Keine Spur von Politikverdrossenheit der Jugend!

Kurz vor der Bundestagswahl ein Rückblick auf die spannende Tagung „Jung – und politisch?“ – von Julia Wunderlich

„Ihr werdet euch noch wünschen, wir wären politikverdrossen!“ Dieser Tweet von Max von Webel wurde häufig zitiert auf der Workshoptagung „Jung – und politisch?“. Sie fand vom 08. bis 10.September 2017 mit rund 30 Teilnehmenden in der Evangelischen Akademie Tutzing in Kooperation mit dem Bayerischen Jugendring, dem JFF- Institut für Medienpädagogik und der Stiftung Wertebündnis Bayern statt.

„Die Jugend ist eher politiker- und parteienverdrossen, politisch ist sie aber auf jeden Fall“, so die Aussage von Ingo Leven (Kantar Public) am ersten Tagungsabend. Die von ihm vorgestellten Ergebnisse der Shell-Jugendstudie von 2015 wurden anschließend heiß diskutiert. Einige der Teilnehmenden bestätigten, dass es für junge Menschen schwer sei, einen eigenen Platz in den politischen Strukturen zu finden, da Positionen und Ämter oft besetzt sind. So beteiligen sich junge Menschen auch eher in gesellschaftspolitischen Initiativen und NGOs und seltener in Parteien oder Jugend-Parteien, so Leven. Dass dies ebenso gesellschaftspolitisches Engagement ist, war vielen der Teilnehmenden bislang nicht bewusst. „Dann handle ich ja politisch“, war eine überraschte Erkenntnis einer Jugendlichen.

Bei der Reflektionsmethode mit Julia Simon (Jugenddelegierte in der Landessynode, stv. Vorsitzende der Landesjugendkammer der Evangelischen Jugend in Bayern) kamen die Teilnehmenden auch am zweiten Veranstaltrungstag selbst zu Wort. Im Nachdenken um Barrieren im jugendpolitischen Engagement zeigte sich, dass die eigenen Privilegien als so hoch wahrgenommen werden, dass sie auf der individuellen Ebene wenig politische Forderungen und Handlungsbedarf hätten. Global seien die Probleme und Ungerechtigkeiten jedoch so enorm, dass man sich gelähmt und hilflos fühle, so einige der Teilnehmenden.

Ein neues Phänomen der Demokratiefeindlichkeit stellten Referierende des Bildungskollektivs Die Pastinaken vor; Hate Speech als eine Form der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit im Netz. Praktisch und alltagsnah probierten die Teilnehmenden Strategien der Intervention gegen Hasskommentare im Internet aus.

Ingo Dachwitz (Redakteur bei netzpolitik.org) plädierte in seinem anschließenden Vortrag für eine jugendgerechte Netzpolitik. So sollen „junge Menschen die Netzpolitik direkt mitgestalten können, da sie mit ihrem Media-Life vom Digitalen Wandel am meisten betroffen sind“. Ebenso sei die Zugangsgerechtigkeit und digitale Grundversorgung zu optimieren, da das Netz für junge Menschen ein wichtiger Punkt in der sozialen Teilhabe bedeute.

Eigene Statements zum Politischsein gestalteten die Teilnehmenden nachmittags in kreativer Form in drei parallelen Workshops zu WebVideo, AudioClip und Poetry Slam aus. Mit fachlichem Know-how unterstützen hierbei Medienpädagoginnen des JFF sowie die Poetry Slammer Carmen Wegge und Philipp Potthast.

Burkhard Hose (Hochschulpfarrer der KHG Würzburg) berichtete am letzten Tagungstag von seinen Erfahrungen in der Arbeit mit Studierenden, die durch das soziale Engagement mit Geflüchteten einen Zugang zum politischen Aktivsein fanden. Die Reflektion von Gerechtigkeit sei ein zentraler Moment für das stärkere politische Bewusstsein gewesen, so Hose.

Die Poetry Slam- und WebVideo-AudioClip-Präsentation machte den Tagungsabschluss: Die Tagungsgäste zeigten ihre kreativen Ergebnisse in einer parteipolitischen Runde. Die jugendpolitischen Sprecher*innen des Bayerischen Landtags mit Eva Gottstein (Freie Wähler), Dr. Gerhard Hopp (CSU) und Herbert Woerlein (SPD) sowie Katharina Schulze, Fraktionsvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen, äußerten sich beeindruckt von der Prägnanz, der Individualität und dem politischen Scharfsinn der Präsentationen. In einer Fish Bowl-Diskussion diskutierten die Politiker*innen und Teilnehmenden Themen wie bezahlbaren Wohnraum, Digitalisierung, Armut und Flüchtlingspolitik.

„Ihr werdet euch wünschen, wir wären politikverdrossen!“ – Dieser Tweet wurde auf der Workshoptagung „Jung – und politisch?“ insofern wahr, als dass das politische Potential und das Interesse an politischer Mitbestimmung der Jugend deutlich zu erleben war.

Einen weiteren Eindrcuk der Tagung können Sie auf den Seiten der Süddeutschen Zeitung nachlesen.

Fishbowl-Diskussion mit den Referierenden

Engagiert vertraten die Teilnehmenden ihre Meinungen

Gemeinsame Aktivitäten wie Rudern, Yoga und abendliches Lagerfeuer begleiteten die Tagung