Das Geschenk der Versöhnung. Weihnachtskolumne von Akademiedirektor Udo Hahn im „Starnberger Merkur“.

Ohne Angst in Frieden leben – diese Ursehnsucht prägt Menschen seit jeher. Diese Vision ist der Kern der Weihnachtserzählung, wie sie im Lukasevangelium (2,1-20) berichtet und am 24. Dezember in jedem Gottesdienst erinnert wird. Ob Papst, Landesbischof, Kardinal, Priester, Pfarrerin – in jeder Predigt wird sie vorkommen.

Diese Botschaft galt den Menschen zurzeit Jesu – und sie gilt auch den Menschen heute. Der Wunsch nach einem Leben in Frieden und ohne Angst verbindet Glaubende und Atheisten. Und im Kern die Angehörigen aller Religionen. Diese Botschaft mobilisierte damals zuerst Hirten, Randsiedler der Gesellschaft. Sie machten sich auf den Weg zur Krippe, um mit eigenen Augen zu sehen, ob etwas dran ist an dieser Breaking News, an der Nachricht, die alles verändert. Und sie waren so von dieser Erfahrung der Begegnung mit diesem Jesus-Kind fasziniert, dass sie diese Nachricht nicht für sich behalten konnten und sie mit vielen teilten.

Dennoch: Angst und Unfrieden, Krieg, Terror, Vertreibung beherrschen bis auf den heutigen Tag des Weltgeschehen. Zugleich hat sich doch etwas verändert. Die Welt dreht sich nicht einfach so weiter. Es gibt dieses Innehalten, für das die Stille Nacht – die Heilige Nacht – steht. In Kriegen schweigen die Waffen, Menschen kommen aus den Schützengräben und vergessen die Angst. Es gibt Beispiele aus Kriegen, die das belegen.

Auch wenn in Familien die Weihnachtstage oft als Krisenzeiten erfahren werden und Streitigkeiten gerade jetzt aufbrechen (können), so bleibt doch die Erfahrung, dass unterm Weihnachtsbaum auch das Geschenk der Versöhnung zu finden ist.

Weihnachten ist für alle Menschen die Chance, für ein paar Stunden bzw. über die Festtage innezuhalten, nachzudenken, zur Ruhe, buchstäblich zur Besinnung zu kommen. Der Blick auf das Kind in der Krippe macht dies möglich. Er lässt keinen – das ist die Erfahrung aus dieser Begegnung – unverändert.

Viele Menschen fragen sich, ob sie angesichts des Unfriedens in der Welt friedvolle, besinnliche, ruhige Weihnachten feiern können. Das geht – im Lichte einer Perspektive, die ein Lied aus Haiti zeigt: „Wenn einer dem anderen Liebe schenkt, wenn die Not des Unglücklichen gemildert wird, wenn Herzen zufrieden und glücklich sind, steigt Gott herab vom Himmel und bringt das Licht: dann ist Weihnachten!“

Pfr. Udo Hahn
Direktor der Evangelischen Akademie Tutzing