Die Zukunft des Lernens

„Non scholae, sed vitae discimus“

Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir. Wer kennt ihn nicht, diesen aus dem Lateinunterricht allseits gut bekannten Aphorismus, dem man schlecht widersprechen kann. Und so wundert es nicht, dass auch bei der 6. Tutzinger Rede am 3. April 2017 die beiden Referentinnen zu dem einmütigen Resultat gelangten, dass der Mensch für’s Leben lernt und dieses eben Tag für Tag. Denn wer sich in unserer Gesellschaft zurechtfinden will, muss seinen geistigen Horizont kontinuierlich erweitern und die grauen Zellen auf Trab halten. Doch wie sieht gute Bildung aus, wie gutes Lernen? Was erwarten die Eltern, was die Gesellschaft? Und welche Auswirkungen hat das auf die Lehrer?

Antworten auf diese Fragen gaben Simone Fleischmann, Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV), und Prof. Dr. Ursula Münch, Direktorin der Akademie für Politische Bildung in Tutzing, die einer Einladung der Evangelischen Akademie Tutzing und des Rotary Clubs Tutzing gefolgt waren und ihre Vorstellungen von der „Zukunft des Lernens“ erörterten.

Für Simone Fleischmann steht fest, dass „sich das Lernen gravierend verändern muss. Das verständnisintensive Lernen ist dringlicher denn je.“ Darunter versteht man in der Pädagogik einen lerntheoretischen und didaktischen Ansatz, der die Verstehensprozesse von Schüler/innen wie auch die der Lehrpersonen in den Mittelpunkt stellt. Verständnisintensives Lernen ist nicht auf die Wiedergabe isolierter Fakten angelegt, sondern vielmehr auf die Darlegung von Zusammenhängen und Sinnbezügen ausgerichtet, erklärte die Pädagogin. Ihr ist es besonders wichtig, den Kindern und Jugendlichen im Unterricht so etwas wie „Haltung“ zu vermitteln. Innerhalb der Lehrerschaft beobachte sie mit Sorge die zunehmende Aggressivität in der Sprache und in den Umgangsformen. Nicht nur in der Schule, sondern in vielen Bereichen des Lebens – in der Politik, den Medien, in den sozialen Netzwerken. „Wir beobachten, wie extreme Gruppierungen und Personen den Boden bereiten für Zwietracht und Gewalt. Das gefährdet unsere Demokratie“, erklärte Fleischmann dem Publikum. Der BLLV habe dagegen das Manifest „Haltung zählt“ erarbeitet, das bereits von zahlreichen Prominenten unterstützt würde. Haltung zeigen, Mut haben, sich zu etwas bekennen – darauf käme es beim Wissenserwerb in der Schule an. Auf den Punkt gebracht gilt für die BLLV-Präsidentin nach wie vor: „Bildung ist und bleibt der Schlüssel zu einer hoffnungsvollen Zukunft.“

Und wie verhält es sich mit der Bildungsvermittlung und dem Lernen an den Universitäten? Für Ursula Münch gibt es viel zu viele junge Menschen, die an die Universitäten drängen. Seien es im Jahr 2002 noch 37% eines Abiturjahrgangs gewesen, so sind es 2017 bereits 55%. Das Schlimme dabei sei, dass viele dieser Jugendlichen gar nicht in der Lage seien, ein Studium zu absolvieren. Sie wären besser beraten, wenn sie ein ordentliches Handwerk erlernen würden, erklärte die Politikwissenschaftlerin. Im Klartext heißt das laut Münch: „30% eines Studienanfängerjahrgangs haben aufgrund ihres Bildungsstandes an Universitäten nichts zu suchen.“ Da jedoch viele Eltern ihren Kindern ein Studium aus Gründen des gesellschaftlichen Aufstiegs anempfehlen, würden die Universitäten jetzt „Brückenkurse“ anbieten, um Wissenslücken bei den Studienanfängern zu schließen. Für Professorin Münch ist eines ganz klar: „Wir müssen von den jungen Menschen wieder stärker Kulturtechniken einfordern: Schreibfähigkeit, Textverständnis und –interpretation, grundlegende Mathematikkenntnisse.“

Erschwerend tritt für die Politikwissenschaftlerin hinzu, dass die gesellschaftlichen Leitplanken zunehmend an Bedeutung verlieren. Dazu gehören die Kirchen, die Gewerkschaften, die politischen Parteien, verschiedene Verbände und Institutionen. Hinzu käme, dass das Leben immer komplizierter würde und die Digitalisierung uns neue Verhaltensstrategien abverlange, erklärte München und fragte: „Was muss Lernen in Zukunft leisten, um all dem gerecht zu werden?“ Es könnte sein – so die Wissenschaftlerin – , dass in der Zukunft das Lernen gar nicht mehr an Institutionen gebunden sei und dass es Bildungsabschlüsse im herkömmlichen Sinn gar nicht mehr gäbe, sondern vielmehr die Gesellschaft vom Einzelnen persönliche Fähigkeiten und soziale Kompetenz abfragen würde.

Komme es, wie es wolle – eines blieb bei der abendlichen Diskussionsrunde unstrittig: non scholae, sed vitae discimus. Wir lernen für uns, für das Leben, jeden Tag aufs Neue. Und daran wird auch die Zukunft des Lernen im digitalen Zeitalter wohl wenig ändern.

Axel Schwanebeck

Foto rechts: Akademiedirektor Udo Hahn, BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann, Prof. Dr. Ursula München (v.l.) (c) Schwanebeck

Harald Kuhn, Präsident des Rotary Clubs Tutzing, wies in seiner Begrüßungsansprache auf das Rotary-Projekt „Sprache verbindet“ hin, bei dem Migrantenkinder im Alter von vier bis zehn Jahren beim Spielen die deutsche Sprache erlernen.

Foto: Schwanebeck

„Bildung ist und bleibt der Schlüssel zu einer hoffnungsvollen Zukunft“, erklärte BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann.

 

Foto: Schwanebeck

Für die Politikwissenschaftlerin Prof. Dr. Ursula Münch ist im Hinblick auf die Studienanfänger eines ganz klar: „Wir müssen von den jungen Menschen wieder stärker Kulturtechniken einfordern: Schreibfähigkeit, Textverständnis und –interpretation, grundlegende Mathematikkenntnisse.“

Foto: Schwanebeck

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