgabe von Staat, Wirtschaft, Medien und Gesellschaft sowie der Politiker und der Parteien. Dabei ist es wichtig, daß alle Akteure ihre Handlungsmöglichkeiten besser verstehen und auszuschöpfen lernen und sich dabei im Rahmen ihres Verantwortungsbereiches zu bestimmten Beiträgen verpflichten. Dazu ist es für alle Beteiligten notwendig, sich im Wege des Dialogs sowohl mit den Anregungen und Anliegen der anderen Beteiligten als auch den von diesen angestrebten Ziele auseinanderzusetzen und diese im Rahmen der Möglichkeiten zu beachten. Dies sollte mit dem Leitgedanken der Vernetzung unter Achtung der jeweiligen essentiellen Eigeninteressen geschehen (die folgende Aufzählung erfolgt in alphabetischer Reihenfolge, mit der Reihe ist keine Gewichtung verbunden).

  • Entwicklungspolitische Organisationen: z.B. Stichworte: globale Gerechtigkeit, fairer Handel, gerechtes Weltwirtschaftssystem;
  • Gewerkschaften: z.B. Sensibilisierung der Arbeitnehmer über Umweltfolgen der Produktion und des Konsums, Forderung an Staat und Wirtschaft zur Verbesserung der Rahmenbedingungen für die Verwirklichung nachhaltiger Konsummuster durch Arbeitnehmer;
  • Handel: z.B. Listung und Herausstellung ökologisch optimierter Produkte, Information und Beratung über ökologische Produktinformationen und Warenkennzeichen, Aufbau von Leihangeboten und Rücknahmestrukturen wo sinnvoll, Sponsoring;
  • Handwerk: z.B. werterhaltende günstige Reparaturleistungen, nachhaltige Materialbeschaffung, Angebot umweltschutzorientierter Leistungen und integriertem Service;
  • Industrie: z.B. kontinuierliche Optimierung von Produktion und Produkten nach ökologischen und sozialen Kriterien, Aufbau von Produktionskreisläufen, effiziente Verbraucherinformation, Werbung zur Vermittlung von nachhaltigem Konsum nutzen, Sponsoring;
  • Kirchen: z.B. Aktualisierung ihrer Ethik-Traditionen für die Ziele der Nachhaltigkeit, Darstellung der Zusammenhänge von Umweltschutz und Lebensstilfragen, Gewinnung der Bevölkerung für angepaßte Lebensstile, eigene Einrichtungen für beispielgebendes Verhalten nutzen;
  • Kommunen: z.B. Förderung lokaler Umsetzungsmöglichkeiten insbesondere bei Gas, Recycling, Strom, Wasser, Verkehr und Recycling, regionale Beschaffung, Entwicklung und Umsetzung einer lokalen Agenda 21;
  • Landwirtschaft: z.B. stark erhöhtes Angebot an ökologischen Landbauprodukten, artgerechte Tierhaltung;
  • Staat (Bund und Länder): z.B. Schaffung von Anreizen für Wirtschaft und Verbraucher, Einsetzen des ordnungspolitischen Instrumentariums wo zielführend, Fördermittelvergabe nach nachhaltigen Kriterien, Förderung von Nichtregierungsorganisationen zur Wahrnehmung ihrer Initiativrolle, Fortentwicklung der Informationsangebote, Vorbildfunktion durch nachhaltige Beschaffung, Abbau von Gesetzen und Verordnungen, die die Entwicklung eines nachhaltigen Konsums behindern;
  • Umweltberatung: z.B. Initiierung von Dialogen und Förderung des Diskurses mit Industrie, Handel und Handwerk, Entwicklung von Konzepten und Strategien mit Maßnahmen- und Zeitplänen zur Umsetzung von "Wissen in Handeln", Begleitung von strukturellen, finanziellen und ordnungsrechtlichen Maßnahmen zum nachhaltigen Konsum, Begleitung von lokalen Agenda 21 Prozessen
  • Umweltverbände: z.B. Betonung der Bedeutung des Konsum-verhaltens im Rahmen einer nachhaltigen Entwicklung, Forderungen an Staat und Wirtschaft;
  • Verbraucherorganisationen: z.B. Sensibilisierung und Information der Verbraucherinnen und Verbraucher über die Notwendigkeit und Vorteile nachhaltigen Konsumverhaltens, Forderungen an Staat und Wirtschaft;
  • Werbewirtschaft: z.B. Mitwirkung bei der Popularisierung nachhaltiger Lebensstile, Förderung der Akzeptanz zur sachgerechten Einbeziehung von Umweltaussagen in die Werbung, Unterstützung dieser Aussagen durch kreative Entwicklung neuer Ästhetiken;
  • Wissenschaft: z.B. Ermittlung der fördernden und hemmenden Faktoren nachhaltigen Konsums, Kommunikation der Bedingungen von Erfolgen.

Diese Aufzählung ist nicht als erschöpfend und abschließend zu verstehen. Vielmehr gibt es eine Reihe weiterer wichtiger Akteure wie beispielsweise Bildungseinrichtungen, Kultur und Kunst und soziale Organisationen. Eine besondere Bedeutung kommt den Medien zu, da die Weiterentwicklung und Konkretisierung von nachhaltigen Lebensstilen nicht eine rein individuelle Angelegenheit einzelner Konsumentinnen und Konsumenten ist, sondern gesellschaftliche Fragen angesprochen werden, die für eine öffentliche Diskussion und Transparenz von großer Bedeutung sind. Ebenso kommt den bereits wiederholt angesprochenen Initiativen eine große Bedeutung zu, die jedoch nur zum Teil über feste Organisationsformen verfügen, die den o.a. Akteuren vergleichbar sind. Für den gesellschaftlichen Innovationsprozeß in Richtung nachhaltigem Konsum sind gerade Pioniere besonders wichtig.

Gesamtgesellschaftlich bedeutsame Schritte zum nachhaltigen Konsum werden nur dann erfolgreich beschritten werden können, wenn es zu Verständigungsprozessen und Vernetzungen zwischen den Akteuren, z.B. im Rahmen von Modellprojekten, kommt. Benötigt werden neue Allianzen, Initiativen und die Mitwirkung von Persönlichkeiten, diese Prozesse in Gang zu bringen, fortzuentwickeln und zu moderieren.

Berlin/Tutzing 18. März 1997

Umweltbundesamt Tel. 030/8903-3703
Harald Neitzel Fax - 3099

Evangelische Akademie Tutzing Tel. 08158/251-116
Dr. Martin Held Fax 251-133


© epv.service